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26.11.2021 11:40 Alter: 212 days

Zukunftsorientierte Zusammenarbeit zwischen Versorgungs- und Leitungsbauunternehmen

Eine leistungsfähige Infrastruktur für die Versorgung mit Energie und Trinkwasser ist für eine Industrienation wie Deutschland unverzichtbar. Unterirdische Rohrnetze sind zentrale Lebensadern und die Basis unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Eine zukunftsorientierte Zusammenarbeit zwischen Versorgungsund Leitungsbauunternehmen ist deshalb dringend gefordert, unterstreicht Dieter Hesselmann, Hauptgeschäftsführer des Rohrleitungsbauverbandes e. V. (rbv) in seinem Gastbeitrag für THEMEN!magazin.


Dieter Hesselmann, Hauptgeschäftsführer Rohrleitungsbauverband e. V Foto: Sabine Grothues

„Für eine hochentwickelte Industrienation wie Deutschland ist eine leistungsfähige Infrastruktur für die Versorgung mit Energie und Trinkwasser unverzichtbar. Unterirdische Rohrnetze sind zentrale Lebensadern und die Basis unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Diese herausragende Bedeutung korrespondiert mit dem hohen Aufwand, der für den Erhalt und die Weiterentwicklung der Netze erforderlich ist“. Dieter Hesselmann

Das so selbstverständliche Höchstmaß an Versorgungssicherheit in Deutschland ist das Ergebnis einer seit Jahrzehnten erfolgreichen Kooperation zwischen den im Deutschen Verein des Gas-und Wasserfaches e. V. (DVGW) organisierten Gasnetzbetreibern und Wasserversorgungsunternehmen mit den im rbv zusammengeschlossenen Leitungsbauunternehmen. Diese professionelle Kooperation gilt es stärker zu nutzen, um Herausforderungen wie Europäisierung, Digitalisierung und Fachkräftegewinnung angemessen zu begegnen.

Diese Herausforderungen veranlassten die Verbände DVGW und rbv gemeinsam mit der Bundesfachabteilung Leitungsbau im Hauptverband der Deutschen Bauindustrie e. V. (HDB) die Initiative »Zukunft Leitungsbau« zu starten. Mit diesem Projekt haben wir in sieben Schwerpunktthemen unsere gemeinsamen Interessen definiert und die Möglichkeiten und Chancen einer erfolgreichen Kooperation von Auftraggebern und Auftragnehmern im Leitungsbau beschrieben.

Leistungsfähigkeit kritischer Infrastrukturen sichern

Leistungsfähigkeit und Funktionalität der kritischen Infrastrukturen sind von entscheidender Bedeutung im Sinne der Daseinsvorsorge - im Normalbetrieb und auch in der aktuellen, pandemiegeprägten Krisensituation. Mit dieser Aussage greifen wir ein Thema auf, das unsere Energienetze für Gas, Elektrizität, Fernwärme genauso berührt wie die Netze für Trinkwasser und Abwasser.

Wer glaubt, wir als Branche könnten binnen weniger Jahre alle Umbau- und Erneuerungsmaßnahmen, oder sogar den Neubau dieser Lebensadern, unserer unterirdischen Infrastruktur, „so kurz und auf die Schnelle“ bewältigen, der disqualifiziert sich schon im Vorhinein selbst durch offensichtlich mangelnde Fach- und Sachkenntnis. Hier geht es um die Komplexität solcher Maßnahmen. Alle daran Beteiligten müssen erkennen, dass es eines kooperativen Miteinanders von Netzbetreibern und Netzdienstleistern sowie der involvierten Behörden bedarf, um gezielt, strukturiert und erfolgreich diese gewaltigen Bauaufgaben zu meistern.

Den Anlagenwert erhalten

Als Industrienation ist Deutschland darauf angewiesen, leistungsfähige netzgebundene Infrastrukturen für die Energie- und Wasserversorgung zu planen, zu bauen, zu betreiben und zu erhalten. So erreicht die wasserwirtschaftliche Infrastruktur in Deutschland vielerorts das Ende der Nutzungsdauer und es stehen vermehrt Investitionen für die Instandhaltung und Modernisierung an. Daneben muss die Wasserwirtschaft ihre Anlagen an die Rahmenbedingungen von heute und die der Zukunft anpassen. Besonders stehen dabei der Klimawandel, ein rückläufiger Wasserverbrauch sowie der demografische Wandel im Fokus.

Auf Seiten der Gaswirtschaft erfordert die Energiewende ganzheitliche Lösungen, um ein effizientes und zunehmend dezentrales Energieversorgungssystem auf Basis von erneuerbaren Energiequellen aufzubauen. Die übergreifende und abgestimmte Planung der Strom-, Gas- und Wärmenetze ist hier von besonderer Bedeutung. Für das einzelne Versorgungsgebiet wird es zunehmend wichtig, Zustand und Entwicklung der eigenen Netzsubstanz genau zu kennen und zu bewerten. Ziel muss deshalb ein professionelles, wertebasiertes Asset-Management sein.

Vorhandene Infrastruktur gemeinsam schützen

Für eine technisch sichere, zeitgerechte und kostenoptimierte Durchführung von Leitungsbauvorhaben benötigt der Auftragnehmer eine Vielzahl von Informationen über die Situation vor Ort. Ansonsten drohen Schäden durch Bagger oder anderes schweres Gerät an den vorhandenen Leitungsnetzen. Diese führen in Deutschland jährlich zu Reparaturkosten im dreistelligen Millionenbereich – die Folgen von Versorgungsausfällen und Personenschäden nicht mit eingerechnet. Durch zunehmende Bautätigkeiten im Untergrund – zum Beispiel durch den Breitbandkabelausbau – verschärft sich die Situation weiter.

Die Gas- und Wasserversorgung in Deutschland hat hohe technische Standards erreicht – mit Spitzenwerten in Puncto Versorgungssicherheit, Qualität und Nachhaltigkeit. Doch jede Störung beeinträchtigt die Versorgungssicherheit und erzeugt nicht planbaren Aufwand bei den Versorgungs- und Bauunternehmen. Deshalb hat es sich die bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Leitungsbetreiber zur Schadensminimierung im Bau (BALSibau) zur Aufgabe gemacht, diesem weit verbreiteten Problem bei Tiefbauarbeiten entgegen zu wirken.

Innovative Partnerschaftsmodelle aufsetzen

Jede Bautätigkeit birgt Risiken. Aufgrund der komplexen Verhältnisse, die einer jeden Baustelle innewohnen, ist es hilfreich, wenn Mechanismen und Methoden der Problemlösung und Entscheidungsfindung vorab vereinbart werden. Zudem können Auftraggeber erwägen, Anreizsysteme zur Optimierung ihrer Projekte zu schaffen, um zusätzlich Qualität, Geschwindigkeit und Ressourcen zu gewinnen. Die zunehmende Digitalisierung kann im Miteinander von Versorgungs- und Leitungsbauunternehmen für mehr Effizienz und eine optimierte Zusammenarbeit sorgen.

Eine frühzeitige Einbindung der Leitungsbauunternehmen durch den Auftraggeber und der beauftragten Ingenieurbüros hat nachvollziehbare Vorteile für beide Seiten: Beim Auftragnehmer können Personal- und Maschinenkapazitäten aufgebaut oder vorgehalten werden. Auftraggeber und -nehmer gelangen so zu einer identischen Auslegung des Bau-Solls. Missverständnisse, unterschiedliche Interpretationen und Fehlentwicklungen werden auf ein Minimum reduziert, da schwerwiegende Planungsfehler frühzeitig erkannt und vermieden werden können.

Den Ordnungsrahmen optimieren

Netzbetreiber und Leitungsbauer sind darauf angewiesen, dass notwendige behördliche Genehmigungen zeitnah erteilt werden. Die uneinheitliche Anwendung von Bundesvorschriften in den Ländern und Kommunen sorgt allerdings immer wieder für Bauverzögerungen, mit all ihren Nachteilen. Teilweise legen Gesundheitsämter Anforderungen zur Kontrolle des Trinkwassers regional unterschiedlich aus.

Gleiches geschieht im Bereich des Kreislaufwirtschaftsgesetzes mit den äußerst relevanten Themen Bodenaushub und -entsorgung. Lange Wartezeiten werden immer wieder durch die knappe Personalausstattung und die divergierenden Regeln der Kampfmittelräumdienste verursacht. Eine gemeinsame Initiative gegenüber den für diese Genehmigungen zuständigen Behörden zur Verkürzung von Genehmigungsverfahren könnte zu Zeit- und damit auch zu Kosteneinsparungen beitragen.

Zu Arbeiten an den Infrastrukturen des Gas- und Wasserfaches sollten nur Bauunternehmen zugelassen werden, die auch die entsprechende Eignung nachgewiesen haben. Die zugrundeliegenden Qualifizierungssysteme haben sich über viele Jahrzehnte bewährt. Sie beinhalten neben der Forderung nach einer guten Grundausbildung auch die kontinuierliche Weiterbildung der Mitarbeiter von projektbeteiligten Betrieben.

Regelwerk anwenden

Das DVGW-Regelwerk bildet die Grundlage für alle Aktivitäten in der Gas- und Wasserwirtschaft. Es umfasst nicht nur die relevanten technischen Regeln und DINNormen und bietet Handlungs- sowie Rechtssicherheit. Es garantiert zudem eine gleichbleibende Qualität von Gas und Trinkwasser sowie eine hohe Sicherheit der Versorgung und Netzzuverlässigkeit. Mitarbeiter von Versorgungs- und Bauunternehmen müssen seine Inhalte kennen und diese in der täglichen Baupraxis anwenden. Nur durch eine qualifizierte Bauausführung und entsprechend sachkundiges Personal sind Gasund Wassernetze dauerhaft betriebs- und funktionssicher zu erstellen und zu erhalten.

Zu weiteren Schwerpunkten der Initiative zählen der Bürokratieabbau und eine Imageverbesserung über die Entwicklung von Zukunftsbildern. Denn Kommunen, nachgelagerten Behörden des Genehmigungsprozesses, Planungs- und Ingenieurbüros als auch Versorgungsund Rohrleitungsbauunternehmen fehlen personelle Ressourcen und erfahrene Mitarbeiter. Deshalb muss die Versorgungs- und Bauwirtschaft für Menschen, die vor einer Berufswahl stehen, attraktiver werden.