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< Energieeffizienz: viel Potenzial für zukünftige Bundesregierung
26.11.2021 14:04 Alter: 304 days

Wo Marktdesign draufsteht, muss auch Markt drin sein

Nach der Bundestagswahl 2021 wird die Diskussion zur Weiterentwicklung des aktuellen Energiemarktdesigns im Fokus der neuen Bundesregierung stehen. EFET Deutschland – Verband Deutscher Energiehändler e. V. formuliert hierzu klare energiewirtschaftliche Erwartungen an die neue Bundesregierung, wie Geschäftsführerin Barbara M. Lempp in einem Gastbeitrag für THEMEN!magazin unterstreicht.


Barbara M. Lempp Geschäftsführerin EFET Deutschland Foto: Die Hoffotografen GmbH Berlin

„Zukünftig muss in der Netzplanung neben Stromund Gasnetzen auch der Wasserstoffbereich in den Blick genommen werden. Hierbei wird es wichtig sein, dass dies in abgestimmter Weise geschieht und sektorübergreifend erörtert wird, wie der Kapazitätsbedarf der einzelnen Energieträger bedarfsgerecht und effizient gedeckt werden kann“. Barbara M. Lempp

Schon im Sondierungspapier von SPD, Bündnis 90/Grünen und FDP fordern die Parteien, im Zuge des Ausbaus der Erneuerbaren Energien ein neues Strommarkt-Design zu erarbeiten. Die Frage stellt sich aber, ob ein solches Marktdesign der freien Preisbildung zur Ausbalancierung von Angebot und Nachfrage auch genügend Raum geben wird.

Damit der Motor Energiewende rund läuft und keine Unwuchten zum Nachteil eines essentiellen Energiemarkt-Bausteins aufweist, muss die Politik aus Sicht des Energiehandels folgende Werkzeuge zur Hand nehmen:

• Ein starker ETS im Rahmen eines funktionierenden EU-Energiebinnenmarktes

• Freie Preisbildung an allen Energiehandelsmärkten ohne staatlich vorgegebene Preisdeckelung

• Unbundling als Marktkernprinzip

• Netzausbau vorantreiben

• Staatlich induzierte Preisbestandteile verringern

• Netzplanung ganzheitlich denken.

Das EU ETS als Instrument zur Reduktion von CO2-Emissionen

Mit dem europäischen Emissionszertifikatehandel werden CO2 -Emissionen im Wirtschaftskreislauf eingepreist. Dies schafft effektive Anreize, Industrie und Stromerzeugung auf weniger CO2 -emittierende Technologien umzustellen. Ein CO2 -Handelssystem erlaubt es dem Markt, die CO2 -Emissionen dort und in dem Umfang zu reduzieren, wo dies am wirtschaftlichsten ist.

Politische Eingriffe in die Preisbildung für CO2 -Emissionszertifikate, wie ein nationaler oder europäischer CO2 -Mindestpreis, sind ungeeignet, da sie die Basis für getätigte Investitionen untergraben, zu Verwerfungen führen und eine Verzerrung vom marktlichen Ergebnis darstellen. Soll der Reduktionspfad beschleunigt werden, ist eine Verknappung von CO2 -Emissionszertifikaten das geeignetere Mittel.

Auch muss das EU ETS System auf die Sektoren Wärme und Mobilität ausgeweitet werden. Ein paralleles System für diese Sektoren, insbesondere auf nationaler Ebene, kann lediglich einen Zwischenschritt darstellen. Die Dekarbonisierung als übergeordnetes Ziel aller europäischer und nationaler Anstrengungen zur Förderung des Klimaschutzes sollte über das EU ETS angereizt und möglichst nicht durch parallele Fördermechanismen verzerrt werden. Und die langfristige Absicherung von Investitionen in erneuerbare Stromerzeugung sollte über „grüne“ PPAs erfolgen. EFET hat hier mit einem PPA (Power Purchase Agreement)-Standardvertrag einen wichtigen Beitrag geleistet.

Um die 2030-Ziele zu erreichen, wäre ein Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung in einer Geschwindigkeit und einem Umfang notwendig, welche allein durch das EU ETS und PPA-getriebenen Ausbau nicht erreichbar erscheinen. Daher sind zusätzlich und für einen begrenzten Zeitraum Fördermechanismen zum Erreichen dieser Ziele notwendig. Die bestehenden Fördermechanismen sollten weiter auf Auktionen beruhen. Auch für erneuerbare Anlagen, deren Förderdauer nach dem EEG endet, gibt es eine marktliche Weiterbetriebsperspektive über PPAs. Hier muss sichergestellt werden, dass alle Abnehmer diskriminierungsfrei z.B. ohne Verlust der Strompreiskompensation grüne PPAs nutzen können.

Freie Preisbildung gewährleisten

Es ist nicht neu, dass marktliche Rahmenbedingungen für Wettbewerb sorgen. Hierfür ist es notwendig, die freie Preisbildung zu erlauben und politisch motivierte, korrigierende Eingriffe in die Preisbildung zu unterlassen. Externe Effekte, wie beispielsweise CO2 -Emissionen oder grüne Eigenschaften sollten vom Markt bepreist werden, z.B. über Zertifikatsysteme.

Preise spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, dass die Energie dorthin gelangt, wo sie am meisten gebraucht wird - sie sind demzufolge auch entscheidend für die Versorgungssicherheit. Sie bieten auch Anreize, den Verbrauch zu senken (für diejenigen, die dazu in der Lage sind), mehr zu produzieren (für diejenigen, die dazu in der Lage sind) und sie schaffen starke Anreize für Innovationen. Die Preise sind auch entscheidend, um neue Investitionen auszulösen, die für die Dekarbonisierung des Systems in großem Umfang benötigt werden. Eingriffe in die Märkte sind für Investoren zu einer Zeit, in der die Anreizung von Investitionen für die Energiewende von entscheidender Bedeutung ist, absolut kontraproduktiv. Langfristig funktionieren die europäischen Großhandelsmärkte, wenn sie liquide sind und Preissignale aussenden, somit die benötigten Energieströme nach Europa locken.

Unbundling als Kern des Marktdesigns

Die oben beschriebenen marktlichen Kräfte können sich nur dann entfalten, wenn die Marktteilnehmer klare Anreize und Preissignale erhalten. Es sollte daher unbedingt vermieden werden, Marktrollen von regulierten und nicht-regulierten Marktteilnehmern miteinander zu vermischen. Es ist wichtig, das Unbundling weiterhin zu stärken und beispielsweise das Engagement von Netzbetreibern in den Märkten für Stromerzeugung oder Energiespeicherung nicht zuzulassen.

Foto: Rolf Sturm

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Netzentgelte können Anreize für systemdienliches Verhalten enthalten. Hier wäre die Weiterentwicklung des bestehenden Regelwerks hin zu einem ganzheitlicheren Ansatz zu untersuchen. Dynamisierte Umlagen und Netzentgelte sieht der Energiehandel per se sehr kritisch, da sie mit dem Risiko einhergehen, Großhandelsmärkte zu verzerren und Ineffizienzen herbeizuführen.

Stromnetzausbau voranbringen

Die deutsch-luxemburgische Strompreiszone ist eine Erfolgsgeschichte. Die dort enthaltene Liquidität ermöglicht es, ein Stromsystem mit großen Mengen erneuerbarer Stromerzeugung physisch und kommerziell zu optimieren. Allerdings ist es dringend notwendig, den erforderlichen Netzausbau innerhalb von Deutschland und zu den Nachbarländern zügig voranzutreiben, um u.a. den weiteren Ausbau erneuerbarer Energiequellen zu ermöglichen. Eine Teilung der deutschen Strompreiszone oder die Einführung eines Knotenpreissystems könnte ggf. den Redispatchbedarf reduzieren, aber die oben beschriebene Erfolgsgeschichte infrage stellen. Außerdem würden solche Maßnahmen die Situation eines unzureichend ausgebauten Stromnetzes zementieren und den Ausbau erneuerbarer Stromerzeugung deutlich verteuern.

Staatlich induzierte Preisbestandteile verringern

Staatlich induzierte Preisbestandteile führen dazu, dass nachfrageseitige Flexibilitätsoptionen wie zum Beispiel Stromspeicher oder Wasserstoff-Erzeugungsanlagen nicht in vollem Umfang an den Energiemärkten partizipieren, da die Preissignale nur verwässert bei diesen ankommen. Dies stellt eine Verzerrung von Strom- und Gasmärkten dar und behindert somit auch die Sektorenkopplung. Die Belastung von Strom durch Steuern, die der allgemeinen, nicht zweckgebundenen Erzielung von Einnahmen dient, sollte auf ein Minimum reduziert werden, um zweckfremde Kostenbelastungen im Energiemarkt zu vermeiden. Eine alternative Finanzierung des EEG sowie die Reduzierung der Stromsteuer auf ein einheitliches europäisches Niveau wären beispielsweise zu prüfen.

Dekarbonisierung der Gasmärkte

Deutschland möchte weltweit eine Führungsrolle in der Wasserstoffwirtschaft einnehmen. Hierzu benötigt es einen liquiden Wasserstoffmarkt und eine gute Vernetzung in Europa und der Welt. Deshalb muss zwingend von Anfang an bei der Ausgestaltung des Wasserstoffmarktes europäisch gedacht werden. Der Wasserstoff sollte getrennt von seinen grünen Eigenschaften (Erzeugungsart, CO2 -Emissionen) gehandelt werden. Somit würden der Handel, Transport und Belieferungskonzept über die Grenzen Deutschlands hinweg vereinfacht und ein liquider Handelsmarkt ermöglicht werden.

Die Regulierung des Wasserstoffmarktes, beispielsweise was den Netzzugang betrifft, sollte langfristig am Marktdesign für Erdgas ausgerichtet werden. Um Preissignale nicht zu verzerren oder Quersubventionen zu vermeiden, sind die Netzentgelte von Erdgas und Wasserstoff weiterhin getrennt voneinander zu betrachten. Die Anpassung der bestehenden Gasinfrastruktur an höhere Wasserstoffanteile und der Neubau von Wasserstoffleitungen ist auf jeden Fall sicherzustellen.

Zertifizierung von Energie

Eine weitere wichtige Herausforderung kann nur europäisch sinnvoll gelöst werden, die Zertifizierung von Energie. Sie bildet die Grundlage für Vertrauen für neue Energiequellen und damit auch die Basis für Wettbewerb. Es gilt, mehr notwendige Anstrengungen für ein EU-weites Normenwerk für die Validierung der erneuerbaren Herkunft oder anderer Nachhaltigkeitsmerkmale von erneuerbaren und kohlenstoffarmen Energieträgern festzulegen. Da Europa auch in Zukunft einen erheblichen Teil seines Energiebedarfes über Importe decken wird, muss ein Zertifizierungssystem für Energie wichtig international anschlussfähig sein. Für die Schaffung der rechtlichen Voraussetzungen sollte sich die nächste Bundesregierung unbedingt einsetzen.

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