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< Dringend benötigt: neue Kraftwerke und Speicher
08.02.2024 14:40 Alter: 20 days

Wir brauchen Ehrlichkeit, Fokus und Pragmatismus

„Wenn kein Wind weht und keine Sonne scheint, braucht es Kraftwerke, die schnell einspringen können. Nur mit einer Kraftwerksreservekann Deutschland für seinen Strombedarf auf Wind und Sonne setzen.“


Klaus Stratmann, Chefkorrespondent Energie und Klima, Handelsblatt Foto: Andreas Lander

Diese Botschaft von Dr. Leonhard Birnbaum, CEO von E.ON SE zum Handelsblatt Energie-Gipfel des Jahres 2024 bringt zum Ausdruck, welchen Spannungsbogen Deutschland zur weiteren Umsetzung der Energiewende meistern sollte. Wir sprachen mit Klaus Stratmann, Chefkorrespondent beim Handelsblatt für Klima und Energie und einer der Moderatoren des Gipfels zu einigen ausgewählten Diskussionsthemen des diesjährigen Branchentreffs.

Herr Stratmann, wie diskutiert die Energiewirtschaft das Thema Kraftwerksstrategie?

Aktuell verfügt Deutschland über rund 90 Gigawatt an Kohle- und Gaskraftwerken, Wasserstoff und Biomasse sowie rund neun Gigawatt Pumpspeicherkraftwerke. Da Kohlekraftwerke aber vom Netz gehen, könnte bei der installierten Kraftwerksleistung eine erhebliche Lücke entstehen. Um dies zu vermeiden, hat die Ampel-Koalition gerade eine Kraftwerksstrategie präsentiert. Es soll möglichst schnell der Bau von Gaskraftwerken mit einer Leistung von zehn Gigawatt (GW) mit Milliardenbeträgen angereizt werden. Das entspricht 20 großen Kraftwerksblöcken. Die Kraftwerke sollen zunächst mit Erdgas, später mit Wasserstoff betrieben werden. Der Zeitfaktor wird dabei zum zunehmenden Problem. Für Planung, Genehmigung, Bau und Inbetriebnahme eines Kraftwerks sind sechs bis sieben Jahre einzuplanen und die Kraftwerke müssen auch finanziert werden. Allein mit der vagen Aussicht auf Investitionskostenzuschüsse und Prämien für das Bereithalten der Kraftwerke ist dies nicht zu stemmen. Private Investoren stünden zur Verfügung, fordern aber Investitionssicherheit durch die Politik.

Welche Diskussionspunkte gibt es bei Infrastruktur und Netze?

Im Jahr 2040 sollen in Deutschland mehr als 600 Gigawatt Leistung an erneuerbaren Energien installiert sein. In manchen Stunden werden 400 Gigawatt gleichzeitig ins Netz einspeisen. Ungefähr das Fünffache der heutigen Maximallast, für die unsere Netze ausgelegt sind. Schon heute sind die Verteilnetze beim Ausbau neuer EE-Anlagen am Limit. Die Kosten für das Engpassmanagement steigen. Vor Engpässen müssen Erneuerbare abgeregelt werden, weil die Netze überlastet sind. Das bezahlen alle Stromkunden über die Netznutzungsentgelte. Hinter Engpässen müssen dann konventionelle Kraftwerke zugeschaltet werden. Der Appell von Netzbetreibern: Sicher wird unser Energiesystem nur bleiben, wenn wir Systemsicherheit und Versorgungssicherheit zusammen betrachten. Und Deutschland kann sich keinen großen Luxus mehr bei Planungs- und Genehmigungsverfahren sowie bei baulicher Umsetzung großer Netzausbauvorhaben leisten.

Wie steht es um das Thema Wasserstoff- Kernnetz?

Wenn es gelingt, fossiles Erdgas durch klimaneutral erzeugten Wasserstoff zu ersetzen, müssen wir ihn auch transportieren. Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, hat beim Handelsblatt EnergieGipfel das Ziel eines Wasserstoff-Kernnetzes für Deutschland ab dem Jahr 2032 bestätigt. Derzeit ist eine Leitungslänge von knapp 9.700 Kilometern geplant. Gerechnet wird mit Kosten von rd. 20 Milliarden Euro. Es läuft ein eigenes Gesetzgebungsverfahren, es soll 2024 zum Abschluss kommen. Im Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) soll dann ein integrierter Wasserstoffund Gas-Netzentwicklungsplan verankert werden.

Wir danken für das Gespräch.

www.handelsblatt-energiegipfel-2024.de