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Wertschöpfung entsteht nicht durch Technologie allein
„Digitalisierung ist für mich vor allem Organisationsentwicklung.“
Die Energiewirtschaft steht unter massivem Veränderungsdruck. Im Gespräch mit THEMEN!magazin macht Matthias Klein-Lassek, Geschäftsführer bei der Dortmunder Energie- und Wasserversorgung GmbH (DEW21), deutlich: Digitalisierung ist nur zu einem kleinen Teil ein Technologiethema. Entscheidend ist, ob Organisationen ihre Prozesse, Strukturen und Führung so weiterentwickeln, dass aus digitalen Möglichkeiten echte Wertschöpfung entsteht.

- Dortmunder Bahnhof bei Nacht, Foto: DEW21
Herr Klein-Lassek, beim Thema Digitalisierung denken viele zuerst an neue Technologien. Ist das aus Ihrer Sicht zu kurz gedacht?
Ja, definitiv. Energie- und Wärmewende, Regulierung, steigende Komplexität und der Anspruch an schnellere Prozesse verändern Geschäftsmodelle und Arbeitsweisen grundlegend. Natürlich brauchen wir moderne IT-Systeme, digitale Plattformen und Anwendungen auf Basis Künstlicher Intelligenz. Aber die Vorstellung, dass Digitalisierung in erster Linie ein Technologiethema ist, führt in die Irre. Technik ist am Ende nur ein Werkzeug.
Unternehmen können die modernste Technologie einsetzen; ihr Nutzen bleibt begrenzt, wenn Organisation, Führung und Arbeitsweisen nicht dazu passen. Deshalb ist Digitalisierung für mich vor allem Organisationsentwicklung. Wir müssen Verantwortung, Daten, technische Möglichkeiten und DIGITALISIERUNG Zusammenarbeit so miteinander verbinden, dass bessere Entscheidungen, schnellere Abläufe und spürbare Entlastung im Alltag entstehen. Die Kernfrage lautet nicht: Welche Technologie führen wir ein? Sie lautet vielmehr: Wie müssen wir uns organisieren, damit Technologie Wirkung entfalten kann?
Warum ist dieses Thema gerade für Stadtwerke so relevant?
Die Rahmenbedingungen für unsere Branche haben sich grundlegend verändert. Neben der sicheren Versorgung stehen die Energie- und Wärmewende, neue regulatorische Anforderungen, hoher Investitionsdruck, wachsende Prozesskomplexität und eine massiv gestiegene Bedrohungslage im Bereich Cybersicherheit auf der Agenda. Digitalisierung ist für mich demnach keine Zusatzaufgabe. Sie ist vielmehr eine grundlegende Voraussetzung für Zukunftsfähigkeit und Perspektive.
Viele Stadtwerke haben dafür die technologischen Grundlagen geschaffen. Entscheidend ist nun, diese mit Prozessen, Organisation und Führung zu verzahnen. Sonst bleibt Digitalisierung ein Stückwerk. Wirklich relevant wird sie erst, wenn sie End-to- End-Prozesse verbessert und damit die Wertschöpfung insgesamt stärkt.
Gleichzeitig dürfen wir Digitalisierung nicht romantisieren. Je digitaler, vernetzter und automatisierter unsere Prozesse werden, desto größer wird die Angriffsfläche. Für Energieversorger ist Cybersicherheit aus meiner Sicht eine der größten Risiken überhaupt. Es geht nicht nur um IT-Sicherheit, sondern um Versorgungssicherheit und den Schutz kritischer Infrastruktur. Wer Digitalisierung ernst nimmt, muss Cybersicherheit von Anfang an als festen Bestandteil von Architektur, Prozessen und Unternehmenskultur mitdenken.
Sie heben den organisatorischen Aspekt hervor, warum?
Weil die eigentliche Herausforderung nicht darin besteht, analoge Abläufe digital nachzubauen. Die vor uns liegenden Aufgaben wachsen schneller als die verfügbaren Kapazitäten. Daraus entsteht ein Produktivitätsdruck, den wir nur bewältigen können, wenn wir unsere Arbeitsweise grundlegend weiterentwickeln.
Gerade beim Thema KI ist mir diese Differenzierung wichtig. Mich überzeugt der abstrakte KI-Hype nicht. Mich überzeugen konkrete Use Cases, die Prozesse wirklich besser machen. Ich sehe großes Potenzial in agentischer KI; also in Systemen, die nicht nur einzelne Antworten liefern, sondern Arbeitsschritte über Prozessketten hinweg unterstützen oder ausführen können. Aber genau dort wird es organisatorisch anspruchsvoll.
Agentische KI kennt keine Schulterklappen. Sie orientiert sich nicht an Ressortgrenzen, Berichtslinien oder gewachsenen Zuständigkeiten. Ein End-to-End- Prozess – wie bspw. Forecast-to-Procurement oder Meter-to-Cash – läuft in der Realität häufig durch mehrere Fachbereiche. Dafür müssen wir außerhalb bestehender Ressortlogiken denken.
Eine einfache Blaupause gibt es nicht. Entscheidend ist, dass Organisation, Kultur und Führung zu den neuen Anforderungen passen. Genau diese Diskussion müssen Unternehmen jetzt führen, wenn KI echte Wirkung entfalten soll.
Welche Rolle spielen die Mitarbeitenden in diesem Wandel?
Die Entscheidende. Transformation gelingt nur, wenn Menschen verstehen, warum Veränderungen notwendig sind, und sie diese aktiv mitgestalten können. Gerade bei KI reicht es nicht, eine Anwendung bereitzustellen und auf Akzeptanz zu hoffen. Wir müssen befähigen, Orientierung geben und Veränderungen gemeinsam mit der Mitbestimmung gestalten. Digitalisierung kann Aufgaben, Rollen und Arbeitsabläufe tiefgreifend verändern. Es besteht konkret die Gefahr, Mitarbeitende zu überfordern und Akzeptanz zu verlieren. Nur wenn wir Belastungen frühzeitig berücksichtigen und Akzeptanz schaffen, können neue Technologien ihre Wirkung entfalten.
Für mich ist das eine der wichtigsten Führungsaufgaben der kommenden Jahre: Digitalisierung verändert Zusammenarbeit. Deshalb müssen Technologie und Personalentwicklung gemeinsam gedacht werden. Aus dem Grund investieren wir bei DEW21 gleichermaßen in Technologien sowie in Kompetenzen, Führung und Unternehmenskultur.
Wie gehen Sie das Thema in Dortmund an und woran messen Sie den Erfolg?
Wir treiben Digitalisierung mit klaren Schwerpunkten bei Automatisierung, Cybersicherheit, Datenqualität und dem Einsatz von KI voran. Dabei geht es uns nicht darum, möglichst viele Tools einzuführen, sondern Wirkung im Alltag zu erzielen. Dafür qualifizieren wir z.B. unsere Mitarbeitenden in einem „Kompetenzmodell“-Ansatz, um die korrekte Passung zwischen Verantwortung und erforderlichem KI-Skillset sicherzustellen.
Erfolgreich sind wir dann, wenn Digitalisierung als selbstverständlicher Teil unserer Wertschöpfung und nicht mehr als separates Projekt wahrgenommen wird. Mein persönliches Fazit lautet daher: Die wichtigste Investition in die Digitalisierung ist nicht Technologie, sondern die Weiterentwicklung von Organisation und Mitarbeitenden.
Vielen Dank für das Gespräch.
www.dew21.de



