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< Carsharing bringt nachhaltige Mobilität voran
27.10.2015 15:58 Alter: 7 yrs

Umsteigefreie Direktverbindung im Schienenpersonennahverkehr

Nur wenn Städte ausreichend und intelligent in ihre Infrastruktur investieren, lässt sich eine hohe Lebensqualität für möglichst viele Bewohner sichern. Der Lebensraum Stadt braucht innovative Verkehrslösungen. Mit der Verknüpfung verschiedener Verkehrsträger im „Chemnitzer Modell“ geht Chemnitz den Weg zur Mobilität in der „Stadt von Morgen“.


Fotos: VMS

Wir sprachen mit Dr. Harald Neuhaus, Geschäftsführer Verkehrsverbund Mittelsachsen GmbH, über den innovativen Ansatz dieser mobilen Verbundlösung.

Herr Dr. Neuhaus, wie kam es zum Chemnitzer Modell?

Nachhaltige Mobilität und damit ein Schritt hin zum öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) als häufig genutztem Alltags verkehrsmittel ist für jede Stadt eine Aufgabe zur Sicherung vernünftiger Lebensqualität. Je mehr Menschen für ihre Wege in der Stadt und in das Umland kein Auto mehr benutzen, um so mehr werden die Angebote des ÖPNV in den Focus rücken. Die Nutzung innenstadtorientierter Hauptverkehrsachsen sowie wichtiger Tangential ver bindungen beim Ausbau eines räumlichen Er schließungsnetzes über den städtischen Raum hinaus kann die Grundlage für künftige multimodale Verkehrskonzepte sein. Das System Schiene gilt dabei als energiesparend und umweltfreundlich.

Dem „Chemnitzer Modell“ liegt eine komplexe Machbarkeitsstudie aus dem Jahr 1993 zugrunde. Im Ergebnis wurde aufgrund der gleichen Spurweite und regionalen Rahmenbedingungen für Straßenbahn und Zug die grundsätzliche Machbarkeit für ein mögliches Strecken- und Liniennetz mit verschiedenen Umsetzungsstufen herausgearbeitet.

Die sogenannte „Pilotlinie“ Chemnitz–Stollberg war das erste erfolgreich realisierte Projekt. Diese Verbindung verläuft in Chemnitz als Straßenbahn vom Hauptbahnhof über das Stadtzentrum bis Altchemnitz und wechselt dort auf die Eisenbahnstrecke Chemnitz– Stollberg. Damit wird Chemnitz ohne Unterbrechung auf einer Länge von 23 km mit dem Wirtschaftsstandort Stollberg verbunden. Die Fahrzeuge erhielten eine Zusatzausrüstung für den EBO-Betrieb (EBO-taugliches Radprofil, Bahnfunk und PZB) und fahren mit 80 km/h Höchstgeschwindigkeit. Die Inbetriebnahme der umsteigefreien Di rektverbindung erfolgte im Dezember 2002. Heute nutzen an Werktagen täglich über fünftausend Fahrgäste diese Verbindung.

 

Können Sie die Zielstellung des Chemnitzer Modells näher beschreiben?

Das Ziel des „Chemnitzer Modells“ ist die schnelle und attraktive umsteigefreie Direktverbindung im Schienenpersonennahverkehr (SPNV) zwischen Stadtzentrum und den zentralen Orten und Sied lungskernen im Umland. Wesentliche Voraus setzung dafür ist die Verbindung der Infra strukturen des Eisenbahnnetzes der Region.

Im Stadtbereich von Chemnitz wird dabei die vorhandene Infrastruktur des innerstädtischen Straßenbahnnetzes genutzt und außerhalb ermöglicht die Trassierung der genutzten Eisenbahnstrecken eine hohe Reisegeschwindigkeit. Natürlich verlangt die Nutzung und Verbindung der „Systeme“ Straßenbahngleise und Eisenbahngleise auch bauliche und technische Anpassungen, beispielsweise am Hauptbahnhof, an Haltestellen und Haltepunkten. Dies sind notwen- dige Voraus setzungen dafür, dass mit einem für das „Chemnitzer Modell“ konstruierten sogenannten ZWEISYSTEMFAHRZEUG die bestehenden Systeme verbunden werden können. Vorbild sind hier die Zweisystemnetze in Karlsruhe, Kassel und Saarbrücken.

Wodurch zeichnen sich Fahrzeuge mit Zweisystemtechnik aus?

Die energieeffizienten Zweisystemfahrzeuge können sowohl mit 600/750 V Gleichstrom aus der Oberleitung, als auch im Dieselbetrieb gefahren werden. Auf den Gleisen im Straßen bahnnetz sind sie im Oberleitungsbetrieb rein elektrisch unterwegs, auf dem Eisenbahnnetz als Dieseltriebwagen.

Hierfür verfügen die Fahrzeuge über jeweils zwei auf dem Dach montierte "Powerpacks", bestehend aus einem Diesel motor und Generator. Der Generator wandelt die mechanische Energie in elektrische Ener gie um, die dann die elektrischen Fahrmotoren antreibt. Die Fahrzeuge gehören zur „Citylink“- Familie“ von Vossloh und werden speziell auf die Anforderungen für den Einsatz im Chemnitzer Modell angepasst. Sie sind auf eine Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h ausgelegt. Die 37 Meter langen, barrierefreien und klimatisierten Zweirichtungsfahrzeuge werden 94 Sitzplätze haben, durch die Luftfederung gibt es einen besonders hohen Reisekomfort für die Fahrgäste.

 

Wann werden die ersten „Citylinks“ eingesetzt?

Im Frühjahr 2014 begann im spanischen Werk Albuixech (Valencia) der Vossloh Rail Vehicles/ Vossloh España, S.A. die Fertigung der Zweisystemfahrzeuge für das Chemnitzer Modell. Das erste Fahrzeug wurde zunächst in das Prüf- und Validationscenter (PCW) im niederrheinischen Wegberg-Wildenrath überführt und absolviert dort seit Anfang August umfangreiche Probefahrten sowie verschiedene Tests in beiden Betriebsarten.

Am 21. August 2015 traf das erste Fahrzeug im Gebiet des VMS ein. Mit diesem zweiten Fahrzeug der Baureihe werden Testfahrten im städtischen Straßenbahnnetz und auf den Eisenbahnstrecken im Umland durchgeführt.

Am Ende dieses Prozesses steht die Zulassung nach Bau- und Betriebsordnung für Straßenbahnen (BOStrab) und Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung (EBO). Die übrigen Citylink werden schrittweise in den kommenden Monaten nach Chemnitz ausgeliefert.

Wie steht es um die Finanzierung des Projektes?

Die Anschaffung der Fahrzeuge erfolgt durch den Zweckverband Verkehrsverbund Mittelsachsen (ZVMS) zu einem Preis von ca. 42,3 Mio. €. Insgesamt stehen mehr als 31 Mio. € an Mitteln aus dem Operationellen Programm der EFRE-Förder ung zur Verfügung.

Den Auftrag für die Entwicklung und die Herstellung der Zweisystemfahrzeuge erhielt ein sich für diese Ausschreibung gebildetes Konsortium der Firmen Vossloh Kiepe GmbH und Vossloh Espana S.A. (kurz: Vossloh).

Die Anschaffung von vier weiteren Zweisystemfahrzeugen für die Stufe 2 des Chemnitzer Modells wurde am 26. Juni 2015 von der Verbandsversammlung des ZVMS beschlossen. Der Freistaat Sachsen fördert etwa 75 % der Anschaffungssumme aus Landesmitteln.

 

Welche Auswirkungen wird das Modell für den Wirtschaftsraum Chemnitz haben?

Als Beispiel will ich exemplarisch die Stufe 2 nennen. Sie steht im Planfest stellungs verfahren und erfasst die Durch bin dung der Strecke aus Richtung Thalheim. Der Neubau eines Straßen bahnabschnittes und Einbindung in das Eisenbahnnetz schafft für den Universitätsstandort Chemnitz neue urbane Verbindungen. So kann mit Inbetrieb nahme dieser Stufe beispielsweise der Hoch schulstand ort Mittweida direkt mit der TU Chemnitz verbunden werden. Hiervon profitiert neben den mehr als 18 000 Studierenden in den beiden Städten auch der Standort Tech nopark mit dem Fraunhofer Institut durch die direkte, umsteigefreie und bequeme Verbin dung des Stadtzentrums Chemnitz mit der Siedlungsachse Zwönitztal und einer besseren Erschließung der Uni Chemnitz aus Richtung Stadt und Umland.

Ebenso die Pilotstrecke Chemnitz – Stollberg, die nach Oelsnitz/Erzgebirge fortgeführt wird: Dazu ist der Neubau einer etwa 3,5 Kilometer langen eingleisigen Eisenbahnstrecke vorgesehen. Dieses Modellprojekt (Stufe 5), wird mit der Stadt Stollberg bereits jetzt vorbereitet und 2019 den direkten Anschluss von Oelsnitz im Erzgebirge über das Industriegebiet „Stollberger Tor“ an den Chemnitzer Hauptbahnhof bieten.

So wird neben der Stärkung des Bildungs- und Forschungsstandortes das „Chemnitzer Modell“ auch zur Stärkung der Infrastruktur des Wirtschaftraums Chemnitz – Zwickau beitragen. Denn Ergänzung und Ausbau geeigneter Strecken zur Entwicklung eines leistungsfähigen Stadtbahnangebotes stärken die Infrastruktur für den gesamten Wirtschaftsraum Chemnitz und Südwestsachsen.

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