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26.05.2026 16:09 Alter: 1 day

Transformationsprozess braucht Dynamik und Verlässlichkeit

“Wir brauchen einen integrierten Masterplan, der Strom-, Wärme- und Mobilitätswende zusammenführt und klare Übergangsregelungen definiert.”


Sven Becker, Sprecher der Geschäftsführung, Trianel GmbH

Geopolitische Gegebenheiten, Entscheidungen der Bundesregierung, die Zukunft des Wirtschaftsstandortes Deutschland, aber auch die Forderung nach klaren Rahmenbedingungen für die Energiewirtschaft bestimmen in diesen Wochen die Diskussion. Aktueller Anlass für ein Gespräch mit Sven Becker, Sprecher der Geschäftsführung von Trianel, der Stadtwerke-Kooperation mit über 100 Gesellschaftern und Partnern.

Herr Becker, was braucht aktuell die Energiewirtschaft?

Für das Gelingen der Energiewende benötigen wir vor allem Investitionen und dazu privates Kapital. Die Mobilisierung dieses Kapitals verlangt aber einen stabilen und verlässlichen Rechtsrahmen. Nur unter klaren und berechenbaren Bedingungen werden Investitionen auch tatsächlich ausgelöst. Dieser Vertrauensschutz ist für den Industriestandort Deutschland unverzichtbar.
Entscheidend sind jetzt Investitionen in Flexibilitäten. Das erste Mai-Wochenende mit sehr viel Sonne zeigte erneut, unser System ist noch nicht flexibel genug, um den überschüssigen Erneuerbaren- Strom sinnvoll aufzunehmen, zu speichern oder zeitlich zu verschieben. Deshalb setzen wir uns im Rahmen des AgNes-Prozesses dafür ein, dass der notwendige Speicherhochlauf nicht durch unpassende regulatorische Weichenstellungen ausgebremst wird.
Die Überarbeitung der Netzentgeltsystematik ist richtig und notwendig. Aber verschiedenste Ankündigungen bringen Unsicherheit, dies wirkt hemmend und belastet Investitionsentscheidungen. Infrastrukturprojekte haben lange Vorlaufzeiten bei Planung und Genehmigung, darum brauchen wir kurzfristig praktikable Übergangsregelungen – für Speicher, Kraftwerke und Erneuerbare. Nur so können Investitionen rechtzeitig erfolgen und verlieren nicht an Wert.

Wo stehen wir denn bei der Energiewende?

Wir stehen an einer entscheidenden Wegmarke – am Übergang in den zweiten Teil der Energiewende. Wir haben bisher erfolgreich erneuerbare Energien zugebaut. Rund 60% Anteil an der Stromerzeugung wurden bereits erreicht. Zugleich zeigen Dunkelflauten und Hellbrisen – und insbesondere die Preisausschläge im Intraday-Markt als Reaktion darauf -, unser System braucht deutlich mehr Flexibilität. Auch bei der Mobilitäts- und Wärmewende stehen wir erst am Anfang. Die Sektorenkopplung entwickelt sich nur zögerlich. Derzeit wird an vielen Stellschrauben gedreht, jedoch oft in unterschiedliche Richtungen – und ohne klares Bild, wie die Elemente ineinandergreifen sollen.
Die Aufgabe der Politik ist es nun, das Energiesystem als Ganzes neu zu denken. Ein System, basierend auf volatilen erneuerbaren Energien, braucht deutlich mehr Flexibilität. Und – ich wiederhole mich bewusst – Flexibilitäten entstehen nur durch Investitionen, und diese wiederum benötigen verlässliche Rahmenbedingungen. Damit sind wir erneut beim Thema Vertrauensschutz.
Ebenso entscheidend ist ein abgestimmtes Vorgehen von Regierung und Regulierung, damit notwendige Entscheidungen kohärent und planbar getroffen werden können. Wir brauchen einen integrierten Masterplan, der Strom-, Wärme- und Mobilitätswende zusammenführt und klare Übergangsregelungen definiert.

Welche Erwartungen haben Sie an AgNes?

Trianel-Solarpark entlang der Schnellfahrstrecke Hannover–Berlin: 24.216 Solarmodule erzeugen hier jährlich rund 12,3 Millionen kWh erneuerbaren Strom. (Foto: GVOMEDIA)

Die bisherige Stromnetzentgeltverordnung und die Anreizregulierungsverordnung laufen Ende 2028 aus und es ist richtig, das Netzentgeltregime grundlegend weiterzuentwickeln. Die Bundesnetzagentur arbeitet hier an einer langfristigen und transparenten Lösung. Der Ansatz einer stärkeren Kapitalkostenorientierung ist vor dem Hintergrund hoher Kapitalkosten des Netzausbaus absolut sinnvoll und einleuchtend. Entscheidend ist jedoch, dass zentrale Kriterien berücksichtigt werden: mehr Flexibilität im System, verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen und ein klarer Vertrauensschutz.
In der heutigen Netzentgeltsystematik tragen ausschließlich die entnehmenden Netznutzer die Netzkosten. Gleichzeitig steigt die dezentrale Einspeisung aus erneuerbaren Energien, es kommt zu Rückspeisungen, und der Netzausbaubedarf wächst. Auch das Netznutzungsverhalten verändert sich – Industrie, Gewerbe und Haushalte erzeugen zunehmend selbst Strom, während E-Mobilität und Wärmepumpen zusätzliche Lastspitzen erzeugen. Ziel von AgNes muss daher sein, eine Netzentgeltsystematik zu schaffen, die ein freies und faires Agieren aller Netznutzer an den verschiedenen Märkten ermöglicht, ohne die Belange der Netze zu vernachlässigen. Die neuen Netzentgelte sollten transparent, marktgerecht, flexibel und möglichst eng an den tatsächlichen Netzbelastungen ausgerichtet sein.

Die Bundesregierung plant ein Netzpaket. Ihre Sicht darauf?

Für ein effizienteres und kostengünstigeres System ist die bessere Synchronisierung von erneuerbaren Energien und Netz zwingend notwendig. Dieses Thema adressiert die Bundesregierung im Netzpaket. Der Entwurf enthält durchaus viele gute Ansätze, insbesondere bei Standardisierung und Digitalisierung.
Allerdings wurden die Wechselwirkungen mit dem AgNes-Prozess noch nicht beleuchtet. So könnten regional differenzierte Baukostenzuschüsse und auch flexible Netzanschlussvereinbarungen (FCA) sicher zu einer besseren Planung und Koordinierung führen und wären daher ein sinnvoller Ansatz.

Einen Redispatch-Vorbehalt lehnen wir jedoch klar ab. Wenn für Neuanlagen theoretisch für 10 Jahre bis zu 100 % der Leistung abgeregelt werden können, kalkulieren Finanzierer genau mit diesem Risiko. Das bedeutet: Banken rechnen in den ersten zehn Jahren mit potenziellen Einnahmen von Null. Auch wenn das praktisch nicht eintreten wird – für Finanzierer zählt allein das Risiko. Und der vorgeschlagene Redispatch-Vorbehalt würde die bisherige Projektfinanzierung faktisch unmöglich machen. Die Folge wären höhere Zinsen oder ein deutlich höherer Eigenkapitalbedarf. Die Energiewende würde so erheblich verteuert und verlangsamt. Es ginge nicht darum, ob real drei, fünf oder zehn Prozent des Stroms abgeregelt werden – es würden schlicht keine neuen Projekte mehr gebaut.

Trianel plant ein wasserstofffähiges Gaskraftwerk. Gibt das StromVKG die richtigen Impulse?

Wir diskutieren inzwischen seit mehr als zwei Jahren über die Kraftwerksstrategie. Mit dem starken Zubau von Wind- und Solarenergie bei gleichzeitigem Rückgang gesicherter Leistung brauchen wir eine Lösung für sogenannte Dunkelflauten. Denn ohne neue steuerbare Kraftwerkskapazitäten entstehen reale Risiken für die Versorgungssicherheit. Es ist gut, dass die Bundesregierung ihre Pläne zum StromVKG konkretisiert hat. Aber die Konsultationsphase mit lediglich sieben Tagen Reaktionszeit war zu knapp bemessen. Eine gesamtheitliche Bewertung und Einordnung durch die Branche deshalb kaum möglich. Nach dem langen Warten auf das Gesetz hätte mehr Zeit zur Konsultation die Qualität des Gesetzes definitiv erhöht.

Nach bisheriger Analyse wird der Gesetzentwurf die Marktkonzentration erhöhen, anstatt Akteursvielfalt zu stärken. Es fehlt eine Begrenzung der Zuschläge für einzelne Bieter, wie sie das Bundeskartellamt gefordert hat. Zudem haben sich die Sicherheiten für die Gebote gegenüber ersten Entwürfen drastisch erhöht. Das erschwert Gebote für kommunale Akteure wie Trianel erheblich. Es würde Kapital der Stadtwerke binden, welches für andere wichtige Energiewendeprojekte gebraucht wird. Hier muss dringend nachgearbeitet werden.
Wie die Ausschreibungsbedingungen und der zeitliche Rahmen am Ende ausgestaltet werden, bleibt abzuwarten. Der Zeitplan für eine Inbetriebnahme bis 2031 ist jedenfalls ambitioniert.

Kann der Referentenentwurf für das EEG die richtigen Weichen für den weiteren Ausbau der Erneuerbaren stellen?

Innovationsprojekt in Letschin, Brandenburg: Das Hybridkraftwerk kombiniert einen PV-Park mit 13 MWp Leistung und einen Batteriespeicher mit 9 MWh Kapazität. (Foto: Trianel)

Die erneuerbaren Energien sind „erwachsen geworden“. Deshalb ist es richtig, dass sie mehr Verantwortung übernehmen und stärker in den Markt integriert werden. Das verlangt aber, das EEG sinnvoll weiterzuentwickeln. Der Ausbau der Erneuerbaren muss einfach systemdienlich und kosteneffizient erfolgen.

Der Referentenentwurf des EEG geht grundsätzlich in die richtige Richtung. Wir hätten uns bei der Umstellung der Förderung mehr Markt und eine Stärkung der Marktintegration gewünscht. Das sehen wir bei der Einführung eines CfD-Modells nicht. Aber es ist europäisch vorgegeben. Noch nicht enthalten ist die im Klimaschutzprogramm der Bundesregierung angekündigte Erhöhung des Auktionsvolumens von Windenergie an Land um 12 GW.
Bei der Verabschiedung des Gesetzes ist Eile geboten. Der bisherige Fördermechanismus ist beihilferechtlich nur bis Ende dieses Jahres genehmigt. Und auch der neue Förderrahmen muss von der EU-Kommission beihilferechtlich genehmigt werden – ein Verfahren, das üblicherweise mehrere Monate dauert. Erfolgt die Genehmigung nicht rechtzeitig, droht ein Förderausfall für Projekte, die 2027 an den Auktionen teilnehmen.

Herr Becker, wir danken für das Gespräch.

www.trianel.com