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Teurer Meter: Warum der Leitungstiefbau zum Kostenrisiko der Transformation wird
“Bei Projekten vom Kostencontrolling zur aktiven Kostensteuerung kommen.”
Stromnetze, Gas- und Wasserstoffleitungen, Fernwärmetrassen und perspektivisch auch CO₂-Transportnetze bilden das Rückgrat der Energie- und Industrietransformation. Doch der Ausbau dieser Infrastruktur wird zunehmend zum Kostenrisiko. Ein Gastbeitrag für THEMEN!Magazin von Henrik Töpelt, und Patrick Wienert, Drees & Sommer SE.
Eine Auswertung von Drees & Sommer auf Basis eigener Projektdaten, Marktanalysen und Interviews zeigt: Nicht einzelne Materialpreise sind das Hauptproblem. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus hoher Marktauslastung, Fachkräftemangel, knappen Spezialkapazitäten, regulatorischen Anforderungen und oft noch nicht hinreichend geklärten Projektgrundlagen.
Viele Programme treffen auf begrenzte Kapazitäten

- Tiefbau (Foto: Dreso / © fefufoto – Fotolia.com)
Der Ausbau der Energieinfrastruktur ist unverzichtbar. Gleichzeitig laufen zahlreiche Programme parallel. Neue Stromtrassen, der Umbau der Gasinfrastruktur, der Aufbau des Wasserstoffnetzes und der Ausbau von Wärmenetzen greifen vielfach auf dieselben Planungs-, Genehmigungs- und Baukapazitäten zurück.
Das Ergebnis ist ein strukturell angespannter Markt. Unsere Auswertung von Leitungsbauprojekten aus den Jahren 2022 bis 2025 und Gespräche mit Marktteilnehmern zeigen, dass die Preise seit 2021 in vielen betrachteten Bereichen um rund 30 Prozent gestiegen sind. In einzelnen Engpass- und Spezialgewerken lagen die Zuwächse teilweise noch höher. Eine schnelle Rückkehr zu früheren Preisniveaus ist nicht zu erwarten. Zwar könnten ab 2028 erste Großvorhaben abgeschlossen sein. Gleichzeitig verschieben sich Projekte, während weitere angekündigte Programme erst noch umgesetzt werden müssen.
Was den Meter tatsächlich verteuert
In der öffentlichen Diskussion stehen häufig Stahl, Beton, Energie und Maschinenpreise im Vordergrund. Diese Faktoren spielen eine Rolle, erklären die Entwicklung aber nur zum Teil.
Nach den Ergebnissen unserer Auswertung zählen Fachkräfte und verfügbare Ausführungskapazitäten zu den wichtigsten Preistreibern. Maschinen und Geräte sind häufig grundsätzlich vorhanden. Entscheidend ist jedoch, ob qualifiziertes Personal, Spezialgerät und erfahrene Nachunternehmer zum vorgesehenen Zeitpunkt tatsächlich verfügbar sind. Besonders kritisch sind Wasserhaltung, Verbau, Spundarbeiten, Horizontalbohrungen, Rohrvortrieb und komplexe Querungen. Hier ist der Kreis leistungsfähiger Anbieter begrenzt. Hinzu kommen steigende Anforderungen an Bodenmanagement, Gewässer- und Bodenschutz, Entsorgung und Dokumentation. Werden sie erst spät konkretisiert, erhöhen sie Aufwand und Terminrisiken.
Ein weiterer zentraler Befund lautet: Ein erheblicher Teil der Mehrkosten materialisiert sich erst im Projektverlauf. Unvollständige Baugrundinformationen, unklare Mengen, verzögerte Genehmigungen, geänderte Querungsverfahren oder nachträglich erforderliche Wasserhaltungs- und Verbaumaßnahmen führen zu Nachträgen und Stillständen. Die zugrunde liegenden Risiken waren dabei nicht immer unbekannt. Zum Zeitpunkt der Ausschreibung waren sie jedoch häufig noch nicht ausreichend planerisch untersucht bzw. betrachtet.
Viele Mehrkosten werden in frühen Phasen verursacht
Trotz schwieriger Marktbedingungen liegen wichtige beeinflussbare Hebel in der frühen Projektphase. Nicht sämtliche Risiken lassen sich durch den Bauherrn vermeiden oder vollständig beherrschen. Unklare Grundlagen, offene Schnittstellen und eine nicht belastbare Risikozuordnung können jedoch dazu führen, dass spätere Mehrkosten bereits vor der Ausschreibung angelegt werden. Wer Projekte mit unklaren Grundlagen schnell in den Markt gibt, spart zunächst Planungszeit. Er verlagert die Kosten aber in die Bauphase. Auftragnehmer müssen Unsicherheiten entweder im Angebot als Risiko einpreisen oder später als Mehrleistung geltend machen.
Auch die Vergabestrategie hat erheblichen Einfluss. Sehr große Pakete können den Kreis potenzieller Bieter verkleinern; zu kleinteilige Lose erzeugen zusätzliche Schnittstellen. Vertragsmodelle, die schwer beherrschbare Risiken weitgehend auf Auftragnehmer übertragen, führen in einem angespannten Markt häufig zu Risikoaufschlägen oder ausbleibenden Angeboten. Partnerschaftliche Modelle können Alternativen sein. Ohne klare Regeln und professionelles Projektmanagement sind sie jedoch kein Allheilmittel.
Vom Kostencontrolling zur aktiven Kostensteuerung
Viele Projekte erfassen Kostenabweichungen erst, wenn sie bereits eingetreten sind. Das klassische Kostencontrolling dokumentiert dann den Schaden, verhindert ihn aber nicht. Erforderlich ist eine aktive Kostensteuerung, die technische Änderungen, Vertragsrisiken, Terminfolgen und Marktpreise gemeinsam betrachtet.
Dazu gehören laufende Kosten- und Risikoprognosen, klare Entscheidungswege und konsequentes Änderungsmanagement. Ebenso wichtig ist die Auswertung abgeschlossener Projekte: Welche Positionen führten regelmäßig zu Nachträgen? Welche Bauverfahren waren wirtschaftlich? Solche Erfahrungen dürfen nicht in einzelnen Projektordnern verbleiben.
KI kann helfen – aber nur mit guten Daten
Hier kann künstliche Intelligenz künftig einen Beitrag leisten. Sie wird weder fehlende Fachkräfte ersetzen noch einen Bagger günstiger machen. Sie kann aber große Mengen an Projekt- und Kostendaten auswerten und wiederkehrende Muster damit sichtbar machen.
Denkbar sind parametrische Kostenschätzungen aus historischen Leistungsverzeichnissen, automatisierte Prüfungen von Ausschreibungsunterlagen oder Frühwarnsysteme für typische Nachtrags- risiken. Auch Trassenvarianten könnten schneller nach Kriterien wie Kosten, Termin und Genehmigungsrisiko verglichen werden.
Voraussetzung ist eine belastbare Datenbasis. Historische Preise müssen nach Region, Preisstand, Leitungstyp, Bauverfahren, Bodenverhältnissen und Projektumfeld vergleichbar gemacht werden. Ohne diese Struktur produziert auch die beste KI nur scheinbar verlässliche Ergebnisse.
Fazit
Der Leitungstiefbau wird auf absehbare Zeit teuer bleiben. Die Branche sollte deshalb weder auf eine schnelle Marktentspannung hoffen noch die Verantwortlichkeiten pauschal einzelnen Akteuren zu-schreiben. Kostensicherheit entsteht dort, wo Projekte frühzeitig durchdacht, Kapazitäten realistisch geplant und Risiken transparent verteilt werden. Deutschland wird seine Infrastruktur nicht günstiger bauen, indem jede Vertragspartei ihre Risiken an die nächste weiterreicht. Es braucht belastbare Grundlagen, verlässliche Projektpipelines, professionelle Kostensteuerung und den konsequenten Einsatz vorhandener Projekterfahrungen.
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