Nachricht

< Neue Vorgaben für Industrieunternehmen durch das Energiesammelgesetz
01.02.2019 16:31 Alter: 76 days

Ostdeutsche vermissen Energiewende aus einem Guss

Dr. Stephan Lowis ist seit dem 1. September 2018 Vorstandsvorsitzender der envia Mitteldeutsche Energie AG (enviaM), Chemnitz, dem führenden regionalen Energiedienstleister in Ostdeutschland.


Wir sprachen mit ihm über die Stimmung der Ostdeutschen zur Energiewende und die Ableitungen für Energiepolitik und Energiewirtschaft.

Foto: Jürgen Jeibmann

Herr Dr. Lowis, enviaM befragt in der Langzeitstudie Energiewelt Ost seit Beginn der Energiewende die Ostdeutschen regelmäßig zum Wandel der Energieversorgung. Sie haben dies zuletzt Ende 2018 getan. Was sind die Erkenntnisse?

Die gute Nachricht: Die breite Mehrheit der Ostdeutschen steht weiter hinter der Energiewende. Zwei Drittel befürworten unverändert den Wandel der Energieversorgung. Die schlechte Nachricht: Die Zahl der Bürger, die die Energiewende ablehnen, hat zugenommen. Jeder fünfte Befragte ist gegen das Projekt. Die Abneigung ist im ländlichen Raum am stärksten. Hier sind die Folgen, wie etwa die Errichtung von Solar- und Windparks und auch der damit verbundene Ausbau der Stromnetze, am deutlichsten spürbar. Immer mehr Ostdeutsche kritisieren zudem das schlechte Management der Energiewende. Nur jeder siebte Bürger ist mit der konkreten Umsetzung zufrieden.

Wie erklären Sie sich die Unzufriedenheit der Ostdeutschen bei der Energiewende?

Die Ostdeutschen vermissen eine Energiewende aus einem Guss. Sie beklagen vor allem die Unstimmigkeiten von Bund und Ländern sowie den zu großen Einfluss von Einzelinteressen bei der Umsetzung des Projekts. Dies hat massive Folgen. Immer weniger Bürger glauben an den Erfolg der Energiewende. So sind lediglich 43 Prozent vom Gelingen des Vorhabens überzeugt. Dies ist der niedrigste Wert, den wir in unseren regelmäßigen Befragungen der ostdeutschen Bevölkerung zur Energiewende bislang gemessen haben.

Was könnte aus Ihrer Sicht für einen Meinungsumschwung sorgen?

Ohne die Zustimmung der Bevölkerung ist die Energiewende in Ostdeutschland nicht möglich. Umso nachdenklicher stimmen die Umfrageergebnisse. Ostdeutschland ist das Schaufenster und Pulsfühler der Energiewende. Wir sollten deshalb sehr ernst nehmen, dass sich hier die kritischen Stimmen mehren. Wir brauchen eine Akzeptanzoffensive. Dies hat auch die Bundesregierung erkannt. Gefragt ist eine neue Aufbruchsstimmung, die die Menschen mitreißt und den Glauben an den Erfolg der Energiewende stärkt. Wichtig ist diesem Zusammenhang, die Bürger zu beteiligen. Wir tun dies zum Beispiel bei Wind- und Solarparks. Dies kommt vor Ort gut an.

Nach wie vor stöhnen die Ostdeutschen über die hohen Kosten der Energiewende. Was ist hier zu tun?

Die Bezahlbarkeit ist und bleibt auch für die Ostdeutschen der mit Abstand wichtigste Aspekt der Energiewende. Das Gros der Befragten fordert mit Nachdruck eine gerechtere Kostenverteilung. Hier besteht ein akuter Handlungsbedarf. Dies gilt vor allem mit Blick auf die Zukunft. Mehr als die Hälfte der Befragten rechnet in Folge eines bevorstehenden Kohleausstiegs mit weiter steigenden Strompreisen.

Hier ist vor allem die Politik gefordert. Diese muss die Bezahlbarkeit der Energiewende zur Chefsache machen. Sie hat dazu alle Hebel in der Hand. Mehr als 70 Prozent des Strompreises eines Durchschnittshaushalts in Deutschland sind staatlich festgelegt beziehungsweise reguliert. Davon entfallen allein mehr als 50 Prozent auf Steuern, Abgaben und Umlagen. Hier gilt es anzusetzen. Ein Vorschlag wäre, die Stromsteuer abzuschaffen. Ein Durchschnittshaushalt in unserem Grundversorgungsgebiet würde so immerhin 85 Euro pro Jahr an Stromkosten sparen.

Stichwort Politik. Sie haben in den zurückliegenden Wochen Besuche bei den ostdeutschen Landesregierungen gemacht. Was ist Ihr Eindruck?

Die Landesregierungen, insbesondere in den Kohleländern, haben ihre Energiepolitik momentan sehr eindimensional auf den Kohleausstieg ausgerichtet. Dies ist nachvollziehbar. Dennoch dürfen wir weitere wichtige Zukunftsthemen wie etwa die aus Klimaschutzgründen notwendige Weiterentwicklung der Energiewende zu einer Wärme- und Verkehrswende nicht ausblenden. Hierfür wünsche ich mir mehr Aufmerksamkeit und Aufgeschlossenheit.

Eine Schlüsselrolle für die Umsetzung der Energiewende spielen die Verteilnetzbetreiber. Ist diese Botschaft inzwischen bei der Politik angekommen?

Die Energiewende findet im Verteilnetz statt. Dies gilt für Strom- und Gasnetze gleichermaßen. Die bevorstehende Wärme- und Verkehrswende wird die Verteilnetzbetreiber weiter aufwerten. Die Politik sollte deshalb die Verteilnetzbetreiber nicht schwächen, sondern stärken. Umso unverständlicher ist die momentane Regulierungspraxis.

Was meinen Sie hier genau?

Gestatten Sie mir, hierzu ein wenig weiter auszuholen. Die Stromnetzbetreiber müssen ihre Effizienz bekanntlich kontinuierlich steigern. Dies sieht die seit 2009 geltende Anreizregulierung vor. Dazu vergleichen sich die Netzbetreiber alle 5 Jahre untereinander. Ineffiziente Netzbetreiber werden dazu gezwungen, ihre Erlöse Jahr für Jahr um einen individuellen Prozentsatz zu senken. Das reizt Effizienzsteigerungen an.

Zusätzlich ist der Gesetzgeber 2009 von einer allgemeinen Ineffizienz der Netzbranche gegenüber der Gesamtwirtschaft ausgegangen. Er hat daher einen „allgemeinen sektoralen Produktivitätsfaktor“, den sogenannten „Xgen“ festgelegt, der die Erlöse der Netzbetreiber jährlich um einen pauschalen Prozentsatz senkt. Die individuelle Effizienz spielt dabei keine Rolle. Seit der Einführung hat der „Xgen“ die Erlöse der Netzbetreiber um zusätzliche 14 Prozent reduziert. Die Lücke zur Gesamtwirtschaft ist damit geschlossen. Eine Reduzierung des „Xgen“ auf Null wäre deshalb angebracht.

Trotzdem hat die Bundesnetzagentur den „Xgen“ für Stromnetzbetreiber für die dritte Regulierungsperiode von 2019 bis 2023 auf 0,9 Prozent festgelegt. Das ist sachlich für uns nicht nachvollziehbar und erhöht in Zeiten hoher Investitionsanforderungen durch die Energiewende den Druck auf die Netzbetreiber unnötig. Zusätzlich erschließt sich uns der Unterschied zu den Gasnetzbetreibern nicht. Hier ist der „Xgen“ mit 0,49 Prozent deutlich geringer, wenn auch nach wie vor zu hoch. Wir haben deshalb beschlossen, gegen den Beschluss der Bundesnetzagentur Beschwerde einzulegen.

Studie Energiewelt Ost

Die Studie Energiewelt Ost ist die einzige repräsentative Langzeitstudie zur Energiewende in Ostdeutschland. Seit 2012 befragt enviaM dazu die Bevölkerung. Die aktuelle Umfrage wurde im Auftrag des Unternehmens vom Institut für angewandte Marketing- und Kommunikationsforschung (IMK), Erfurt, im November 2018 durchgeführt. Einbezogen wurden mehr als 1.000 Personen in allen ostdeutschen Bundesländern. Die vollständigen Ergebnisse der Studie sind auf der Internetseite der enviaM-Gruppe unter Opens external link in new windowwww.enviaM-gruppe.de/presse abrufbar. Hier ist auch ein Video mit einem Interview des enviaM-Vorstandsvorsitzenden Dr. Stephan Lowis zur Studie einsehbar.

Sie haben mehrfach die Weiterentwicklung der Energiewende zu einer Wärme- und Verkehrswende angesprochen, ohne die wir beim Klimaschutz nicht weiterkommen.

Wesentlicher Treiber dafür ist die Digitalisierung. Auch dazu haben Sie die Ostdeutschen in der Studie Energiewelt Ost befragt. Was ist dabei herausgekommen?

Die Ostdeutschen ticken digital. Sie sind viel weiter, als viele denken und nutzen zahlreiche digitale Angebote im Alltag bereits selbstverständlich. Bei digitalen Energieangeboten wie beispielsweise Smart Home sind sie allerdings noch zurückhaltend. Deshalb gilt es, bei der Energieversorgung deutlich mehr Gas zu geben. Gemeinsam mit Partnern aus der Region entwickeln wir das Internet der Energie in Ostdeutschland. Hier arbeiten wir mit Hochdruck daran, einfache und preiswerte digitale Angebote auf den Markt zu bringen, die den Kunden Mehrwerte bieten. Wir wollen so Lust auf die Energiewende machen, die viele Ostdeutsche wie gehört momentan eher als Last empfinden. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Digitalisierung die Freude bei den Bürgern an der Energiewende wiedererwecken kann.

Was ist aus Ihrer Sicht bei der Umsetzung der Digitalisierung das Wichtigste?

Digitalisierung ist keine Frage der Technik, sondern eine Frage der Haltung. Genauso gehen wir die Dinge bei der enviaM-Gruppe an.

Letzte Frage. Sie sind seit September 2018 Chef der enviaM-Gruppe. Wie fühlt sich das an?

Das Angebot, Vorstandsvorsitzender bei einem Marktführer zu werden, bekommt man nicht so häufig. Es macht mir großen Spaß, erstmals Gesamtverantwortung für ein Unternehmen zu haben. Die enviaM-Gruppe ist sehr gut aufgestellt. Wir haben eine tolle Mannschaft, die voll mitzieht. Mein Ziel ist es, unsere Position als Nummer eins im Osten weiter zu behaupten. Ich bin sicher, dass uns dies nicht zuletzt dank der Digitalisierung gelingen wird.