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< Warum es jetzt auf Energieverbünde ankommt
07.04.2026 17:32 Alter: 28 days

Ohne günstigen Strom keine Kreislaufwirtschaft

„Die Kreislaufwirtschaft ist essenziell, um den Produktionsstandort Deutschland resilient aufzustellen.“


Matthias Harms, Kommissarischer Präsident des BDE Bundesverband der Deutschen Entsorgung-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft e. V.

Gerade in einer Phase tiefgreifender wirtschaftlicher Transformation und globaler Krisen zeigt sich, dass Energiepolitik, Industriepolitik und Ressourcensicherung untrennbar miteinander verbunden sind. Wettbewerbsfähige Energiepreise entscheiden darüber, ob Recycling ein Zukunftsmodell für den Industriestandort Europa bleibt. Eine Wortmeldung von Matthias Harms, kommissarischer Präsident des BDE Bundesverband der Deutschen Entsorgung-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft e. V.

Grafik: iStock

Die Transformation der Energieversorgung und die Sicherung industrieller Wertschöpfung gehören zu den zentralen wirtschaftspolitischen Herausforderungen unserer Zeit. Die Recyclingwirtschaft verbindet beide Ziele: Sie reduziert Rohstoffabhängigkeiten, spart CO₂ ein und stärkt die Resilienz industrieller Lieferketten.
Damit sie diese Rolle erfüllen kann, braucht sie jedoch wettbewerbsfähige energiepolitische Rahmenbedingungen, dazu zählen dauerhafte wettbewerbsfähige Energiepreise für die Produktion.

Kreislaufwirtschaft als Stabilitätsfaktor für Industrie und Versorgung

Die Energieversorgung der EU befindet sich in einem grundlegenden Wandel. Geopolitische Unsicherheiten, strukturelle Veränderungen der Energiemärkte und steigende Anforderungen an Klimaschutz und Ressourceneffizienz verändern die Rahmenbedingungen für Industrie und Wirtschaft tiefgreifend. Neue Energieträger wie Biogas rücken in den Fokus.
In diesem Spannungsfeld entscheidet sich auch, ob Deutschland und die EU ihre industriepolitischen Ziele erreichen und gleichzeitig ihre klima- und ressourcenpolitischen Verpflichtungen erfüllen können.

Eine Branche spielt dabei eine Schlüsselrolle: die Recycling- und Kreislaufwirtschaft. Sie sorgt dafür, dass wertvolle Rohstoffe im Wirtschaftskreislauf bleiben, reduziert den Bedarf an Primärrohstoffen und leistet einen messbaren Beitrag sowohl zur Resilienz als auch zur CO₂-Minderung. Moderne Sortier-, Aufbereitungs- und Rückgewinnungsprozesse – etwa bei Metallen, Kunststoffen oder Glas – benötigen erhebliche Mengen Strom. Ohne stabile und international wettbewerbsfähige Energiepreise geraten auch Recyclingprozesse zunehmend unter wirtschaftlichen Druck.

Industriestrompreis als industriepolitische Weichenstellung

scheidenden Kostenfaktoren für die Industrie. Für energieintensive Branchen entscheidet sich daran unmittelbar ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit. Deshalb wird derzeit auf europäischer und nationaler Ebene intensiv über Instrumente diskutiert, um energieintensive Industrien zu entlasten. Ein günstiger Industriestrompreis ist ein zentraler industriepolitischer Bestandteil für die Wettbewerbsfähigkeit der produzierenden Industrie.
Aus Sicht der Kreislaufwirtschaft stellt sich dabei eine grundlegende Frage: Wird die Recyclingindustrie in diese Instrumente einbezogen – oder nicht? Der BDE hat hierzu ein unabhängiges Gutachten vorgelegt. Es zeigt, dass der Teilsektor „Rückgewinnung“ die maßgeblichen europäischen Kriterien erfüllt, um in den Anwendungsbereich eines Industriestrompreises aufgenommen zu werden. Sowohl Handels- als auch Stromintensität liegen über den relevanten Schwellenwerten.

Rohstoffsicherung wird zur strategischen Aufgabe

Gerade in Zeiten geopolitischer Spannungen wird deutlich, wie wichtig stabile und diversifizierte Rohstoffquellen sind. Viele strategische Rohstoffe stammen aus politisch sensiblen Regionen.

Recycling reduziert diese Abhängigkeiten. Durch die Rückgewinnung und Aufbereitung von Sekundärrohstoffen stärkt die Branche die Versorgungssicherheit der europäischen Industrie und damit auch die strategische Autonomie Europas. Es wäre daher ein industriepolitisch falsches Signal, ausgerechnet jene Unternehmen von wettbewerbsfähigen Strompreisen auszuschließen, die maßgeblich zur Dekarbonisierung, Ressourceneffizienz und Rohstoffsicherung beitragen.

Transformation braucht Investitionen

Gleichzeitig steht die Branche unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. In verschiedenen Segmenten – etwa im Kunststoff- oder Glasrecycling – ist die Marktsituation angespannt. Hohe Energiekosten treffen auf volatile Rohstoffpreise und intensiven internationalen Wettbewerb.
Für viele Unternehmen stellt sich deshalb zunehmend die Frage, ob Investitionen in neue Anlagen und Technologien weiterhin am Standort Deutschland erfolgen können.
Dabei braucht die industrielle Transformation genau diese Investitionen. Moderne Recyclinganlagen, innovative Aufbereitungstechnologien und digitale Sortiersysteme sind entscheidend, um Stoffkreisläufe effizient zu schließen und hochwertige Sekundärrohstoffe bereitzustellen.

Politik muss Kreislaufwirtschaft als Industriepolitik verstehen

Der Industriestrompreis kann ein entscheidender Baustein sein, um zum einen energieintensive Industriezweige, die Recyclingrohstoffe verarbeiten, und zum anderen die Recyclingprozesse selbst wettbewerbsfähig zu halten und Investitionen in moderne Rückgewinnungstechnologien zu ermöglichen. Doch letztlich geht es um mehr als um eine einzelne energiepolitische Maßnahme. Es geht um die Frage, ob Europa die Kreislaufwirtschaft als strategischen Bestandteil seiner Industriepolitik versteht.

„Damit das Recycling in Deutschland wirtschaftlich betrieben und weiterentwickelt werden kann, bedarf es nicht nur für die energieintensive Industrie, die Recyclingrohstoffe verarbeitet, sondern auch für die Recyclingindustrie selbst wettbewerbsfähige Energiepreise.“



Matthias Harms

Wer Rohstoffsicherheit, Klimaschutz und industrielle Wertschöpfung ernst nimmt, muss auch die wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine leistungsfähige Recyclingwirtschaft schaffen.

Die Einbeziehung des Recyclings in den Industriestrompreis wäre deshalb ein klares Signal: für den Industriestandort Europa, für resiliente Lieferketten – und somit auch für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft.

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