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13.11.2020 16:39 Alter: 15 days

Ohne Gas keine Klimawende

Energiewende und Klimaschutz haben inzwischen fast alle Bereiche des Lebens erfasst. Unser Energiesystem ist im Wandel. Gas spielt dabei heute wie morgen eine wichtige Rolle und trägt mit emissionsarmen Lösungen zum Erreichen der Klimaziele bei. Wir sprachen darüber mit Prof. Dr. Gerald Linke, Vorstandsvorsitzender Deutscher Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW) und Präsident des Europäischen Forschungsinstituts für Gas- und Energieinnovation (ERIG).


Prof. Dr. Gerald Linke, Vorstandsvorsitzender

„Das Gasnetz in Deutschland mit über einer halben Million Kilometer Länge kann schon jetzt Wasserstoff anteilig aufnehmen. Die fortlaufende Anpassung der Infrastruktur schafft die Grundlage dafür, dass künftig immer mehr klimaneutrale Gase zuverlässig zu den Verbrauchern gelangen. Dort können sie ihr volles Potenzial zum Schutz des Klimas ebenso wie zur Gewährleistung einer sicheren und bezahlbaren Energieversorgung der Zukunft ausspielen.“

Prof. Dr. Gerald Linke

Herr Professor Linke, warum besitzt Gas das Potenzial für eine effiziente Klimawende?

Ohne Gas wird die Energiewende in einem Industrieland wie Deutschland nicht möglich sein. Denn wir benötigen weiterhin eine sichere, umweltverträgliche und bezahlbare Energieversorgung. Und die geht nur mit Gasen! Es freut uns, dass Erdgas, grüne Gase und effiziente Gastechnologien spätestens seit der Verabschiedung des Klimapaketes und des Dialogprozesses Gas 2030 nun wieder Bestandteil der aktuellen Klimadiskussion sind. Die einseitige Orientierung nur auf eine Stromwende ist Vergangenheit. Gasförmige Energieträger – Erdgas, Biogas und Wasserstoff – werden langfristig und mit zunehmender Dekarbonisierung ein zentraler Eckpfeiler der deutschen Energieversorgung sein und unsere Versorgung absichern. Für diese Perspektive gilt es ein Zukunftsmodell zu entwickeln. Daran arbeiten wir.

Gas wird längst als dritte Säule der Energiewende verstanden - neben einer höheren Energieeffizienz und einem stetigen Ausbau der Erneuerbaren. Die Vorteile liegen auf der Hand: Gas hat ein nachweislich hohes Potenzial für eine rasche und kostengünstige Emissionsminderung; Dank vorhandener hocheffizienter Infrastrukturen kann es zudem in volkswirtschaftlich notwendigen Dimensionen transportiert und gespeichert werden.

Physikalisch gesehen ist das Molekül der kleinste Speicher mit einer sehr hohen Energiedichte. Daher ist eine Stromversorgung über Moleküle nach wie vor effizienter und wirtschaftlicher als eine reine Elektrifizierung. Das erklärt auch, warum der Anteil der erneuerbaren Energien am gesamten Energiebedarf Deutschlands bis heute gerade einmal 17 Prozent ausmacht.

Die aktuelle Aufgabe besteht darin, eine Brücke zwischen dem Strom- und dem Gassystem zu schaffen. Die Technologie dafür steht mit Power-to-Gas bereit. Mit dieser energietechnischen Verknüpfung der verschiedenen Verbrauchssektoren ließen sich rund 550 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr einsparen. Wird das eingesetzte Gas sukzessive grün, kommen weitere signifikante Einsparpotenziale hinzu.

Das Bundeskabinett hat Ende September das EEG 2021 beschlossen. Ist der Stellenwert von Wasserstoff ausreichend berücksichtigt?

CO2-neutraler Wasserstoff wird zu einem wichtigen Baustein der Energiewende, das ist sicher. Wir haben das Potenzial von Wasserstoff sehr früh erkannt und setzen unsere Forschungs- und Regelwerkskompetenz dafür ein, einen technisch sicheren Betrieb von Gasnetzen und Anwendungen allen Energiesektoren auf der Basis von Wasserstoff (H2) zur Verfügung zu stellen.

Unter den bestehenden regulatorischen Rahmenbedingungen in Deutschland ist der Einsatz von Power-to-Gas- Anlagen zur Erzeugung von klimaneutralen Gasen jedoch noch nicht wettbewerbsfähig. Notwendig ist aus unserer Sicht, die zur Produktion von klimaneutralem Wasserstoff genutzten Elektrolyse- und Pyrolyse-Anlagen vollständig von der EEG-Umlage zu befreien. Nur dann wird die wirtschaftliche Erzeugung von klimaneutralem Wasserstoff in Deutschland möglich. Eine teilweise Reduktion der EEG-Umlage über die „Besondere Ausgleichsregelung“ kann allenfalls ein Zwischenschritt hin zu einer Komplettbefreiung sein.

 

Grafiken: DVGW

Das Ziel der Europäischen Kommission, bis zum Jahr 2030 erneuerbaren Wasserstoff im Umfang von mindestens 40 Gigawatt Elektrolyseleistung zu produzieren, ist ein wichtiges Signal für ein integriertes europäisches Energiesystem, in dem Wasserstoff eine tragende Säule sein wird. Mit der europäischen Wasserstoffstrategie gibt es nun wichtige Hinweise für die Weiterentwicklung der nationalen Rechtsnormen in Bezug auf Zuständigkeiten und Begrifflichkeiten von klimaneutralen Gasen.

Kann die Nationale Wasserstoff- Strategie hier einen Schub geben?

Die Wasserstoff-Strategie ist ein wichtiges Signal, dass H2 als Basis für klimafreundliche Technologien fungiert aber auch seine wirtschaftlichen Potenziale für Deutschland ausspielt. Längst ist erwiesen, dass H2 zur nachhaltigen Minderung von CO2-Emissionen überall dort beitragen kann, wo gasbasierte Energie die beste Option ist und auch bleiben wird – bei industriellen Prozessen, in der Schwerlast-Mobilität und im Wärmesektor. Denn die hier benötigten Mengen und Spitzenleistungen werden durch das deutsche Verteilnetz effizient vor Ort für viele Verbrauchergruppen bereitgestellt.

 

Die geplanten Förderinstrumente und Umlagebefreiungen für die Erzeugung von grünem Wasserstoff sind hier nur der erste richtige und notwendige Schritt. Auch dürfen blauer und türkiser Wasserstoff bei der Marktentwicklung nicht unter den Tisch fallen, um auf die industriell benötigten Mengen zu kommen. Der Einsatz von Wasserstoff im Wärmesektor wird von der Strategie außerdem sträflich vernachlässigt. Wir stehen jedenfalls bereit, die strategischen Ansätze zum Markthochlauf von Wasserstoff jetzt zügig umzusetzen.

 

Welche Schritte hat der DVGW eingeleitet?

Der DVGW ist in der Branche heute der kompetente Ansprechpartner für alle technisch-wissenschaftlichen Aspekte. So ist zum Transport der zu erzeugenden Wasserstoffmengen die Beimischung von Wasserstoff in das bestehende Erdgasnetz unerlässlich. Deshalb arbeiten wir seit langem daran, die Infrastruktur fit zu machen für mehr Wasserstoff.

Wir haben bereits eine umfangreiche Überarbeitung unseres Regelwerkes eingeleitet, um eine Einspeisung von bis zu 20 Volumenprozent zu ermöglichen. Unsere zielgerichtete Forschungs- und Regelwerkskompetenz als DVGW verfolgt das Ziel, der Versorgungswirtschaft bald ein erstes Set an Regeln und Normen für die Beimischung und den technisch sicheren Betrieb von Gasnet

 

zen mit Wasserstoff zur Verfügung zu stellen. Durch die Beteiligung an europäischen Normungsgremien bringen wir unsere technisch-wissenschaftliche Kompetenz auch auf europäischer Ebene ein. Mit Blick auf die Anwendungen muss allerdings auch auf EU-Ebene das enorme Dekarbonisierungspotenzial von klimaneutralem Wasserstoff im Wärmemarkt noch stärker Berücksichtigung finden

 

Der DVGW begleitet ein Pilotprojekt als Praxistest für die Gasinfrastruktur?

Es sind in der Tat eine Vielzahl von Projekten. Zwei Beispiele: mit dem Verteilnetzbetreiber Avacon kooperieren wir in Sachen Wasserstoff-Einspeisung. Erstmals stellen wir zum Jahresende ein rund 35 Kilometer umfassendes Verteilnetz auf 20 Prozent Wasserstoff um - ein neuer Spitzenwert! Gemeinsam mit Partnern testen wir zudem in einem Hybrid-Kraftwerk bei Prenzlau das Abtrennen von Wasserstoff aus Gasgemischen mit Membranen.

Hier wollen wir Antworten finden auf Fragen zur Konfiguration einer künftigen Wasserstoffwirtschaft. Können Wasserstoff und Erdgas künftig als Gemisch transportiert werden und damit gleichermaßen für reine Wasserstoff- und Methananwendungen die benötigten Gasmengen bereitstellen? Oder müssen separate Wasserstoffund Mischgasinfrastrukturen geplant werden? Die Anlage wird sich erstmals einem Praxis-Tauglichkeitstest unterziehen, um Weichenstellungen für eine zukünftig angestrebte Gasinfrastruktur abzuleiten.

Lässt sich mit Einsatz von Gas im Verkehrssektor mehr Klimaschutz erreichen?

Wir wissen seit Jahren, dass der CO2-Ausstoß im Verkehrssektor in Europa seit 1990 immer weiter ansteigt. Hier trägt die EU-Verkehrspolitik eine Mitverantwortung, da sie Fahrzeugherstellern nur eingeschränkt Anreize für schnelle Klimaschutzmaßnahmen bietet. Dabei werden umweltschonende Kraftstoffe unterschiedlich bewertet: Elektrofahrzeuge werden mit Null Emissionen angeführt, die Nutzung von Biogas als Kraftstoff hingegen nicht begünstigt. Damit wird der Elektroantrieb gegenüber anderen Alternativen bevorzugt.

Wir sind davon überzeugt, dass es auch hier auf das Zusammenführen der Stärken aller Technologien und Energieträger ankommt. Durch eine Berücksichtigung von erneuerbaren Gasen bei den Flottengrenzwerten zum Beispiel würden Fahrzeughersteller dieses Segment deutlich mehr forcieren. Bislang werden sie jedoch so bewertet wie fossile Kraftstoffe. Angesichts der Tatsache, dass Mobilität mit Biomethan verfügbar ist - ebenso mittelfristig synthetisches Methan aus Power-to-Gas - ist dies nicht akzeptabel. Gemeinsam mit der Brancheninitiative Zukunft ERDGAS und im Rahmen unseres Engagements im Industriekreis CNG fordern wir deshalb eine Überarbeitung der europäischen CO2-Flottenregelung.

Mit dem Gebäude-Energie- Gesetz (GEG) wurden die Türen für erneuerbare Gase im Neubau ein Stück weit geöffnet. Positiv ist zu werten, dass Brennwertheizungen über das Gasverteilnetz mit 50 Prozent Biomethan gespeist werden dürfen und dies auf die verpflichtende Quote zum Einsatz Erneuerbarer Energien im Wärmemarkt anrechenbar ist. Innovative, mit steigenden Anteilen erneuerbarer Gase betriebene Brennwertkessel können so einen großen Beitrag zur Senkung der CO2- Emissionen im Wärmemarkt leisten.

Abschließend die Frage, welche Erwartung setzt der DVGW in die deutsche EU-Ratspräsidentschaft?

Angesichts der Kürze der Ratspräsidentschaft von gerade einmal sechs Monaten ist die Liste der Erwartungen wohl zu lang - insbesondere wenn man bedenkt, dass die Hälfte der Zeit schon abgelaufen ist. Wichtig ist uns, dass neben der Ablösung der Kohle durch Gaskraftwerke in der Stromerzeugung das zentrale Zukunftsthema Wasserstoff zusätzliches Gewicht erhält. Dies verlangt länderübergreifende Impulse und sollte zur gesamteuropäischen Verpflichtung werden. Ein Europa als klimaneutraler Kontinent kann von den technischen Innovationen hierzulande nur profitieren.

 

Auch die Ressource Wasser benötigt diese Impulse. Denn Verunreinigungen und Schadstoffeinträge machen vor nationalen Grenzen nicht halt. Der Landwirtschaft kommt hier eine besondere Bedeutung und Verantwortung zu. Trotz höchst unterschiedlicher struktureller Bedingungen in den einzelnen europäischen Mitgliedsstaaten muss zum Beispiel Massentierhaltung kritisch hinterfragt und Überdüngung zurückgefahren werden. Beides belastet unsere Trinkwasserressourcen in erheblichem Maße.

Prof. Linke, wir danken für das Gespräch. www.dvgw.de