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Netzausbau braucht Tempo, keine teuren Umwege
“Der Netzausbau entscheidet sich nicht nur in politischen Zielbildern, sondern in der konkreten Umsetzung. Es gilt, industrielle Kompetenz und den Standortfaktor Deutschland zu sichern.”
Der steigende Strombedarf durch Elektrifizierung, Digitalisierung, Industrieumbau und den Ausbau erneuerbarer Energien erfordert ein leistungsfähiges, robustes und vorausschauend geplantes Übertragungsnetz. Führende Freileitungsbauunternehmen unterstützen den Kurs zu mehr Freileitungen und fordern klare Technologieentscheidungen. Zu einem aktuellen Positionspapier sprach THEMEN!Magazin mit Frank Westphal, Geschäftsführer VINCI Deutschland und CEO Omexom in Deutschland.

- Foto: Omexom
Herr Westphal, warum ein Positionspapier zum Netzausbau?
Deutschland steht beim Ausbau seiner Stromnetze vor entscheidenden Weichenstellungen. Die aktuelle Debatte zum weiteren Netzausbau wird aus unserer Sicht stark von der Erdkabel-Perspektive geprägt. Dadurch entsteht teilweise ein verzerrtes Bild: Freileitungen werden häufig auf ihre Sichtbarkeit reduziert, während zentrale Fragen zu Kosten, Bauzeit, Lebenszyklus und Resilienz zu kurz kommen.
Mit dem Entwurf zur Änderung des Bundesbedarfsplangesetzes hat die Bundesregierung einen wichtigen Impuls gesetzt: Neue Höchstspannungs-Gleichstromverbindungen sollen künftig wieder stärker als Freileitung und nicht vorrangig als Erdkabel realisiert werden. Ziel ist es, den Netzausbau zu beschleunigen, kosteneffizienter zu gestalten und somit langfristig Netzentgelte und Energiekosten zu entlasten.
Die führenden deutschen Freileitungsbauunternehmen begrüßen diesen Vorschlag ausdrücklich. Aus der praktischen Erfahrung in Planung, Bau und Umsetzung kritischer Energieinfrastruktur ist klar: Der Netzausbau gelingt nur, wenn politische Ziele jetzt in klare, langfristig tragfähige und auch praxistaugliche Technologieentscheidungen übersetzt werden.
Gemeinsam mit weiteren Freileitungsbauunternehmen haben wir deshalb ein Positionspapier erarbeitet, um die praktische Umsetzungsperspektive in die Diskussion einzubringen.
Sie fordern klare Entscheidungen statt komplexer Hybridlösungen …
Mischformen aus Freileitung und Erdkabel innerhalb einzelner Gleichstromvorhaben wirken auf den ersten Blick wie ein Kompromiss. In der Praxis erhöhen sie jedoch Komplexität, Schnittstellen, technische Risiken, Abstimmungsbedarf und Kosten.
Hybride Lösungen führen nicht automatisch zu mehr Akzeptanz oder höherem Tempo. Im Gegenteil können sie Planung, Genehmigung, Bau und späteren Betrieb zusätzlich erschweren. Deshalb braucht es klare und verbindliche Technologieentscheidungen statt weiterer Sonderlösungen.
Warum ist der Freileitungsbau unverzichtbar?
Der Freileitungsbau in Deutschland steht für jahrzehntelange Erfahrung, hohe technische Kompetenz, regionale Wertschöpfung und qualifizierte Beschäftigung. Rund 20.000 Menschen sind direkt und indirekt in diesem Bereich tätig. Diese Unternehmen und Fachkräfte planen, bauen und sichern die Infrastruktur, die für Energiewende, Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit entscheidend ist.
Diese industrielle Kompetenz ist ein strategischer Erfolgsfaktor für den weiteren Netzausbau. Wer Tempo, Qualität und Resilienz im Übertragungsnetz erreichen will, muss die dafür notwendigen Kapazitäten in Deutschland erhalten, stärken und verlässlich einbinden.
Das gilt auch für Deutschlands Attraktivität als Investitions- und Zukunftsstandort. Industrie, Digitalisierung und leistungsfähige Rechenzentren – insbesondere für KI-Anwendungen – brauchen eine stabile, bezahlbare und schnell verfügbare Strominfrastruktur. Wenn Deutschland in diesen Zukunftsfeldern aufholen will, kann es sich beim Netzausbau keine weiteren Verzögerungen leisten.
Sie sehen auch einen strategischen Nutzen?
Freileitungen bieten zusätzlich einen strategischen Nutzen für die digitale Infrastruktur: Glasfaserleitungen sind integraler Bestandteil moderner Höchstspannungs-Freileitungen und können an geeigneten Punkten entlang der Trasse eingebunden oder weitergeführt werden. So verbinden Freileitungen Stromübertragung und leistungsfähige Dateninfrastruktur in einer bestehenden, gut zugänglichen Maststruktur. Das ist ein entscheidender Vorteil für Netzsteuerung, Kommunikation, Industrie, Rechenzentren und KI-Anwendungen. Bei reinen Erdkabellösungen entsteht dieser Zusatznutzen nicht in gleicher Form; zusätzliche LWLAnbindungen erfordern dort eigene Trassenplanung, Tiefbau, Zugänglichkeit und Schutzkonzepte.
Welchen Appell senden Sie an die Bundesregierung?
Aus unserer Sicht sind vier Punkte entscheidend:
- Kosten und Tempo: Freileitungen sind schneller zu planen und zu bauen sowie deutlich wirtschaftlicher als Erdkabelsysteme.
- Lebenszyklus: Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages verweist bei Freileitungen auf 80 bis 100 Jahre technische Lebensdauer, bei Erdkabeln auf 20 bis 40 Jahre.
- Resilienz: Im Störungs- oder Sabotagefall lassen sich Schäden an Freileitungen in der Regel schneller lokalisieren und beheben.
- Flächen und Infrastruktur: Landwirtschaftliche Nutzung bleibt unter Freileitungen meist möglich; zudem sind Glasfaserleitungen integraler Bestandteil moderner Höchstspannungs-Freileitungen.
Der Netzausbau entscheidet sich nicht nur in politischen Zielbildern, sondern in der konkreten Umsetzung. Wer Tempo, Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit ernst nimmt, muss klare Technologieentscheidungen treffen. Freileitungen sind dabei kein Rückschritt, sondern ein zentraler Baustein für einen resilienten und wirtschaftlichen Netzausbau. Sie helfen zugleich, die Kosten für Wirtschaft, Industrie und Bevölkerung deutlich zu begrenzen.
Wir begrüßen den von Bundesministerin Katherina Reiche angestoßenen Kurs, neue Gleichstromvorhaben wieder stärker als Freileitung zu realisieren. Unser Appell an die Bundesministerin, die Bundesregierung und die beteiligten Fraktionen: Dieser Kurs sollte jetzt klar, verbindlich und praxistauglich weiterverfolgt werden.
Herr Westphal, wir danken für das Gespräch.
www.omexom.de



