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< Flexibilität für die europäische Energiewende
14.07.2020 13:23 Alter: 25 days

Die neue RWE treibt die Energiewende voran

Der RWE Vorstandsvorsitzende Dr. Rolf Martin Schmitz über die strategische Neuausrichtung des Energieunternehmens, seine Wachstumspläne bei den Erneuerbaren Energien und das Ziel, bis 2040 klimaneutral zu sein.


Dr. Rolf Martin Schmitz, Vorstandsvorsitzender RWE AG

„Die neue RWE gehört jetzt global zu den führenden Stromproduzenten aus Erneuerbaren Energien. Bei Offshore-Windkraft sind wir weltweit die Nummer Zwei. Diesen Weg gehen wir weiter. Wir investieren massiv in Windkraft- und Solaranlagen sowie in Speicher: Fünf Milliarden Euro netto fließen in den kommenden drei Jahren in den weiteren Ausbau. Allein eine Milliarde davon ist für Projekte in Deutschland vorgesehen.“

Herr Dr. Schmitz, wie kommt RWE durch die Corona-Krise?

Wir kommen vergleichsweise gut durch diese Zeit. RWE muss keine Staatshilfen in Anspruch nehmen, und bei uns ist niemand in Kurzarbeit. Der Stromverbrauch war in den vergangenen Monaten zwar rückläufig, aber wir haben ein robustes Geschäftsmodell. Die Zahlen des ersten Quartals belegen das: Wir haben unsere Ziele erreicht. So gut geht es leider nicht allen Unternehmen.

Wie haben Ihre Beschäftigten die Krise erlebt?

RWE ist Teil der kritischen Infrastruktur. Unsere Mitarbeiter sind sich dieser Verantwortung bewusst und sorgen dafür, auch in unsicheren Zeiten verlässlich Strom zu produzieren. Uns sind zwei Dinge besonders wichtig: die Gesundheit unserer Mitarbeiter und Strom herzustellen. Das eine bedingt das andere. Wir haben deshalb früh Schutzmaßnahmen eingeleitet: Abstand halten, Schutzmasken tragen, wo immer nötig, Kontakte auf das Nötigste begrenzen, Dienstreisen aussetzen. Wo es möglich ist, arbeiten unsere Beschäftigten von zuhause aus. Das alles hat sich in bislang sehr niedrigen Infektionszahlen in unserem Unternehmen niedergeschlagen. Vor allem gab es keine Ansteckungen innerhalb des Unternehmens. Was mich sehr beeindruckt: Der Zusammenhalt im Team ist noch stärker geworden. Bei RWE wissen alle, wie wichtig ihre Arbeit für die Gesellschaft ist. Mit welcher Selbstverständlichkeit unsere Mitarbeiter diesen Teamgeist in der Krise gelebt haben, das verdient Respekt.

Wie schätzen Sie das Konjunkturpaket der Bundesregierung ein?

Ich bin optimistisch, dass das Konjunkturpaket Deutschlands Volkswirtschaft helfen wird, wieder auf die Beine zu kommen. Aus energiewirtschaftlicher Sicht bewerte ich drei Punkte aus den aktuellen politischen Diskussionen positiv: Zunächst die Begrenzung der EEG-Umlage, denn die Reduzierung der Abgaben- und Umlagenbelastung von Strom erleichtert die gewünschte Elektrifizierung. Das hilft allen Sektoren der Wirtschaft dabei, ihre Klimaschutzziele zu erreichen. Auch die jetzt angestrebte Anhebung des Ausbauziels für Offshore Windkraftanlangen und die Aufhebung des Photovoltaik-Deckels ist gut. Und nicht zuletzt ist es richtig, dass mit der Nationalen Wasserstoffstrategie die wesentlichen Bereiche angegangen werden, die bislang das Entstehen eines Wasserstoffmarkts in Deutschland verhindert haben. Die Finanzmittel in Höhe von 9 Mrd. €, die für Wasserstoff- Projekte bereitgestellt werden sollen, geben dieser Zukunftstechnologie den notwendigen Anschub. Wichtig ist jetzt, dass alle diese Punkte zeitnah umgesetzt werden, damit Unternehmen bestehende Planungen tatsächlich realisieren können. Das betrifft RWE unmittelbar: mit verschiedenen Partnern arbeiten wir seit Längerem an Wasserstoff-Projekten – unter anderem in der Initiative GetH2 – die wir möglichst bald umsetzen wollen. Unsere technischen Planungen zum Beispiel für den Bau eines Elektrolyseurs mit 100 MW Leistung in Lingen sind weit fortgeschritten.

Kommen wir zu Ihrem Geschäft. Die Transaktion zwischen RWE und E.ON im vergangenen Herbst gehört zu den größten in der deutschen Industriegeschichte. Was haben Sie damit bezweckt?

Durch die Transaktion haben wir RWE fundamental neu ausgerichtet. Die „neue RWE“ gehört jetzt global zu den führenden Stromproduzenten aus Erneuerbaren Energien. Bei Offshore-Windkraft sind wir weltweit die Nummer Zwei. Diesen Weg gehen wir weiter. Wir investieren massiv in Windkraft- und Solaranlagen sowie in Speicher: Fünf Milliarden Euro netto fließen in den kommenden drei Jahren in den weiteren Ausbau. Allein eine Milliarde davon ist für Projekte in Deutschland vorgesehen. Gleichzeitig steigen wir konsequent und verantwortungsvoll aus Kernenergie und Kohle aus. Das zeigt, wie konkret die neue RWE die Energiewende vorantreibt.

Sie wollen bis 2040 klimaneutral werden. Wie stellt sich RWE den Weg dorthin vor?

Wir haben einen klaren Fahrplan – und längst mit der Umsetzung begonnen. Von 2012 bis 2019 haben wir unseren CO2-Ausstoß bereits halbiert. Damit sparen wir 90 Millionen Tonnen CO2 jährlich ein. Das ist so viel, wie alle in Deutschland gemeldeten Pkw in einem Jahr emittieren. Spätestens 2038 ist bei RWE mit der Kohle Schluss, und 2040 sind wir klimaneutral.

Sie betreiben noch eine Reihe von Kohlekraftwerken. Können Sie nicht schneller aussteigen?

Der jetzt für Deutschland vereinbarte Ausstieg bis 2038 ist ambitioniert. Es sollte nicht vergessen werden, dass Deutschland bis Ende 2022 auch aus der Kernenergie aussteigt. Kein anderes Land der Welt hat sich einem so radikalen Umbau der Energieversorgung verschrieben. Bis die Versorgungssicherheit in Deutschland ausschließlich über Erneuerbare Energien und dazugehörige Speicher gewährleistet werden kann, braucht es viele neue Wind- und Solaranlagen, Stromleitungen und Großspeicher. Das geht nicht über Nacht. Aber wir gehen beim Ausstieg voran. Im Dezember nehmen wir bei RWE den ersten 300-Megawatt-Block vom Netz. Und im kommenden Jahr legen wir drei weitere Braunkohleblöcke still. Das verlangt unserem Unternehmen und unseren Beschäftigten eine Menge ab. Bis 2023 werden wir rund 3.000 Stellen in Tagebauen und Kraftwerken streichen; bis 2030 werden es über 6.000 sein. Das sind rund zwei Drittel unserer Beschäftigten im System Kohle. Der Personalabbau soll personalverträglich erfolgen, dafür haben sich auch die Gewerkschaften stark gemacht. Deshalb hat die Bundesregierung zugesagt, eine gesetzliche Regelung für ein Anpassungsgeld zu schaffen.

Zurück zu den Erneuerbaren Energien: Wo in Deutschland wollen Sie investieren?

Deutschland ist seit mehr als 120 Jahren unser Heimatmarkt. Wir haben hier erheblich investiert und das soll auch so bleiben: Vor wenigen Wochen haben wir die Investitionsentscheidung für den großen Nordsee-Windpark Kaskasi getroffen. Er soll 2022 ans Netz gehen. Mit einer Kapazität von 342 Megawatt kann er rechnerisch rund 400.000 Haushalte mit sauberem Strom versorgen. Und im April haben die Bauarbeiten für unseren Windpark in Jüchen begonnen, der eine Leistung von 27 MW haben wird und den wir gemeinsam mit kommunalen Partnern realisieren. Er entsteht auf einer rekultivierten Fläche des Tagebaus Garzweiler im rheinischen Braunkohlerevier. Aber wer die Diskussionen um die Energiewende verfolgt weiß, dass es erhebliche Probleme bei der Realisierung insbesondere für Onshore-Windprojekte gibt. In anonymen Umfragen ist jeder dafür – in Sichtweite des eigenen Hauses will jedoch niemand ein Windrad sehen. Da steht Eigeninteresse häufig vor Allgemeinwohl. So wird Deutschland seine hochgesteckten Ausbauziele nicht erreichen.

Immerhin hat die Bundesregierung einige wichtige Entscheidungen zur Förderung der Erneuerbaren Energien auf den Weg gebracht ...

Das ist in der Tat eine erfreuliche Entwicklung. Die Einigung ist gut für den weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien und damit für den Klimaschutz. Insbesondere Abstandsregelungen bleiben jedoch ein entscheidendes Kriterium dafür, wie die Windkraft an Land vorankommen wird. Wenn es darum geht, den Windkraftausbau aktiv zu unterstützen und flächenbegrenzende Regelungen mittels pauschaler Abstände zu vermeiden, kommt es in Zukunft auf die Bundesländer an. Auch ist die angestrebte Modernisierung und Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren wichtig. Das sind notwendige Maßnahmen, um Investitionen in Erneuerbare Energien neuen Schwung zu verleihen. Vor allem wird es darauf ankommen, den kommenden Ausschreibungsrunden für die Windkraft auf See ein solides Fundament zu geben. Gerade Offshore ist für Deutschland eine große Chance. Weite Teile der Branche befürchten, dass Investitionsbedingungen geschaffen werden, die dem internationalen Vergleich nicht standhalten. Die neuen Ausschreibungsregeln aus dem geplanten Wind-Auf-See-Gesetz zielen möglichst auf Gebote zum Nullpreis ab. Gibt es davon mehrere, sollen Betreiber zusätzliches Geld dafür bieten, dass sie überhaupt bauen dürfen. Die Branche ist sich einig: Das wird nicht funktionieren. Wer dann einen Windpark in den Markt hinein bauen will, muss auf steigende Strompreise wetten. Gleichzeitig will die Politik, dass die Strompreise nicht weiter steigen. Und je mehr erneuerbare kommen, desto weniger Stunden gibt es mit hohen Strompreisen. Das ist ein sich selbst kannibalisierendes System. Es wird sicherlich einige spekulative Nullgebote geben, aber ob diese Windparks je gebaut werden, ist zweifelhaft. So läuft Deutschland Gefahr, viele Jahre beim Ausbau zu verlieren. Zeit, die wir nicht haben.

Was schlagen Sie vor?

Eine Regelung wie in Großbritannien: Da gibt es einen Preis, der das Risiko des Betreibers bei fallenden Strompreisen nach unten begrenzt und zugleich das Risiko des Stromabnehmers bei steigenden Preisen nach oben limitiert. Damit gibt es für alle Beteiligten verlässliche Rahmenbedingungen. Das funktioniert. Deutschland sollte davon lernen.

Im September 2019 haben Sie den Markenauftritt der neuen RWE vorgestellt. Wird ihr Unternehmen inzwischen anders wahrgenommen?

 Die besten Argumente sind Taten. Die liefern wir: mit unserem klaren Wachstumskurs bei den Erneuerbaren, mit dem verantwortungsvollen Ausstieg aus der Kohle und mit unserem Ziel, bis 2040 klimaneutral zu sein. Bis die neue RWE in allen Köpfen angekommen ist, das braucht seine Zeit. Aber wir arbeiten weiter daran – intensiv und mit großer Energie.

Herr Dr. Schmitz, vielen Dank für das Gespräch.

www.rwe.com