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26.11.2021 11:09 Alter: 266 days

Komplexitätsreduktion im Regulierungsbereich durch Einsatz von KI

Vor kurzem hat das renommierte Wirtschaftsmagazin „Sheconomy“ die Hamburger Firma LEX AI als Startup der Woche porträtiert. LEX AI entwickelt eine Plattform, auf der sich Anwälte und Rechtsexperten schnell und einfach über neue Gesetzesentwürfe und Regelungen informieren sollen. THEMEN!magazin traf zwei der Co-Founder, Maik Neubauer sowie Dr. Susann Funke, für ein Interview in Berlin.


Rechts im Bild: Maik Neubauer, Co-Founder LEX AI links im Bild: Dr. Susann Funke, Co-Founder LEX AI Fotos: LEX AI

„Unsere Plattform soll den Anwalt oder die Rechtsabteilung nicht ersetzen, vielmehr effizienter machen. Wir reduzieren mit unserer Lösung die heutigen hohen Opportunitätskosten. Rechtsexperten können sich damit viel stärker den eigentlichen Problemstellungen widmen und müssen nicht Stunden, Tage oder sogar Wochen mit Researchoder Analyseaktivitäten verbringen, die von den Mandanten nicht bezahlt werden“. Dr. Susann Funke

Sie arbeiten beide seit vielen Jahren in verschiedenen Positionen im Energiesektor. Wie kamen Sie dazu ein LegalTech Startup zu initiieren?

Dr. Susann Funke: Die jahrelange Arbeit im hochregulierten europäischen und deutschen Energiesektor gab uns den initialen Impuls für die Gründung von LEX AI. Der Energiesektor ist einer der komplexesten, wenn es darum geht, den Dschungel von internationalen und nationalen Regulierungen und Gesetzen zu verstehen und kontinuierlich nachzuvollziehen. Viele der Regelungen haben einen direkten Einfluss auf strategische Unternehmensentscheidungen, beispielsweise Investitionen in Kraftwerke, Netze oder den Start von neuen Geschäftsfeldern im Rahmen der Dekarbonisierung.

Wenn Unternehmen die Regulierung und Gesetzesänderungen nicht kontinuierlich im Auge behalten, ergeben sich sehr schnell Risiken und Complianceverfehlungen, die nach einer gewissen Zeit kaum noch zu reduzieren sind - oder auf der anderen Seite Geschäftschancen, die unerkannt bleiben. In eine solche Situation war tatsächlich einer meiner späteren Mandanten geraten. Aus diesem Mandat heraus ergab sich für mich letztendlich die finale Idee zu LEX AI.

Maik Neubauer: Dadurch dass wir uns seit vielen Jahren mit EU- aber auch nationalen Regelungen wie beispielsweise den diversen EU-Energiemarktpaketen, den Network Codes, REMIT, MiFID aber auch nachgelagerten nationalen Gesetzen wie dem EEG oder Energieeffizienzgesetzen beschäftigen, haben wir selbst erlebt wie mühsam und zeitaufwendig es ist, neue Regulierungen initial zu analysieren, Implikationsanalysen zu erstellen und die kontinuierlichen Änderungen rechtzeitig zu erkennen und im Rahmen der Unternehmensstrategien zu justieren. Für diese Research- und Wissensaufbauarbeiten wenden Kanzleien, Unternehmen, Verbände und politische Institutionen jedes Jahr hunderte Millionen Euro auf - ein erheblicher Personal- und Kostenaufwand, der mit Technologie massiv reduziert werden kann.

Woraus leitet sich diese hohe Komplexität ab?

Dr. Susann Funke: Hier spielen viele Faktoren zusammen. Die reinen Fakten belegen, dass allein auf EU-Ebene jedes Jahr ca. 2000 neue Rechtsakte in Kraft gesetzt werden und ca. 600 ersetzt werden und damit wieder aus dem Regulierungsuniversum verschwinden. Viele dieser Rechtsakte umfassen hunderte Seiten und haben zudem viele Anlagen und Querverweise zu anderen Gesetzen. Die meisten Rechtsakte, wie z.B. der EU Green Deal oder die Taxonomy betreffen tausende Unternehmen in der Union und werden zum größten Teil noch in weitere nationale Rechtsakte überführt. Obwohl die Rechtssetzungsprozesse in der EU einem strikten Verfahren unterliegen, sind die Zeitpläne und Verbindungen für viele Beteiligte intransparent und führen oft zu teuren Überraschungen. Während der Entwicklung von neuen Regulierungen herrscht zudem ein hoher Transparenzbedarf und die Notwendigkeit der Einbindung von verschiedensten Stakeholdern.

Maik Neubauer: Hinzu kommt - und das kann jeder, der schon einmal versucht hat, sich in ein komplexes Regulierungspaket einzuarbeiten, bestätigen - dass die notwendigen Informationen oft aus einer Vielzahl von unterschiedlichen Informationsquellen zusammengezogen werden müssen, die sich im Laufe eines Gesetzgebungsprozesses oftmals auch noch ändern. Allein um die notwendigen Dokumente für die Erstanalyse eines neuen Gesetzesvorhabens zusammenzustellen, muss man oft mehrere Stunden investieren. Allerdings ohne Gewähr, dass man dann auch die aktuellen Versionen der Texte auf dem Tisch hat.

Und diese Aufwände will LEX AI künftig optimieren?

Dr. Susann Funke: Genau! Mit unserem Team haben wir begonnen, eine innovative LegalTech Plattform zu entwickeln, die für Rechtsexperten im Research sowie bei der Wissensgenerierung, -verarbeitung und -aufbereitung im Bereich der regulatorischen Vorgaben eine höhere Effizienz schafft. Anwaltskanzleien müssen im Interesse bestehender und potenzieller neuer Mandanten immer auf dem Laufenden über neue Gesetzesentwürfe und Regelungen sein. Diese ständig erforderlichen Aktualisierungs- und Wissensaufbautätigkeiten sowie die damit verbundene Geschäftsentwicklung können in der Regel nicht als „billable hours“ gegenüber Kunden abgerechnet werden. Es entstehen somit Opportunitätskosten in erheblicher Höhe - und das in jeder einzelnen Kanzlei.

Auch unternehmensinterne Rechtsabteilungen in Unternehmen stehen massiv unter Druck, neue Rechtsakte zu prüfen, zu verstehen und die Auswirkungen auf ihr Unternehmen und die Branche zu bewerten. Sie müssen die Rechtsakte so aufbereiten, dass sie vom Management verstanden und effizient umgesetzt werden können. Unsere Lösung soll aber nicht nur von Anwälten oder Unternehmensjuristen genutzt werden, sondern von allen, die sich mit regulatorischen Neuerungen und Fragestellungen beruflich befassen müssen. Dazu zählen wir auch Unternehmensberatungen, Wirtschaftsprüfer, Verbände sowie Vertreter aus der Politik und Verwaltung.

Welche Rolle wird die Künstliche Intelligenz (KI) dabei spielen?

Maik Neubauer: Eine sehr zentrale Rolle - daher auch die Verankerung im Firmennamen. Mit unseren beiden technischen Co-Foundern haben wir zwei KI-Experten im Team, die langjährige Erfahrungen bei der Entwicklung von modernen Apps, Machine Learning Komponenten und NLP-Algorithmen (Natural Language Processing) einbringen. Über den Einsatz dieser Technologien werden wir mittelfristig in der Lage sein, aus komplexen regulatorischen Texten Spezialformate zu generieren, beispielsweise Zusammenfassungen oder „Executive Wallpapers“, mit denen unsere Nutzer innerhalb einer sehr kurzen Zeit einen Einblick in neue Gesetzesvorhaben oder deren Verknüpfungen erhalten und über neue Entwicklungen und alle Änderungen automatisch informiert werden. Die KI wird so einen erheblichen Zeitvorteil und Produktivitätsgewinn im Research- und Wissensaufbauprozess für die Nutzer ermöglichen.

Quelle: LEX AI GmbH

Die Grafik verdeutlicht den immensen Anstieg der EURegularien in den vergangenen Jahren. Jedes Jahr werden von der Europäischen Kommission mehr als 2000 Rechtsakte erlassen, die entweder in nationales Recht umgesetzt werden müssen oder in den EU-Mitgliedstaaten direkt anwendbar sind.

Wie ist der Entwicklungsstand Ihrer Plattform?

Maik Neubauer: Wir konnten für die erste Entwicklungsphase sehr erfahrene Angel Investoren gewinnen und sind aktuell dabei einen internationalen Beirat zu etablieren. Die Produktentwicklung schreitet kontinuierlich voran und noch im Dezember werden wir die ersten Testkunden in unsere Produktentwicklung integrieren. Wir haben zudem bereits Anfragen von internationalen VC Investoren für unsere bevorstehende Seed Runde erhalten, die den LegalTech Sektor als ein Wachtumssegment im Investmentumfeld entdeckt haben.

Und wo soll die Reise hingehen?

Dr. Susann Funke: Wir wollen DIE internationale LegalTech Plattform werden, die es Nutzern ermöglicht, keine regulatorischen Entwicklungen mehr zu verpassen. Wir starten mit europäischem Recht, planen kurzfristig aber auch die Aufnahme von spezifischen Rechtssystemen in nationalen Märkten wie Deutschland, Frankreich oder England. Aber auch den grossen US-Markt beobachten wir genau, da wir neben Europa dort ein Riesenpotenzial für unsere Technologie sehen.