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26.11.2021 14:19 Alter: 304 days

Innovationspolitik 2021+ Transformation strategisch gestalten

Eine kommende Bundesregierung muss ein Aufbruchssignal senden, schreibt acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften in der jetzt erschienenen Publikation „Impulse zur Innovationspolitik 2021+“. Dort definiert die Akademie vier vordringliche innovationspolitische Handlungsfelder und empfiehlt eine weitere Intensivierung der Innovationspolitik. Zur Sicht von acatech auf das Handlungsfeld Klima- und Umweltschutz sprachen wir mit dem acatech Präsidenten Karl-Heinz Streibich.


Karl-Heinz Streibich, Präsident acatech Foto: © acatech/D. Ausserhofer

Wir brauchen eine politische Begleitung von Investitionen entlang einer nochmals verstärkten, ressortübergreifenden Strategie.“ Präsident Karl-Heinz- Streibich

Herr Präsident, was gab den Anstoß für die Impulse zur Innovationspolitik 2021+?

Von der Impfstoffentwicklung über digitales Lernen bis zur Corona-Warnapp: Wie unter einem Brennglas hat die Corona-Krise die Bedeutung von Wissenschaft und Technik aufgezeigt. Deutschland braucht Erneuerung, Neugestaltung und Modernisierung. Nachhaltige technologische und soziale Innovationen auf Basis nahtloser Ketten von der Invention zur Innovation müssen im Zentrum der künftigen Regierungspolitik stehen.

Unsere Akademie engagiert sich mit der jetzt vorliegenden Publikation für vier vordringliche innovationspolitische Handlungsfelder:

• für den Klima- und Umweltschutz,

• für Digitale Souveränität,

• für den Mobilitätswandel,

• für die Modernisierung des Gesundheitssystems.

In der Publikation „Impulse zur Innovationspolitik 2021+“ skizzieren wir technologische Lösungskorridore und bieten Handlungsempfehlungen für politische Entscheidungsträger.

Warum sieht acatech den Klimaund Umweltschutz als vordringliches innovationspolitisches Handlungsfeld?

Innovation und Wachstum werden wesentlich durch Klima- und Umweltschutz bestimmt und ein wirksamer Klimaschutz wird erreicht durch eine grundlegende Änderung der Nutzung natürlicher Ressourcen. Im Energiesystem bedeutet dies die vollständige Substitution fossiler Energieträger durch erneuerbare Energien. In der Industrie sowie im Mobilitäts-, Gebäude- und Landwirtschaftsbereich ermöglicht der Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft (Circular Economy) eine konsequente Ressourcenschonung. Dieser fundamentale Umbau erfordert ein großes Innovations- und Investitionsprogramm im Sinne des European Green Deals.

Die Klimakonferenz in Glasgow hat noch einmal bestätigt, es besteht dringender politischer Handlungsbedarf beim Klima- und Umweltschutz. Drei wesentliche Handlungsfelder stehen dafür symptomatisch. Es gilt klare ökonomische Anreize zu schaffen, den CO2 -Preis als Leitinstrument für den Ausstieg aus der Nutzung von Kohle, Erdöl und Erdgas zu nutzen und als zentralen Innovationsanreiz zu stärken. Das System der energiebezogenen Steuern und Abgaben ist konsequent auf CO2 -Intensität auszurichten, klimaschädliche Subventionen sind abzubauen, nachhaltige Innovationen sowie zirkuläre Geschäftsmodelle sollten steuerlich und projektbezogen gefördert werden.

Wie erreichen wir einen wirksamen Klimaschutz – auch mit Blick auf den Um- und Ausbau des Energiesystems?

Ein wirksamer Klima- und Umweltschutz wird nur erreicht durch eine grundlegende Änderung der Nutzung natürlicher Ressourcen. Dies erfordert ein großes Innovations- und Investitionsprogramm. Zentrale Säulen sind klare ökonomische Anreize aber auch die Förderung nachhaltiger Innovationen. Für den klimaneutralen Um- und Ausbau des Energiesystems bedeutet das konkret, dass administrative Hemmnisse beseitigt und die Anreizwirkung der CO2 -Bepreisung gestützt werden müssen. Die Umlagen und Abgaben auf den Strompreis gilt es zu reduzieren, um die Nutzung von erneuerbar erzeugtem Strom im Industrie-, Wärmeund Mobilitätssektor im Sinne der Sektorenkopplung zu steigern.

Übergeordnet dürfen wir nicht vergessen, dass auch die Energiewende von Beginn an zirkular gedacht werden muss. Bei Windanlagen etwa sollten sich nicht nur die Rotoren im Kreis bewegen: Die verbauten Rohstoffe und Materialien müssen im Kreislauf eine Wiederverwertung erfahren.

Die Abbildung zeigt, welche Einsparungen im Rohstoffkonsum (RMC) pro Kopf für Deutschland differenziert nach Hauptstoffgruppen durch den Einsatz von Circular-Economy- Maßnahmen möglich sind. Sie basiert auf einem Circular-Economy-Szenario, in dem umfassend zirkuläre Strategien umgesetzt wurden – etwa eine Ausweitung der Sekundärrohstofferfassung (Recycling) oder Materialeinsparungen durch Lebensdauerverlängerungen von Produkten. Der RMC (Primärrohstoffnutzung für inländischen Konsum und Investitionen) spiegelt den absoluten Ressourcenverbrauch (in Tonnen) wider und berücksichtigt dabei auch entlang globaler Vorketten verbrauchte natürliche Ressourcen. (Quelle: Circular Economy Roadmap für Deutschland, basierend auf Purr et al. 2019 und Lutter et al. 2018)

Können technologische Entwicklungen hierbei Wegbereiter sein?

Auf jeden Fall. Zum Beispiel durch die Weiterentwicklung leistungsfähiger Energiespeicher wie Batterien und Wasserstoff. Oder dadurch, dass die Politik die Entwicklung digitaler Technologien fördert, zur intelligenten Steuerung der Vielzahl von dezentralen Stromerzeugern, Netzknoten, Verbrauchern und Speichern.

Wo sieht acatech die Schwerpunkte für politischen Handlungsbedarf?

Deutschland will bis 2045 klimaneutral werden, muss dazu Wachstum vom Ressourcenverbrauch entkoppeln und gleichzeitig produktiver und wettbewerbsfähiger werden. Dafür muss unser Land seine Innovationskraft stärken und technologische Souveränität sichern. Die Innovationspolitik muss deshalb im Zentrum der künftigen Regierungspolitik stehen.

Deutschland braucht ein agiles Innovationssystem und muss die Bedingungen für Gründungen verbessern. Wissenschafts- und Technikbildung, Nachwuchsförderung und ein kontinuierliches Kompetenzmonitoring sind Grundvoraussetzungen. Für eine Digitalpolitik aus einem Guss ist außerdem eine institutionalisierte Koordination durch eine strategisch denkende Einheit innerhalb der Bundesregierung erforderlich. Nur wenn Forschung, Entwicklung, wirtschaftliche Anwendung und gesellschaftliche Bedarfe ineinandergreifen, entstehen aus wissenschaftlichen Inventionen letztlich Innovationen.

Also sollte Innovationspolitik ein zentrales Anliegen der künftigen Regierung sein?

Ja genau. Wir brauchen eine politische Begleitung von Innovationen entlang einer nochmals verstärkten, ressortübergreifenden Strategie. Eine starke, gesellschaftlich verankerte Wissenschafts- und Wirtschaftsbasis sichert nicht nur unseren Wohlstand, sondern verschafft uns die finanziellen Spielräume und Werkzeuge, um die großen gesellschaftlichen Herausforderungen zu meistern. In Zukunft muss es uns dabei noch besser gelingen, unsere guten Ideen selbst zu konkreten Produkten und Dienstleistungen weiterzuentwickeln, anstatt dies weiter anderen zu überlassen.