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< Bei der Energiewende müssen Städte vorangehen
27.02.2020 10:34 Alter: 206 days
Kategorie: Fokus Energiemarkt 2.0

Innovationen mit Plan

Der Wettbewerb um das Geschäft mit Strom, Gas und Wärme wird immer stärker. Stadtwerke verlieren zunehmend Marktanteile im klassischen Kerngeschäft. So klingt seit einigen Jahren das Mantra der kommunalen Energiewirtschaft. Branchenfremde Unternehmen schneiden sich ein Stück vom Kuchen ab, große Energieversorger beanspruchen die gesamte Kuchentheke für sich und lokale/regionale Versorger schauen auf einen immer spärlicher bestückten Kuchenteller. Neue Geschäftsfelder sollen Abhilfe schaffen, aber für deren Erfolg fehlen noch letzte Zutaten. Ein wesentlicher Bestandteil des Rezepts sind Innovationen. Die werden in der Branche ganz unterschiedlich vorangetrieben.


Dr. Matthias Cord, Stellvertretender Vorsitzender des Vorstandes der Thüga AG, Foto: Dirk Bruniecki

Dr. Matthias Cord erläutert, wie der Stadtwerkeverbund Thüga das Thema Innovationen angeht. Fest etablierte Prozesse und diszipliniertes Vorgehen sind dabei genauso wichtig wie agile Methoden und kreative Ideen.

Herr Dr. Cord, ohne wirtschaftlichen Erfolg in neuen Geschäftsfeldern werden es Stadtwerke in Zukunft schwer haben. Wie gehen Sie in der Thüga-Gruppe Innovationen an?

Die Energiebranche – egal ob Konzern oder Stadtwerk – hat sich längst für Zukunftsthemen geöffnet. Wir mögen im Vergleich zu anderen Branchen als traditionell und träge wahrgenommen werden. Aber das könnten und wollen wir uns gar nicht leisten. Wir verlassen uns nicht nur auf den Erfolg des Bestehenden, sondern beobachten den Wettbewerb und das Kundenverhalten natürlich ganz genau.

Erste Priorität für die Stadtwerke hat die Daseinsvorsorge – das ist richtig. Aber diesen gesellschaftlichen Auftrag können sie eigenverantwortlich weiterentwickeln. Bei allen politischen Rahmenbedingungen bleibt ein Freiraum, den es zu gestalten gilt. Das ist eine Chance, sich vom Versorger zum Umsorger zu entwickeln. Durch Innovationen und Beratung können wir die lokal und regional agierenden Unternehmen der Energiewirtschaft, die sich der Thüga-Gruppe angeschlossen haben, dabei unterstützen.

Wichtig an dieser Stelle ist eine langfristig angelegte Zusammenarbeit. Auf die Schnelle werden Stadtwerke in den neuen Geschäftsfeldern kein Geld verdienen. Umso wichtiger ist es, dass wir uns jetzt positionieren und die Vielzahl von neuen Themen gemeinsam angehen. Denn die Konkurrenz schläft nicht. Neue Player drängen in den Markt und bedrohen unter Umständen das Kerngeschäft. Einen Stromvertrag bekommt man heute auch vom Discounter, bei dem man seine Wocheneinkäufe erledigt.

Warum eignet sich ausgerechnet ein so weitverzweigtes Netzwerk wie die Thüga-Gruppe als Treiber von Innovationen?

Weil wir der Überzeugung sind, dass Innovationen im Verbund effizienter vorangetrieben werden können als im Alleingang. Basis dafür ist ein klares Bekenntnis zur Zusammenarbeit sowie Vertrauen in die Gruppenleistung. Das macht den Kern der Thüga aus. Darüber hinaus erarbeiten wir Strategien, Strukturen und Prozesse, mit denen wir gemeinsam Neues auf die Beine stellen. Innovativ zu sein heißt kreativ zu sein – aber nicht ohne Plan.

Das Thema Innovationen wurde in der Thüga-Gruppe in den vergangenen Jahren professionell aufgesetzt und erfolgreich etabliert. Mit unserem Kompetenzcenter Innovation haben wir eine Anlaufstelle und Kreativzelle für Fragestellungen rund um neue Geschäftsfelder gegründet. Hier ist fast alles erlaubt, aber bitte mit System. Gleichzeitig verstehen wir Innovationen selbstverständlich auch als Pflicht im Kerngeschäft der Stadtwerke. Standardprozesse und Routinen können sich durch neue Ansätze und Technologien einer Frischekur unterziehen und dadurch effizienter und kundenfreundlicher werden. Hierfür bieten wir in unserem Beratungsportfolio eine Vielzahl von Maßnahmen an.

„Kreativzelle“ klingt in der Stadtwerkelandschaft geradezu revolutionär. Was genau passiert im Kompetenzcenter Innovation der Thüga?

Dort arbeitet ein interdisziplinäres Team, das zum einen nah an unseren Partnerunternehmen dran ist und deren Bedarf in den neuen Geschäftsfeldern kennt, aber auch innovative Projekte der Stadtwerke in der Umsetzung verfolgt und berät. Zum anderen sind die Kolleginnen und Kollegen unsere Scouts in Sachen Innovationen. Sie beobachten andere Branchen, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen, zum Beispiel in der Produktion oder im Vertrieb, und neue Technologien wie künstliche Intelligenz oder Blockchain einsetzen. Außerdem sind sie gut vernetzt mit anderen Innovationstreibern, Gründern, Investoren und Wissenschaftlern. Über diesen Austausch, den Aufbau neuer Kompetenzen und das Annehmen von neuen Arbeitsweisen können wir einen Kulturwandel in der Stadtwerkelandschaft anstoßen, den wir für einen Erfolg in den neuen Geschäftsfeldern auch brauchen.

Entscheidend für uns ist, im Kompetenzcenter muss sich Innovations-Know-how mit Beratungskompetenz verbinden, denn wir entwickeln ja dort für unsere Partnerunternehmen. Wir haben einen Innovationsprozess festgelegt, der die gesamte Wertschöpfungskette vom Scouting über die Entwicklung bis hin zum Rollout berücksichtigt. Eine Innovation durchläuft dabei insgesamt sieben Stufen und drei Entscheidungsetappen. Dieser Prozess wird vom Kompetenzcenter Innovation übergreifend in der Thüga- Gruppe koordiniert.

Wie entscheiden Sie, welche Themen und Lösungen überhaupt relevant sind und angegangen werden müssen?

Auf oberster Flughöhe führen wir bei unseren Partnerunternehmen oder auch bei Kommunen Umfragen durch. So entstand die Studie „Kommune 2030“, in der wir vier konkrete Handlungsfelder für die Stadt der Zukunft ermittelt haben – Wohnraum, Mobilität, Versorgung und Kommunikationsinfrastruktur. Sie war eine Art Initialzündung für unsere Aufstellung im Bereich Innovationen und bildet bis heute ein Dach für viele Aktivitäten in der Thüga- Gruppe. Zusätzlich scouten wir in mehrfacher Hinsicht: Einerseits identifizieren wir Ideen im Markt – an Universitäten, Forschungseinrichtungen und in der Startup- Szene – und tauschen uns dazu in den Fachbereichen der Thüga, aber auch mit unseren Partnerunternehmen aus. Dabei entstehen Scouting-Papiere als Entscheidungsgrundlage. Andererseits haben die Stadtwerke und Energieversorger aus unserem Netzwerk selbst die Möglichkeit, Ideen einzubringen. Danach gilt: Hat eine Idee den Innovationsprozess gemeistert, entscheiden wir ebenfalls gemeinsam, welche Ideen in welcher Form umgesetzt werden – in die Konzeption, die Pilotierung und letztlich in den Betrieb gehen.

Inzwischen haben wir das gemeinsame Identifizieren von Ideen weiter institutionalisiert. Unser E-ccelerator ist eine Plattform, auf der sich neue Ideen bewähren müssen. Kolleginnen und Kollegen konkurrieren in Pitches um die Chance, ihre Produkte und Lösungen für die kommunale Energiewirtschaft weiterverfolgen zu können. Gestartet sind wir mit dem Fokus Elektromobilität. Mittlerweile haben wir das Themenfenster breiter geöffnet, und es können zusätzlich Ideen von extern eingereicht werden.

Eine handfeste Herangehensweise an das Thema Innovationen, die auf Ihre Zielgruppe zugeschnitten ist. Aber wie reagieren Sie damit auf Megatrends wie Smart City und Digitalisierung?

In diesen Themen sind wir durch unsere Scouting- und Netzwerkaktivitäten fit und werten sie für die Thüga- Gruppe aus. Wir sind der Ansicht, dass wir von Mega-Cities, die digital und smart sind, lernen können, sie aber nicht einfach kopieren sollten. Vielmehr greifen wir Anregungen auf, brechen sie im Rahmen unseres Innovationsprozesses auf die Ebene der Kommunen herunter und bieten daraus abgeleitet Stadtwerken spezielle Leistungen über unsere Beratung und Plattformgesellschaften an.

Allem voran führen wir Workshops zur Entwicklung einer Smart-City-Strategie durch, auf die in Anspruch genommene Leistungen später einzahlen sollen. Diese Workshops sind der erste Baustein in unserem Smart-City-Baukasten. Auch im Geschäftsfeld Smart City geht es nicht um reinen Aktionismus, sondern darum, gezielt Potenziale zu heben. Stadtwerke sind in ihren Ressourcen und Kapazitäten schlicht bescheidener aufgestellt als große Unternehmen, die aus dem Vollen schöpfen und ins Risiko gehen können. Und weil Sie gerade von „handfest“ sprachen: Unser modularer Baukasten enthält außerdem das Handwerkszeug, um Stadtwerke zu einem Generalunternehmer für Smart Cities zu machen. Wir bieten darin zum Beispiel den Aufbau einer Kommunikationsinfrastruktur für die smarte Stadt mit LoRaWAN, WLAN oder Breitband an. Zur Veranschaulichung haben wir Beispiele im Bereich Parkraummanagement, Zählerfernauslesung oder Smart Waste aufbereitet.

Ein beeindruckendes Spektrum. Aber wie bewältigen Sie diese Aufgaben gleichzeitig in mehreren Geschäftsfeldern für rund hundert Stadtwerke zentral von München aus?

Die Thüga Aktiengesellschaft, in der unsere Beratung angesiedelt ist, agiert von München aus für Stadtwerke und Energieversorger in ganz Deutschland, das ist richtig. Wir sind viel unterwegs und beraten unsere Partnerunternehmen persönlich. So gelingt uns eine gute Abdeckung in der Thüga-Gruppe. Die gemeinsame Entwicklung von Themen und Projekten sowie die Nähe zu den Städten und Regionen sind eindeutig unsere Stärken und Alleinstellungsmerkmale gegenüber klassischen Beratungshäusern.

Außerdem bringen wir Partnerunternehmen aus der Gruppe in großen Projekten von breitem Interesse zusammen. Zum Beispiel arbeiten wir an einer gemeinsamen Abrechnungsplattform für die Marktrollen Vertrieb, Verteilnetzund Messstellenbetreiber. Mit der Thüga-Abrechnungsplattform werden unsere Partnerunternehmen ihre Kosten senken, Betriebs- und Weiterentwicklungsaufwände reduzieren und ihre eigenen Ressourcen auf neue Aufgaben konzentrieren können. Da die in der Branche gängige SAP-Software ab 2027 nicht mehr gewartet wird, macht es absolut Sinn, gemeinsam eine Neue anzugehen.

Infografik Smart City: ©Peter Diehl

Klingt, als seien Sie geradezu autark, wenn es um die notwendige Erneuerung der Stadtwerkewelt geht?

Es wäre vermessen zu denken, dass wir so herausfordernde Pakete wie Digitalisierung und Smart City in allen Belangen im Alleingang für die Stadtwerke stemmen können. Deshalb leben wir Kooperation nicht nur im Stadtwerkeverbund, sondern auch mit Partnern und Interessensgemeinschaften, die unser Angebot optimal ergänzen. Innerhalb der Thüga-Gruppe gibt es Plattformen mit einem spezialisierten Portfolio. Darunter fallen Dienstleistungen und Shared Services im Bereich Versicherung, Marktkommunikation und Abrechnung, Messwesen und kommunale Infrastruktur oder Handel. Mit diesen Plattformen bündeln wir Ressourcen und schaffen Skaleneffekte für das Netzwerk.

In Bereichen, in denen wir keine eigene Kompetenz aufgebaut haben, beteiligen wir uns an Start-ups. Welche das sein können, beobachten wir im Vorfeld. Unsere Innovationsscouts strecken ihre Fühler in die Gründerszene aus. Außerdem sind wir Partner des High-Tech-Gründerfonds, der in vielversprechende junge Unternehmen der High-Tech-Branche investiert. Durch die Beteiligung an Start-ups haben wir uns so in den vergangenen Jahren Know-how in den Bereichen Erneuerbare Energien, Elektromobilität, Smart Home und Smart Living, Geodaten und Künstliche Intelligenz an Bord geholt. In jüngster Zeit arbeiten wir in Projekten auch zunehmend mit Forschungseinrichtungen und Universitäten zusammen. Kooperation ist in der Thüga-Gruppe also in vielerlei Hinsicht ein roter Faden und langjähriger Erfolgsfaktor.