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08.04.2026 09:53 Alter: 27 days

EWI Energietagung 2026 – Energiewende unter Druck?

„Wichtig wäre eine kohärente, in sich schlüssige Strategie, welche die Klima- und Energiepolitik mit anderen eng damit verbundenen Politikfeldern zusammendenkt, insbesondere mit der Industrie-, Technologie-, Finanz-, Sozial- und Sicherheitspolitik.“


Prof. Dr. Marc Oliver Bettzüge, Direktor, EWI Energiewirtschaftliches Institut an der Universität zu Köln

Die Energiewende steht vor zahlreichen Herausforderungen. Gerät sie in diesem Sinne „unter Druck“ wie die EWI-Energietagung im Januar 2026 überschrieben war? In Köln diskutierten Fachleute über Energiekosten und Energiesicherheit, Netz(entgelt)regulierung und die Integration dezentraler Flexibilitäten. Zu wesentlichen Aussagen der Tagung sprach THEMEN!magazin mit EWI-Direktor Prof. Dr. Marc Oliver Bettzüge.

Prof. Bettzüge, die EWI Energietagung 2026 diente einer strategischen Standortbestimmung. Welche Schwerpunkte bestimmten die Diskussionen?

Wir erleben seit längerem, dass die Energiewende im Spannungsfeld zwischen regulatorischen, politischen und wirtschaftlichen Anforderungen steht. Was bedeuten diese multiplen Umbrüche für die deutsche Energiestrategie, und wie können Politik und Unternehmen darauf reagieren? Müssen sich mit den äußeren Bedingungen auch die inneren Konzepte anpassen?

Dieser Spannungsbogen prägte auch die Diskussionen der zahlreichen Fachleute aus Energieökonomik und -praxis bei unserer Energietagung 2026. Entsprechend drehten sich die Vorträge und Diskussionsrunden um den Wirtschaftsstandort Deutschland sowie die Auswirkungen der Energietransformation auf Strommarkt, Stadtwerke, Industrie und Gesellschaft. Außerdem gab es Schwerpunkte zur Transformation des Industrielandes NRW sowie zur Heterogenität und Komplexität der Wärmewende.

In Ihrer Keynote zogen Sie einen Vergleich mit China, warum?

„Die energieintensive Wirtschaft ist unter massivem Druck, die Wertschöpfungsketten ordnen sich gerade neu. Mit Subventionen ist den Herausforderungen nicht beizukommen. Eine auf Kosteneffizienz fokussierte Energiepolitik muss daher einhergehen mit strategischen internationalen Kooperationen, so dass der Standort durch den Strukturwandel gestärkt und nicht geschwächt wird.“
Prof. Dr. Veronika Grimm, Mitglied des Sachverständigenrates Wirtschaft.

Die geopolitischen und geoökonomischen Machtverhältnisse verändern sich mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Der Unterschied zwischen der Entwicklung der Stromsysteme in China und in Deutschland ist ein Indikator für das Ausmaß dieser Verschiebungen.

China hat im vergangenen Jahr so viel gesicherte Leistung zugebaut, wie hierzulande insgesamt verfügbar ist. Vor 20 Jahren war China mit einer Stromerzeugung von rund 2.500 TWhel noch etwa gleichauf mit der EU. Nun hat sich die chinesische Stromerzeugung vervierfacht, während die der EU im selben Zeitraum sogar leicht zurückgegangen ist. In Worten: China hat in zwei Jahrzehnten drei Mal ein Äquivalent des EU-Stromsystems zugebaut. Der Anteil von Strom am Endenergieverbrauch in China liegt mittlerweile bei mehr als 30 Prozent.

China entwickelt sich also mit hoher Geschwindigkeit zu einem sogenannten Electro-State, auch wenn Länder wie Norwegen noch höhere Elektrifizierungsraten aufweisen. In Deutschland liegt dieser Wert ziemlich konstant bei nur rund 20 Prozent. Sowohl auf der Erzeugungs- als auch auf der Anwendungsseite des Stromsektors liegen also Welten zwischen der Entwicklungsdynamik in China und in Deutschland. China scheint erkannt zu haben: Ein leistungsfähiger Stromsektor ist ein strategischer Standortvorteil, getreu dem englischen Bonmot „Power is Power“:

  • Grundlage für eine leistungsfähige Industrie
  • Grundlage für umfassende Digitalisierung einschließlich der Nutzung von künstlicher Intelligenz
  • Grundlage für weniger Abhängigkeit von Erdölimporten, insbesondere im Verkehrssektor.

”Die Energiewende steht im Spannungsfeld zwischen regulatorischen, politischen und wirtschaftlichen Anforderungen.“

Prof. Dr. Marc Oliver Bettzüge

Und wie sieht Deutschland diese Entwicklung?

Auch in Deutschland stellt man sich die Energiewende gerne als Transformation in einen Electro- State vor. In den diversen Klimaneutralitätsszenarien steigt die Stromerzeugung um einige hundert TWhel gegenüber heute und Strom soll bis 2045 mehr als die Hälfte des Endenergieverbrauchs ausmachen. Doch die Realität zeigt eher das Gegenteil: Die Stromnachfrage ist in Deutschland im vergangenen Jahrzehnt um rund 10 Prozent gesunken. Kein Wunder, dass auch das Wirtschaftswachstum hierzulande deutlich geringer ist als in China.

Warum zeichnet die Realität hierzulande ein anderes Bild als gewünscht?

Es könnte daran liegen, dass die meisten Szenarien auf Vorgaben basieren, die so vielleicht doch nicht eintreten. Es ist hier nicht der Raum, diese Hypothese ausführlich zu würdigen. Aber der Hinweis sei gestattet, dass alle gängigen Klimaneutralitätsszenarien die zukünftigen Aktivitäten von Industrie und Haushalten als gesetzte Vorgabe postulieren und lediglich die jeweilige Energieanwendung zur Disposition stellen – und das bei strikter Durchsetzung der Treibhausgasminderungsziele.

Im Modell müssen Industrie und Haushalte dann auf Strom umstellen, sei es direkt oder indirekt über Wasserstoff und Derivate. Interessant ist dabei die Beobachtung, dass die Klimaneutralitätsszenarien eine weitgehend stabile Industriestruktur in Deutschland fortschreiben, insbesondere mit Blick auf den Erhalt der energieintensiven Industrie. In der Wirklichkeit hingegen können Industrie und Haushalte sehr wohl ihre Aktivitäten verändern. Statt mit einer neuen, grünen Anlage die alte, fossile zu ersetzen, können sie schlicht die mit der Anlage verbundene Aktivität reduzieren, im Zweifel bis auf Null. Genau das ist in den vergangenen Jahren in etlichen Sektoren der Industrie geschehen, und zwar vor allem in der energieintensiven Industrie.

Wie sehen Sie als Volkswirtschaftler die deutsche Situation?

In den gängigen Szenarien gibt es viel Transformation und wenig Strukturwandel, in der Realität bislang wenig Transformation und viel Strukturwandel. Der Unterschied resultiert aus der fehlenden Berücksichtigung der Elastizität der Energienachfrage, zumal in einer so offenen Volkswirtschaft wie der deutschen. Auch ein steigender CO₂-Preis würde nicht für die projizierten Transformationsinvestitionen sorgen. Denn die naheliegende Antwort auf einen steigenden CO₂-Preis ist zunächst die Aktivitätsreduktion, beispielsweise Steam Cracker abschalten, Transportnachfrage senken oder Heiztemperatur herunterdrehen. Ob und in welchem Umfang jeweils eine Neuinvestition in eine Anlage mit derselben Energiedienstleistung bei geringerer Kohlenstoffintensität erfolgt oder nicht, steht auf einem anderen Blatt. Gerade in der Industrie kann das Kapital ja auch ganz anders und an anderem Ort investiert werden.

Gibt es auch eine Pointe?

Durchaus: Der globale (!) CO₂-Preis, zu dem eine grüne Anwendung wettbewerbsfähig würde, liegt in aller Regel um eine Größenordnung über dem CO₂-Preis, bei dem eine graue Anwendung freiwillig aus dem Markt scheidet. Kurzum: ein CO₂-Preis ist kosteneffizient bezüglich der Senkung von CO₂- Emissionen. Aber die kosteneffiziente Reaktion der Volkswirtschaft kann der Rückgang von Aktivitäten sein. Der englische Begriff dafür lautet: demand destruction, Nachfragezerstörung. Will man – wie in den Klimaneutralitätsszenarien – Aktivitäten erhalten aber Emissionen senken, dann müsste der Staat die beschriebene Lücke ausfinanzieren.

Bei der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energieträgern geschieht dies bereits systematisch und der Menge nach mit einigem Erfolg. In anderen Bereichen gibt es unterschiedliche Formen von Subventionsregimen – bei einer insgesamt deutlich geringeren Effektivität. Aber lässt sich eine solche Strategie einer subventionierten Transformation dauerhaft durchhalten? Zumal die Staatsfinanzen noch an anderen Stellen herausgefordert werden, vor allem bei Verteidigung und in den sozialen Sicherungssystemen.

Fällt uns jetzt eine fehlende politische Gesamtstrategie auf die Füße?

Das könnte man so sehen. Beispielsweise hat der Expertenrat für Klimafragen jüngst empfohlen, die Klima- und Energiepolitik in eine politische Gesamtstrategie einzubetten. Gemeint ist eine kohärente, in sich schlüssige Strategie, welche sämtliche relevanten Politikfelder umfasst, insbesondere die Industrie-, Finanz-, Sozial- und Sicherheitspolitik. Der Koalitionsvertrag ist hinter einem solchen Anspruch allerdings klar zurückgeblieben. Das anstehende, von der Bundesregierung bis Ende März 2026 vorzulegende Klimaschutzprogramm darf also mit Spannung erwartet werden.

Prof. Bettzüge, wir danken für das Gespräch.

www.ewi.uni-koeln.de

EWI-Wärmekosten-Tool – Kosten für den Einbau einer neuen Heizung selbst berechnen

„Wir diskutieren seit Jahren über Modelle – doch gebaut werden Kraftwerke nur, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Wer Versorgungssicherheit will, muss Investitionen heute möglich machen.“
Kerstin Andreae, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung und Mitglied des Präsidiums des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft BDEW

Das EWI-Wärmekosten-Tool ermöglicht den Vergleich verschiedener Heiztechnologien auf Basis ihrer gesamten Lebenszykluskosten. Es berechnet die Wärmegestehungskosten in ct/kWh sowie die jährlichen Durchschnittskosten unter Berücksichtigung von Investitions-, Betriebs-, Brennstoff- und CO₂-Kosten. Es können gebäudespezifische Parameter wie Standort, Alter, Gebäudetyp und ökonomische Annahmen zu Zinssatz und Energiepreisentwicklung individuell eingegeben werden. Grundlage der Berechnungen sind Wetter- und Nutzungsdaten gemäß DIN V 18599 sowie technologiespezifische Kostenwerte. Damit bietet das Tool eine fundierte Orientierungsgrundlage für Investitionsentscheidungen in privaten Wohngebäuden.

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