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27.02.2020 11:38 Alter: 34 days
Kategorie: Energiewende

Engpassmanagement vs. Europäischer Strombinnenmarkt

Im Jahr 2016 forderte die Bundesnetzagentur ein Engpassmanagement an der deutsch-österreichischen Grenze. Als falsche und voreilige Aktion wider den Geist des europäischen Strombinnenmarktes bezeichnete Österreichs E-Wirtschaft damals diese Forderung.


Wolfgang Anzengruber, Vorsitzender des Vorstandes der Verbund AG, Österreich, Foto: Verbund

Auf dem Handelsblatt Energie-Gipfel 2020 in Berlin sprachen wir mit Wolfgang Anzengruber, Vorsitzender des Vorstandes der Verbund AG, Österreich zum Thema Engpassmanagement vs. Europäischer Strombinnenmarkt aus Sicht des Jahres 2020.

Herr Anzengruber, war die Trennung der gemeinsamen Strompreiszone Deutschland-Österreich im Oktober 2018 eine sinnvolle Entscheidung?

Aus unserer Sicht nein. Unsere Befürchtungen haben sich bewahrheitet: Kleinere Märkte zeigen höhere Preise und weniger Liquidität. Die Trennung steht darüber hinaus im Widerspruch zum EU-Ziel der Schaffung eines gemeinsamen europäischen Strombinnenmarktes.

Wir haben in diesem Zusammenhang gemeinsam mit Partnerunternehmen einen Antrag auf Abstellung des Missbrauchs einer marktbeherrschenden Stellung gegen den deutschen Netzbetreiber TenneT TSO GmbH am Oberlandesgericht Wien eingebracht. Konkret bezieht sich diese Klage darauf, dass der deutsche Übertragungsnetzbetreiber seine marktbeherrschende Stellung ausnutzt, indem er innerdeutsche Netzengpässe mit der Einführung einer Engpassbewirtschaftung an der österreich- deutschen Grenze beheben möchte. Durch diese Maßnahme kommt es zu einer wettbewerbswidrigen Marktverzerrung, da die strukturellen Netzengpässe nicht an der österreich-deutschen Grenze, sondern innerhalb von Deutschland liegen.

Welche Auswirkungen zeigt diese Trennung für die österreichische Volkswirtschaft?

Die Trennung der österreichisch-deutschen Strompreiszone hat laut Österreichischer Energieagentur in Österreich zu Mehrkosten von 220 Mio. Euro geführt. Österreich hat sich durch die Trennung der Strompreiszone per 1. Oktober 2018 vom deutschen Strompreisniveau entkoppelt. Strom war im Großhandel in Österreich durchschnittlich um 3-4 Euro pro Megawattstunde teurer, die Preise in Österreich waren damit durchschnittlich um 8 Prozent höher als in Deutschland.

Steht die Trennung nicht im Widerspruch zum EU-Ziel eines gemeinsamen Europäischen Binnenmarktes?

Wir treten nach wie vor ungebrochen für den gemeinsamen europäischen Strombinnenmarkt ein – Auf einer großen, gemeinsamen Kupferplatte können wir im europäischen Sinn Flexibilitäten und Engpässe wesentlich besser managen und unsere Märkte gegenseitig unterstützen.

Die Umstellung auf ein erneuerbares Energiesystem und die Umsetzung der Klimaziele – auf europäischer Ebene wie auch auf nationaler Ebene in Deutschland und Österreich – stellt uns vor große Herausforderungen: Immer mehr gesicherte Leistung aus fossiler bzw. nuklearer Energie geht aus dem System, während vor allem die neuen Erneuerbaren Wind und Sonne volatil einspeisen. Themen wie Flexibilität, Speicherung, Lastausgleich und Netzreserve werden demzufolge immer wichtiger – dies können wir nur gemeinsam, idealerweise im europäischen Kontext lösen.