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27.02.2020 11:51 Alter: 101 days
Kategorie: erneuerbare Energie

Echte Nachhaltigkeit wird ein Gewinn

Der Handelsblatt Energie-Gipfel Ende Januar in Berlin ist jährlicher Treffpunkt für die Entscheider der Energiewirtschaft zur Diskussion von aktuellen und künftigen Herausforderungen der Energiewende als auch für den Dialog mit der Politik.


Dr. Johannes Teyssen, E.ON SE, Vorsitzender des Vorstandes, Foto: E.ON

Die Keynote auf dem Handelsblatt Energie- Gipfel Ende Januar in Berlin hielt E.ON Vorstandsvorsitzender Dr. Johannes Teyssen. Seine Kernbotschaft an die Energiewirtschaft und die Politik: Nachhaltigkeit erfordert Umdenken.

Themen!magazin sprach nach dem Energie-Gipfel mit Dr. Teyssen zu seinen Erwartungen an die weitere Gestaltung der Energiewende.

Herr Dr. Teyssen, Ihre Keynote enthielt die Kernbotschaft zum Umdenken, warum?

Die Entwicklung zeigt uns, wir sollten in unserem Land für einen Perspektivwechsel und eine neue Bereitschaft zum Handeln stehen. Genau da sollten wir 2020 ansetzen. Dabei bin ich überzeugt: Es muss nicht immer Verzicht sein. Echte Nachhaltigkeit wird ein Gewinn! Wir könnten über verspätete Züge fluchen, über schlechten Handyempfang und lahmes Internet. Wir könnten uns ärgern über die Versäumnisse der Vergangenheit – den Investitionsstau und eine zum Teil marode Infrastruktur, lähmend für die Volkswirtschaft. Wir könnten ein apokalyptisches Bild zeichnen – von ökonomischen Zombies, verpassten Strukturanpassungen und halbgaren Innovationen. Wir können aber auch den Blick nach vorn richten und fragen: Was können wir 2020 besser machen? Wie entfesseln wir den ökonomischen Riesen, der unser Land ja immer noch ist?

Worin zeigt sich für Sie ein Perspektivwechsel?

2019 war ein Wendepunkt für den Klimaschutz, besonders in Europa und Deutschland. „Fridays for Future“ steht exemplarisch für eine Klima-Bewegung, die große Teile unserer Gesellschaft umfasst. Daneben schwenken Investoren und Kreditinstitute immer stärker in Richtung einer klimaorientierten Policy um. Und eine Vielzahl internationaler und nationaler Regulierungsinitiativen hinsichtlich Industrieller Standards, Reporting-Anforderungen und Ratings sind immer stärker auf Klimaschutz und Nachhaltigkeit ausgerichtet.

Wir spüren als Energieversorger, dass auch unsere Kunden deutlich klimabewusster werden. Dabei geht es längst nicht nur um die Frage „grüner oder konventioneller Strom“. Die Anforderungen steigen entlang der gesamten Lieferkette. Auch die neue Europäische Kommission hat mit ihrem „Green Deal“ eine umfassende Klimaschutz- Offensive eingeleitet, die solche Anforderungen adressiert. Deutschland wiederum hat sich mit dem Klimaschutzgesetz höhere Ziele für 2030 gesetzt. Das neue Kerninstrument ist dabei die CO2-Bepreisung für Nicht- ETS-Sektoren.

Stimmt Sie diese Entwicklung zuversichtlich?

Durchaus. Erstens ist die CO2-Bepreisung Ausdruck eines Paradigmenwechsels in Richtung sektorübergreifender Klimaschutz. Zweitens wird dieser Paradigmenwechsel nun mit mehr Nachdruck angegangen als befürchtet. Das zeigt die Bund-Länder-Einigung zu einer Anhebung des Preisniveaus gegenüber dem Ursprungsentwurf des Klimapakets. Das jetzt verabschiedete Klimapaket ist ein Schritt in die richtige Richtung. Wie gut dieser Schritt wird hängt jetzt davon ab, wie konsequent der Strompreis mit den daraus anfallenden neuen Staatseinnahmen entlastet wird.

Sollte Politik mehr Mut und Entschlossenheit zeigen?

Mut und Entschlossenheit sind das, was ich mir für die Zukunft dieses Landes wünsche. Und es ist das, was wir bei E.ON leben. Durch den Verkauf von Uniper haben wir uns von der konventionellen Stromerzeugung getrennt. Mit der Übernahme von innogy richten wir unseren Fokus nun voll auf die Zukunftsmärkte rund um die Energienetze und Kundenlösungen.

Wir wollen einen nachhaltigen Umbau der Energieversorgung ermöglichen und zahlen damit voll ein auf einen globalen Trend. Weltweit werden Menschen sektorübergreifend alles elektrifizieren und vernetzen, was möglich ist. Grüner Strom – auch in seinen gasförmigen Speicherformen, Stichwort „Power-to-X“ – wird die Leitenergie des 21. Jahrhunderts. Nur so ist eine nachhaltige, klimaschonende Art zu leben, zu wirtschaften und zu wohnen für möglicherweise über 10 Mrd. Menschen überhaupt vorstellbar.

Ihr Credo ist schon länger die „neue“ Energiewelt, was treibt Sie an?

E.ON glaubt an die neue Energiewelt. Und dass die deutsche Energiewirtschaft dazu beitragen kann und davon auch profitieren wird. Das treibt uns an, das begeistert uns. Und wir sollten die Kräfte bündeln. Denn neben dem weiteren Ausbau der Erneuerbaren steht der langfristig wichtigere Teil der Energiewende an, er umfasst nun den Einsatz grüner Energien auch im Verkehrs- und Wärmesektor sowie in der Industrie.

Überall wächst die Nachfrage nach intelligenten Wärmeund Kältelösungen sowie nach E-Mobilität. Überall lautet der Trend: Mehr Strom und grünerer Strom, mehr digitale und physische Vernetzung von Energieerzeugung und -nutzung. Wir brauchen einen „grünen Kreislauf der Energie“. Erzeugung und Verbrauch möglichst ortsnah verzahnt, möglichst ortsnah geregelt, ohne abregeln zu müssen. Ganz im Sinne von Subsidiarität und Dezentralität, im Sinne von Bürgern und Betrieben.

Wie sieht sich E.ON in dieser Entwicklung?

E.ON will diese neue Energiewelt durch Lösungen und Dienstleistungen möglich machen. Nicht allein, sondern gemeinsam mit Partnern, wie Kommunen, ihren Stadtwerken, Forschungseinrichtungen und Startups. Die neue Energiewelt baut kein Unternehmen allein. Doch gemeinsam können wir beitragen zu einem Boost für unsere Infrastruktur, zu einer nachhaltigen Modernisierung unseres Lebensumfeldes sowie einer Frischzellenkur unserer Wirtschaft.

Die entscheidende Frage ist, wie entfesseln wir den ökonomischen Riesen? Schon eine ambitionierte CO2-Bepreisung zieht fast automatisch Investitionen in klimafreundliche Technologien nach sich. Beispiel dafür ist Großbritannien, dort hat man sich so ganz ohne eine Kohlekommission in wenigen Jahren nahezu vollständig von der Kohleverstromung verabschiedet. Deutschland wiederum verzeichnete 2019 – im Wesentlichen bedingt durch die Stromerzeugung – einen überraschend starken Rückgang der CO2-Emissionen um 50 Millionen Tonnen. Nicht zuletzt als Folge des erhöhten CO2-Preissignals vom ETS aus Brüssel. Mut zu Reformen – ich hatte die ETS-Reform jahrelang gefordert – zahlt sich manchmal also schneller aus als man denkt!

Welchen Stellenwert hat für Sie das Thema der Mittelverwendung?

Die Frage der Mittelverwendung ist eminent wichtig. Da ist das Klimapaket der Bundesregierung noch schwammig. Nach dem ersten Entwurf – auf Basis eines CO2- Einstiegspreises von nur 10 €/t – sollten viele Themen finanziert, der saubere Strom aber nur in fast homöopathischer Dosis um einen Viertel Cent entlastet werden. Ich verstehe natürlich, dass sich die Pendler über eine höhere Pauschale freuen. Die richtige Lenkungswirkung allerdings erreichen wir nur durch die vollständige Entlastung von Grünstrom.

Das EWI und die RWTH Aachen haben es vorgerechnet: Bei einem vollständigen Wegfall der EEG-Umlage und deren Umfinanzierung über den Haushalt würde ein Großteil der Bürgerinnen und Bürger profitieren – und zwar insbesondere die Einkommensschwachen. Ähnliches würde übrigens für das verarbeitende Gewerbe gelten – dann endlich auch für nicht-energieintensive Betriebe.

Würde Deregulierung die Energiewende voranbringen?

Energiewende geht nur mit schnellen Innovations- und Investitionszyklen. Leider erleben wir, wie privatwirtschaftliche Innovations- und Investitionsoffensiven Gefahr laufen, durch Überregulierung zu ersticken. Innovationen in neue Technologien bei Industrie und Gewerbe – aber gerade auch in das Stromverteilnetz und seine Digitalisierung als Rückgrat der neuen Energiewelt – müssen zugelassen und ausreichend incentiviert werden. Und ein zeitgemäßes System ließe sich durch Rahmenparameter besser steuern, als durch Detailvorgaben.

Zusätzlich muss das gesamte Planungsrecht entschlackt und beschleunigt werden. Dies wird nicht gehen ohne eine Begrenzung von lieb gewonnenen Rechtsmitteln für Bürger und Verbände. Wie auch bei der Energiewende insgesamt geht es um eine intelligente Bürgerbeteiligung. Weg vom zeit- und energievernichtenden Rechtsmittelstaat und hin zu einer smarteren und schnelleren Genehmigungspraxis. Auch hier muss Deutschland auf ein Stück Gemütlichkeit und Beharrungswillen verzichten, wenn das Werk gelingen soll. Gemeinwohl muss gegenüber individuellen Belangen an Bedeutung gewinnen. Sonst dürfen wir uns nicht wundern, wenn uns das Baltikum oder Skandinavien infrastrukturell abhängen.

Sollten staatliche Investitionen weiterhin fließen?

Ja, auch der Staat muss Geld in Hand nehmen. Er muss Kommunen und betroffenen Branchen helfen, den Strukturwandel zu meistern – denn die plötzliche Verteuerung fossiler Energie wird ihren Preis fordern. Und er muss im selben Zuge auch in eine zukunftsfähige Infrastruktur investieren.

Wichtig ist aber, dass das Haus von unten aufgebaut wird. Erst das richtige Preissignal an den Markt und dann der Abbau regulatorischer Hemmnisse. Damit Infrastrukturprojekte zügig umgesetzt werden können und Mittel abgerufen werden. Und als drittes dann eine stärkere staatliche Investitionsoffensive in unsere grüne Zukunft. Der derzeitige Streit um die „schwarze Null“ ist zwar wichtig, aber aus meiner Sicht noch gar nicht drängend. Denn ohne die richtige Bepreisungssystematik und ohne Deregulierung der Planungs- und Genehmigungsverfahren hilft auch viel neues Geld nichts.

Wie lautet Ihre abschließende Botschaft?

Wir alle wollen eine gelingende Energiewende. Die Zeit dafür ist günstiger denn je: Der Staatshaushalt ist solide, die Steuereinnahmen sprudeln, der Investitionsbedarf ist offensichtlich, und der Perspektivwechsel in Richtung von Modernisierung und Nachhaltigkeit hat begonnen. Und vor allem: Die Bürgerinnen und Bürger sind bereit dafür! Sie wollen Klimaschutz, sie wollen etwas ändern.

Deshalb: Lasst es uns machen! Wir brauchen Investitionen und Innovationen! Wir brauchen Begeisterung! Begeisterung gelingt nicht mit apokalyptischer Diskussion um die Gefahren der Klimaveränderung oder mit immer neuen Verzichtsdebatten um Flüge oder Autotypen. Sie wird aber entstehen, wenn wir den Menschen die gewaltigen Chancen einer gelingenden Energiewende vermitteln.

Herr Dr. Teyssen, vielen Dank für das Gespräch.

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Foto: Mario Andreya / E.ON SE