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08.02.2024 14:24 Alter: 20 days

Dringend benötigt: neue Kraftwerke und Speicher

„Wir appellieren wir an die Bundesregierung, sich endlich auf eine Kraftwerksstrategie zu einigen, damit wir den Neubau von wasserstofffähigen Gaskraftwerken voran treiben können.“


Ingbert Liebing, Hauptgeschäftsführer, VKU Foto: VKU/Chaperon

Aktuell ist in der Energiewirtschaft ein Thema präsent: Wann kommt die Kraftwerksstrategie der Bundesregierung?* Diese ist die Basis für die Versorgungssicherheit unseres Landes. Doch uns läuft die Zeit davon, wie Ingbert Liebing, Hauptgeschäftsführer des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU) in einem Gastbeitrag unterstreicht.

Die zukünftige Energieversorgung in Deutschland ist auf erneuerbare Energien ausgerichtet. Da Sonne und Wind keine konstanten Energiequellen sind, braucht es neue und steuerbare Kraftwerke als Backup, wenn kein Wind weht und keine Sonne scheint. Deren Rahmenbedingungen werden aktuell in der Kraftwerksstrategie erarbeitet. Darüber hinaus ist zu klären, wie sich bestehende erneuerbare und konventionelle Kraftwerke sowie Flexibilitäten in ein zukünftiges Strommarktdesign einfügen werden. Hierfür dient die Diskussion in der Plattform Klimaneutrales Stromsystem (PKNS). Apropos Flexibilität: Das Zwischenspeichern von Energie wird künftig eine immer größere Rolle spielen müssen, um Schwankungen im System auszugleichen. Während die Stromspeicherstrategie kurz vor Weihnachten 2023 immerhin im Entwurf vorgelegt wurde - auch wenn sie mit dem Fokus auf die reine Stromspeicherung zu kurz springt - schlummert die Kraftwerksstrategie weiterhin in irgendeiner Schublade. Dabei läuft uns die Zeit davon.

Kraftwerksstrategie: Uns läuft die Zeit davon

Die Kraftwerksstrategie ist die Basis für die Versorgungssicherheit unseres Landes, das auf eine zunehmend erneuerbare Energieversorgung setzt. Als Größenvergleich: Bis 2030 müssten rund 50 neue, große und wasserstofffähige Gaskraftwerke errichtet werden, damit die erneuerbare Energieversorgung abgesichert werden kann. Doch in den Bau neuer Gaskraftwerke und die Umrüstung bestehender Gaskraftwerke auf Wasserstoff können wir nur mit der Kraftwerksstrategie rechtssicher investieren. Deswegen brauchen wir einen Plan. Wir brauchen endlich einen Rahmen, nachdem die Ausarbeitung eines entsprechenden Gesetzes von Bundeskanzler Olaf Scholz schon vor über einem Jahr angewiesen wurde. Deshalb appellieren wir an die Bundesregierung, sich endlich auf eine Kraftwerksstrategie zu einigen. Nur so können wir den Neubau von wasserstofffähigen Gaskraftwerken vorantreiben - inklusive Lösungen für die Finanzierung. Das muss zudem von einer Verlängerung des Kraftwärmekopplungsgesetzes (KWKG) über 2026 hinaus flankiert werden. Eine schnelle Einigung ist auch deshalb wichtig, weil der Bau wasserstofffähiger Gaskraftwerke Vorlaufzeit braucht. Noch kennen wir keinerlei Ausschreibungsdetails und rechnen mit einem niedrigen Reifegrad von Projekten, weil es noch keine genehmigten Kraftwerke in nennenswertem Umfang gibt.

Es darf nicht zu Oligopolen kommen

Damit es unter diesen Umständen überhaupt genügend Bieter gibt, muss bei den Ausschreibungen daher ein besonderes Augenmerk auf die Akteursvielfalt gelegt werden: Die Bildung von neuen Oligopolen im Bereich der Versorgungssicherheit muss unbedingt verhindert werden. Werden die Ausschreibungen nicht sorgfältig vorbereitet, waren die jüngsten Offshore-Windausschreibungen mit sehr großen Zuschlägen für nur zwei Bieter in diesem Zusammenhang möglicherweise nur ein bitterer Vorgeschmack. Die aktuellen und sehr erfreulichen Fortschritte beim Ausbau der erneuerbaren Energien wirken nur dann nachhaltig auf unsere Klimabilanz, wenn wir endlich mit dem Neu- und Umbau von wasserstofffähigen Gaskraftwerken starten können. Wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, können neue, wasserstofffähige Gaskraftwerke, binnen Minuten hochfahren und die erneuerbare Stromversorgung absichern. Und auch KWK-Anlagen sind als Backup für Wind und Sonne geeignet.

Nicht nur Kraftwerke: auch Speicher werden dringend gebraucht

Während die Kraftwerksstrategie also noch auf sich warten lässt, liegt uns die Stromspeicherstrategie der Bundesregierung seit kurz vor Weihnachten 2023 vor. In ihren strategischen Eckpunkten geht es unter anderem um Vereinfachungen wie die Befreiung von Netzentgelten oder schlankere Genehmigungsverfahren. Es geht aber auch um Förderungen oder die Einbeziehung von variablen Netzentgelten für die Wirtschaftlichkeit von Speichern. Die Strategie enthält noch keine konkreten Ziele oder Gesetze. Das Bundeswirtschaftsministerium wird nun in enger Absprache mit Stakeholdern und Verbänden aus dem Energiesektor die einzelnen Punkte besprechen und Inhalte dazu sammeln, so auch vom VKU, der vor kurzem seine Stellungnahme zur Speicherstrategie vorgestellt hat.

Das GuD-Kraftwerk Irsching ist für die Versorgungssicherheit der Region bedeutsam. Deshalb wurde es von der Bundesnetzagentur als systemrelevant eingestuft. Die Anlage setzt mit einer Bruttoleistung von 845 Megawatt und dem sehr hohen Wirkungsgrad von fast 60 Prozent neue Maßstäbe in Punkto Klimaschutz und Energieeffizienz.

Potenziale von Stromspeichern müssen bestmöglich erschlossen werden

Aus unserer Sicht kann der Beitrag von Batterien zur Sicherung der Systemstabilität im Stromnetz und damit zum Gelingen der deutschen Energiewende nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die Potenziale von Stromspeichern müssen bestmöglich erschlossen werden. Ansonsten drohen teure Eingriffe in das Stromnetz (im Fachjargon: „Redispatch“) weiterhin aus dem Ruder zu laufen, um das Netz stabil zu halten und die Stromversorgung zu sichern, wenn viel erneuerbarer Strom erzeugt und eingespeist, aber nicht ausreichend transportiert werden kann. Speicher bieten die Flexibilität, die wir in einem klimaneutralen, vor allem auf Wind- und Sonnenenergie basierenden Stromversorgungssystem dringend benötigen. Sie stabilisieren das Stromnetz, verringern den Netzausbaubedarf oder ermöglichen uns, mehr erneuerbare, selbsterzeugte Energie als bisher zu nutzen. Speicher verbessern die Sicherheit und Klimabilanz der Stromversorgung und reduzieren die Notwendigkeit von Redispatch und Netzausbau, was auch einen dämpfenden Effekt auf diesen Kostenblock der Strompreise hätte. Denn allein die Redispatch-Kosten sollen sich im Jahr 2024 laut Übertragungsnetzbetreibern auf 5,5 Milliarden Euro summieren. Und weil die Bundesregierung den zunächst zugesagten Zuschuss aus dem Bundeshaushalt in dieser Höhe wieder einkassiert hat, haben sich die Übertragungsnetzentgelte für 2024 faktisch verdoppelt. Der Gesetzgeber hat bereits viele Verbesserungen an den rechtlichen Rahmenbedingungen für Speicher vorgenommen. Allerdings müssen noch einige Knoten durchgeschlagen werden, um den Speicherausbau massiv zu beschleunigen, zumal der Strategieentwurf zwar wesentliche Treiber und Hemmnisse richtig benennt. Allerdings bleiben die dahinterliegenden Maßnahmen und das weitere Vorgehen aber weitestgehend unkonkret und vage. Hier hätten wir uns an der ein oder anderen Stelle eine schärfere Konkretisierung und Akzentuierung gewünscht.

Quelle: Deutsche Windguard GmbH Foto: AdobeStock_278385140

In Deutschland standen zum Ende des Jahres 2023 insgesamt 28.667 Onshore-Windenergieanlagen. 745 neue Onshore-Windenergieanlagen mit 3.567 MW Leistung wurden im Jahr 2023 neu installiert. Die installierte Gesamtleistung aus OnshoreWindenergie beträgt 61.010 MW.

Speicherhochlauf muss technologieoffen sein

Für die nun anschließende Weiterentwicklung der Stromspeicherstrategie sind aus unserer Sicht insbesondere die folgenden Punkte wichtig:

• Der Speicherhochlauf muss technologieoffen sein.Der Regierungsentwurf setzt aber hauptsächlich auf Pumpspeicherkraftwerke und Batteriespeicher. Andere sinnvolle Technologieoptionen wie die Energiespeicherung in anderen Medien, z.B. Wasserstoff, und deren Rückverstromung (Power-to-X-to-Power), oder Wärmespeicher werden leider nicht adressiert, sollten aber gleichbehandelt werden.

• Speicher sollten endgültig von Abgaben und Umlagen, insbesondere von den Netzentgelten, befreit werden. Das wäre möglich, wenn die Bundesregierung den im europäischen Recht gesetzten Definitionsrahmen für Energiespeicher und Energiespeicherung endlich vollständig umsetzt. Denn im Kern verschieben Energiespeicher einfach nur den Verbrauch ein und derselben erzeugten Kilowattstunde zeitlich nach hinten.

• Es braucht außerdem ein glaubhaftes Bekenntnis von der Bundesregierung, dass Knappheitssignale, also letztlich stark schwankende Preisdifferenzen zwischen Hochpreis- und Niedrigpreissituationen an den Strommärkten, zugelassen werden. Nur so werden Speicher wirtschaftlich. Derzeit wird zwar in den Speicherausbau investiert, jedoch bestehen nach wie vor Hemmnisse, die dringend abgebaut werden müssen. Wichtig ist eine langfristige zuverlässige Planbarkeit von Speicherprojekten in einem investitionsfreundlichen Umfeld. Übrigens: Der erste große Batteriespeicher, der in Deutschland erfolgreich eingesetzt wurde, war eine 5-MW-Anlage eines kommunalen Energieversorgers. Inzwischen haben viele weitere kommunale Unternehmen in diesem Segment Projekte umgesetzt und viel Erfahrung sammeln können.

www.vku.de

 

*Die Bundesregierung hat sich am 5. Februar 2024 und damit nach Redaktionsschluss auf Eckpunkte einer künftigen Kraftwerksstrategie geeinigt.