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< Neuer Regulierungsrahmen muss Kapital mobilisieren
16.07.2026 17:11 Alter: 1 day

Die Energiewende ist auch ein Standort- und Sicherheitsprojekt

“Investitionen fließen nur dort, wo verlässliche Regeln gelten. Denn Kapital folgt Klarheit.”


Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung und Mitglied des Präsidiums

Mit „Zukunft sichern“ war der Jahreskongress 2026 des BDEW Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft überschrieben. Das Thema war zu Recht gewählt, denn die Branche steht vor enormen Herausforderungen. Zur aktuellen Lage und den Aufgabenstellungen sprach THEMEN!Magazin mit Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung und Mitglied des Präsidiums.

Frau Andreae, wo stehen wir bei der Energiewende?

Die Energiewende kommt gut voran. Wir haben im ersten Halbjahr 2026 mit 58 Prozent Erneuerbaren-Anteil am Stromverbrauch einen neuen Rekord erzielt. Die Energiewende ist aber auch ein Standort- und Sicherheitsprojekt. Sie senkt langfristig Kosten und reduziert Importabhängigkeiten. Dafür braucht es zwingend politische Verlässlichkeit und mehr Umsetzungsgeschwindigkeit. Planungs- und Genehmigungsverfahren müssen weiter vereinfacht, Erneuerbare Energien und Speicher weiter zugebaut, Netze schneller modernisiert und ausgebaut, steuerbare Kraftwerkskapazitäten verlässlich angereizt und der Wasserstoffhochlauf pragmatisch ermöglicht werden.

Nötig ist ein wirtschaftlicher Regulierungsrahmen für die anstehenden, enormen Investitionen der Unternehmen. Die Energiewirtschaft investiert seit Jahren Milliarden in Netze, in Erneuerbare-Energien-Anlagen, in Speicher, Kraftwerke und Flexibilitäten und ist damit eine der modernsten Transformationsbranchen dieses Landes. Diese Dynamik braucht eine ambitionierte und stabile politische Flankierung. Investitionen fließen nur dort, wo verlässliche Regeln gelten. Denn Kapital folgt Klarheit.

Wie unterstützt Politik Ihre Anforderungen?

Kerstin Andreae, während der Eröffnungsrede

Die Koalition möchte die Finanzierungsmöglichkeiten der Energieinfrastruktur und die Mobilisierung von privatem Kapital verbessern. Das ist die richtige Zielsetzung und lange von uns gefordert. Die Energiewende ist auch ein Schritt zu mehr Souveränität. Die Ausweitung des Deutschlandfonds um eine Resilienzdimension ist daher ein kluger Schritt. Investitionen in Energieinfrastruktur stärken unsere Resilienz und modernisieren den Wirtschaftsstandort. Wichtig ist zudem, dass Tempo in die anstehenden Vorhaben kommt. Die Ausschreibungen für steuerbare Leistung müssen noch in diesem Jahr auf den Weg gebracht werden. Die Unternehmen stehen in den Startlöchern und warten auf die gesetzliche Grundlage. Die beihilferechtliche Genehmigung des aktuellen Förderrahmens des EEG läuft Ende dieses Jahres aus, es braucht eine Novellierung sowie die Zustimmung aus Brüssel.

Um den Ausbau Erneuerbarer und den Netzausbau zu optimieren, liegt ein Vorschlag auf dem Tisch, der dringend innerhalb der Bundesregierung geeint werden muss. Das Gebäudemodernisierungsgesetz liegt zwar vor, dennoch bleiben viele Fragen zu klären, etwa in Bezug auf die geplante Grüngasquote.

Ist die Versorgungssicherheit gewährleistet?

Ein klares Ja! Für Versorgungssicherheit und den Kohleausstieg ist jetzt der Zubau flexibler wasserstofffähiger Gaskraftwerke notwendig, ebenso wie Speicher, Flexibilitäten und Demand Side Management. Die Bundesregierung hat aktuell mit dem Gesetz zur Sicherung der Versorgungssicherheit Strom und zur Bereitstellung neuer Kapazitäten konkrete Vorschläge auf den Weg gebracht. Dieses Gesetz ist ein ‚Einstieg vor dem Ausstieg‘. Die neuen Anpassungen durch die Regierungsfraktionen sichern die Wirtschaftlichkeit für die Unternehmen. Zudem wurden gute Kompromisse gefunden bei der regionalen Steuerung, also der Verteilung der Kapazitäten im Bundesgebiet sowie zum sogenannten Langzeitkriterium.

Welche Rolle spielt hierbei die EU?

Das StromVKG muss durch die Europäische Kommission beihilferechtlich genehmigt werden. Diese Genehmigung sollte vor Ausschreibungsbeginn vorliegen. Ist dies zu diesem Zeitpunkt noch nicht er-folgt, muss eine verlustfreie Rückgabe der Zuschläge möglich sein. Die Unternehmen brauchen hier Sicherheit, damit sie investieren können.

Wie steht es um das Netzpaket?

BDEW-Präsident Stefan Dohler im Gespräch mit Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (Foto: Frederic Schweizer)

Hier braucht es Tempo, damit ein Beschluss zeitnah nach der Sommerpause erfolgen kann. Grundsätzlich ist es richtig, das Netzanschlussregime zu modernisieren. Erneuerbare Energien, Industrie, Rechenzentren, E-Mobil-Ladeinfrastruktur, Speicher, Wärmepumpen – alle wollen an das Stromnetz angeschlossen werden. Bestehende Netzkapazitäten müssen optimaler genutzt werden können. Dazu gehören neue flexiblere und rechtssichere Regeln für den Netzanschluss.
Zudem muss der Netzausbau im Sinne volkswirtschaftlicher Resilienz und Leistungsfähigkeit konsequent und effizient vorangetrieben werden. Gerade in Gebieten mit sehr hoher Netzauslastung brauchen wir im Sinne der Rechtssicherheit mehr Transparenz und deutlich einfachere und schnellere Genehmigungsverfahren.
Insofern braucht es zusätzlich zum Netzpaket ein Beschleunigungspaket für den Netzausbau, das bei Planung und Genehmigung ansetzt und Deutschlandtempo ermöglicht. Eine Dauer von zehn Jahren für Netzausbau kann nicht unser Anspruch sein.
Es ist daher gut, dass die Bundesregierung in ihrem „Programm für Aufschwung und Beschäftigung“ die Impulse der Branche aufgenommen und einen eigenen Punkt zur Beschleunigung des Verteilnetzausbaus aufgenommen hat: Ziel ist unter anderem die Beschleunigung von Genehmigungsverfahren und die Halbierung des Zeitraums für die Realisierung von Netzprojekten. Bei der Umsetzung muss darauf geachtet werden, dass für alle Beteiligten wirtschaftliche Planbarkeit gewährleistet ist.

Aktuell bleibt auch die Netzentgeltreform?

Eine Netzentgeltreform muss in der Praxis umsetzbar sein und stabile Investitionsbedingungen bieten. Der Zwischenstand der Überlegungen der Bundesnetzagentur zeigt: Die Regulierungsbehörde hat Sachargumente der Energiewirtschaft für mehr Verständlichkeit, Praxistauglichkeit und eine kalkulierbare Finanzierung in der Rahmenfestlegung Strom AgNes nach einem intensiven wie konstruktiven Austausch aufgegriffen. Leider hält die Bundesnetzagentur aber grundsätzlich an volldynamischen Netzentgelten fest. Diese mögen in der Theorie attraktiv erscheinen, schaffen aber in der Praxis erhebliche, neue Komplexität – vor allem bei IT-Anpassungen, im Messwesen, bei der Abrechnung, in der Marktkommunikation und in Kunden-Prozessen.

Ebenfalls positiv ist, dass unser Vorschlag zur Netzentgeltbefreiung für bestehende und in der Planung weit fortgeschrittene Energiespeicher sowie Elektrolyseure aufgenommen wurde. Das ist ein wichtiges Signal für den Bestandsschutz und das Vertrauen in stabile Rahmenbedingungen. Denn Vertrauensschutz ist ein hohes Gut für alle Beteiligten!

Eine Forderung des BDEW lautet, Energiepolitik darf keine Verhandlungsmasse werden …

Mir ist wichtig, dass Energiepolitik nicht zur Verhandlungsmasse wird. Rente und Redispatch-Vorbehalt, BAföG und Bio-Treppe, Gesundheitsfinanzierung und Gaspaket dürfen nicht gegeneinander aufgerechnet und politisch miteinander verheiratet werden. Energiepolitik muss sich an physikalischen Gegebenheiten orientieren und an Effizienz im Energiesystem.

Die Energiewende gelingt nur, wenn Wirtschaft und Bevölkerung sie überzeugt mittragen können – und wollen. Das bedeutet auch: Bezahlbarkeit für Endkunden und Investitionssicherheit für die Akteure der Energiewende. Daher fordern wir im Energiesektor Planbarkeit und verlässliche Rahmenbedingungen ein: von der Energieerzeugung über den Transport via Übertragungsnetze, Gasfernleitungsnetze und die Verteilnetze bis hin zu Speichern, Energiehandel, Vertrieb und Energiedienstleistungen.

Frau Andreae, wir danken für das Gespräch.

www.bdew.de

Nachwuchs-Stage Junge Wissenschaftler präsentieren auf dem Kongress Ihre Forschungsergebnisse (Foto: Frederic Schweizer)
Die Nachwuchsinitiative ist ein fester Bestandteil