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11.12.2015 12:02 Alter: 9 yrs
Kategorie: Digitalisierung

Die Energiewende findet in den Städten statt – oder gar nicht

Politik, Energiebranche und Öffentlichkeit diskutieren weiter das Thema Energiewende. Systemische, technische und soziale Fragen werden dringlicher, die Bandbreite des Diskurses gewinnt an Intensität und Detailtiefe. Die Energiewende in die Städte holen, dafür plädiert Vera Gäde-Butzlaff, Vorstandsvorsitzende der GASAG Berliner Gaswerke Aktiengesellschaft in Ihrem Gastbeitrag.


Foto: Sabeth Stickforth

50 % der Menschen lebt heute weltweit in Städten, in 20 Jahren werden es über zwei Drittel sein. Städte sind für immer mehr Menschen Lebensmittelpunkt und Arbeitsort, und wirtschaftlich betrachtet sind Städte und Ballungsräume mehr denn je die Orte, an denen die großen Innovationen und die bedeutenden Investitionen stattfinden werden. Deshalb wird hier auch am meisten Energie verbraucht. Damit die Energiewende gelingt, muss sie deshalb in den Städten und dort speziell auf dem Wärmemarkt endlich ankommen. Es geht darum, CO2 schnell und zu den gesellschaftlich vertretbarsten Kosten zu mindern und mit modernen Infrastrukturen smart cities aufzubauen. Diese smarten Städte werden mehr Lebensqualität, nachhaltigeren Klimaschutz, höhere Sicherheit und eine bessere Partizipation an gesellschaftlichen Prozessen bieten, als wir dies heute kennen.

1. Die Energiewende braucht smarte Infrastrukturen

Berlin hat über 50.000 Kilometer an Netzinfrastruktur für die sichere Versorgung mit Gas, Strom, Fernwärme und Wasser. All diese Netze sind in der Lage, die Versorgungssicherheit von Deutschlands größter Stadt zu gewährleisten. Dazu bedarf es aber neben den Übertragungs- und Verteilnetzen zahlreicher zusätzlicher Einrichtungen wie Speicher, Brunnen und Kraftwerke.

Seit einigen Jahren unterliegt der Betrieb all dieser Netze unterschiedlichsten Bedingungen. Die große Herausforderung für alle urbanen Versorgungsnetze ist zum einen die Frage, welche Auswirkungen das rasante Wachstum vieler Ballungsräume hat. Dies bedeutet beispielsweise, dass die Kapazitäten und die Leistungsfähigkeit der Netze mit der jeweiligen Stadt wachsen müssen.

Andererseits gilt: Niedrigere Verbräuche, effektivere Endgeräte und Wärmedämmung reduzieren den Energiebedarf und geben den Netzbetreibern für die künftige Wirtschaftlichkeit der Netzinfrastrukturen damit komplizierte Rechenaufgaben auf.

Im Jahr 2030 werden die Netze in Berlin einerseits der Entwicklung der Stadt gefolgt sein, d. h. sie werden wahrscheinlich verzweigter und auch insgesamt länger sein als heute. Das ergibt sich schon aus der Tatsache, dass bis dahin 250.000 bis 300.000 Berliner hinzugekommen sein werden. Um sich die Dimension besser vorstellen zu können: Das entspricht einer Stadt so groß wie Mannheim – und dabei ist der Zuzug durch Flüchtlinge noch nicht einmal mitgerechnet.

Im Energiebereich werden die Netze neben der klassischen Lieferantenfunktion viel stärker als heute erneuerbar erzeugten Strom, Gas und Wärme aufnehmen und damit ein wichtiges Rückgrat für die dann hoffentlich weit fortgeschrittene Energiewende darstellen. Ob dies gelingt, wird nicht zuletzt davon abhängen, ob die regulatorischen Auflagen den Netzbetreibern den nötigen Raum lassen, durch gezielte Investitionen die Netze zu entwickeln und somit smarter, intelligenter zu machen. Smart sein bedeutet hier, dass die Abläufe sowohl innerhalb als auch zwischen den Netzen sowie zwischen den Netzen und ihren Nutzern digitalisiert sein werden.

Die Koordination dieser Infrastrukturen wird in der smarten Welt übrigens noch weniger als heute davon abhängen, ob die Netze nun öffentlich oder privat geführt werden, sondern davon, wie weit die Digitalisierung fortschreitet und wie gut die Schnittstellen gemanagt werden.

2. Ohne urbane Wärmewende keine Energiewende

Nach vier Jahren Energiewende als reine Strom wende muss jetzt endlich auch der Wärmesektor deutlich stärkere Bearbeitung erfahren und das Klimaschutzinstrument der Energieeffizienz einen größeren Stellenwert erhalten.

40 % des Endenergieverbrauchs und etwa ein Drittel der CO2-Emissionen in Deutschland entfallen auf den Wärmemarkt; in Berlin sind es bei der Endenergie sogar 50 %! Für die meisten Haushalte liegen die Kosten für Heizung und Warmwasser deutlich über den Stromkosten und sind damit die entscheidende Zielgröße für Verbesserungsmaßnahmen.

Von den ca. 18,1 Millionen Wohngebäuden in Deutschland sind rund zwei Drittel energetisch sanierungsbedürftig, die jährliche Sanierungsrate liegt aber nur bei einem Prozent, in Berlin sogar darunter.

In den Heizungskellern sieht es noch schlimmer aus: Rund 75 % der Heizungsanlagen sind nicht auf dem Stand der Technik. Die allen bekannte Brennwerttechnologie ist zwar Stand der Technik, aber noch längst nicht in allen Heizungskellern eingebaut. Gerade der Wärmesektor bietet also, zumal in urbanen Ballungsräumen – wo übrigens eine weiter wachsende Mehrheit der Menschen lebt - ein riesiges Potenzial, um sehr kostengünstig CO2 zu mindern, beispielsweise durch Brennstoffwechsel, etwa von CO2-intensiven Heizöl hin zu deutlich CO2-ärmeren Erdgas.

Die Beseitigung des Modernisierungsstaus im Heizungsbereich ist für mich ein exzellentes Beispiel dafür, wie mit wenig öffentlichem Geld – etwa über Sonderabschreibungen, Prämien oder Zuschüsse – und lokaler unternehmerischer Dynamik ein großes, ganz praktisches Stück Energiewende bei hoher Akzeptanz umgesetzt werden könnte.

Interessant ist: Infrastrukturen, Tech nologien und Lösungen sind im Wärmebereich bereits verfügbar und erfordern eben nicht – wie im Stromsektor – hohe Investitionen. Auch unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten spricht einiges dafür, bestehende Potenziale konsequent zu nutzen, um die Kosten der Energiewende nicht ausufern zu lassen. Denn nur dann wird der wichtigste Er folgsfaktor der Energiewende, die Bürger akzeptanz, auch langfristig erhalten werden können.

www.gasag.de