Nachricht

< Lieber eine Gaspipeline als klimaschädlicher Kohlestrom
20.08.2021 16:10 Alter: 29 days

Ambitionierte Ziele brauchen Technologieoffenheit

Am 14. Juli 2021 stellte die Europäische Kommission ihr „Fit for 55“-Paket vor. Darin definiert sie Maßnahmen, mit denen dieses neue Klimaschutzziel erreicht werden soll. Im Gespräch mit THEMEN!magazin unterstützt Hildegard Müller, Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) die ambitionierten Ziele der EU und macht deutlich, wie die Autoindustrie dazu beitragen kann, dass Europa der erste klimaneutrale Kontinent wird.


Hildegard Müller, Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) Foto: VDA

„Als Automobilindustrie unterstützen wir das Ziel der EU-Kommission, Europa als ersten Kontinent der Welt bis spätestens 2050 klimaneutral zu machen. Jetzt müssen die Voraussetzungen geschaffen werden, dass diese Transformation auch gelingen kann“. Hildegard Müller

Frau Müller, wie bewerten Sie aus Sicht des VDA das „Fit for 55“-Paket?

Das „Fit for 55“-Paket setzt die richtigen Ziele. Die Autoindustrie will bis spätestens 2050 klimaneutrale Mobilität ermöglichen. Entscheidend sind aber jetzt die Rahmenbedingungen. Die technischen Vorgaben wird die deutsche Autoindustrie mit ihrer weltweit bewunderten Innovationsstärke technologisch meistern. Doch das historische Projekt Klimaneutralität gelingt nur mit wettbewerbsfähiger Industrie in Europa. Die Unternehmen müssen die Milliarden, die sie jetzt investieren, auch erwirtschaften und sich im internationalen Wettbewerb nicht nur behaupten, sondern Standards und Maßstäbe setzen können. Europa muss effektiven Klimaschutz betreiben, der sozialverträglich und fair ist, den Zusammenhalt der Gesellschaft sicherstellt und dabei gleichzeitig eine florierende Wirtschaft ermöglicht, die Wohlstand, Jobs und Wachstum sichert. Und die Standortbedingungen in Europa müssen so gut sein, dass sie im internationalen Vergleich attraktiv sind. Nur dann wird unsere Klimapolitik international kopiert. Und nur dann wird das CO2 Problem gelöst, statt nur verschoben

Im Paket wird auch die Elektromobilität favorisiert, kann der gegenwärtige Stand zufriedenstellen?

Die Auto-Industrie investiert rund 150 Mrd. Euro bis 2025 in E-Mobilität, neue Antriebe und die Digitalisierung. Das entspricht in etwa der Summe, die der Bundeshaushalt im gleichen Zeitraum für Bildung, Forschung einschließlich Raumfahrt investiert. Wir sind weltweit führend was Patente und Innovationen angeht. Wir bringen bis 2025 mehr als 150 E-Modelle auf den Markt und sind schon jetzt Europameister in Sachen E-Mobilität. Aber: Der Elektro-Hochlauf droht ausgebremst zu werden. Umfragen zeigen, dass die Bürger ein flächendeckendes Ladenetz als Grundvoraussetzung für die Anschaffung eines E-Autos sehen. Davon ist Deutschland - und noch viel mehr Europa - weit entfernt. Die EU hat hier entsprechende Verordnungen geplant – aber ohne die notwendigen Zwischenziele einzukalkulieren, die entsprechende Planungssicherheit geben würden.

Wir brauchen jetzt einen klaren verlässlichen Fahrplan der Energiewirtschaft, wie, wo und wann die Ladeinfrastruktur für die vielen neuen E-Autos bereitgestellt wird. Und nur mit 100 Prozent Ökostrom im Ladenetz ist ein E-Auto klimaneutral. Und alles für einen bezahlbaren Preis. Denn auch klimaneutrale Mobilität ist ein Grundrecht für die Bürger.

Ist die ETS-Einführung für den Verkehrssektor der große Wurf?

Der Vorschlag für die Einführung des marktwirtschaftlichen Instruments des Emissionshandels für Verkehr und Gebäude ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem einheitlichen EU-Emissionshandel für alle Sektoren. So schaffen wir es, den Ausstoß von Treibhausgasen innerhalb der Europäischen Union volkswirtschaftlich effizient zu minimieren. Ein Problem bleibt: Durch die Festlegung eines Flottengrenzwerts von 0 g im Jahr 2035 geht der damit im Verkehr angestrebte Wirkeffekt für die Neuwagenflotte wieder verloren.