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< Ohne günstigen Strom keine Kreislaufwirtschaft
07.04.2026 17:42 Alter: 28 days

„12 Gigawatt können nur der Anfang sein“

„Für die energieintensive Industrie ist Versorgungssicherheit keine abstrakte Kategorie, sondern eine betriebliche Grundvoraussetzung.“


Christian Seyfert, Geschäftsführer, VIK Verband der industriellen Energie- und Kraftwirtschaft e. V.

„Die im Januar erzielte Einigung zwischen Bundesregierung und EU-Kommission zur Kraftwerkstrategie setzt ein wichtiges energiepolitisches Signal. Für den Industriestandort Deutschland ist sie ein notwendiger, wenn auch überfälliger Schritt hin zu einer sicheren und bezahlbaren Stromversorgung“, sagt Christian Seyfert, Hauptgeschäftsführer des VIK.

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Der Industriestandort Deutschland braucht Versorgungssicherheit, dies ist keine neue Erkenntnis. Nach langen Monaten intensiver Verhandlungen, wechselnder Ankündigungen und nicht zuletzt großer Unsicherheit auf Seiten von Erzeugern, Netzbetreibern und Verbrauchern scheint nun eine belastbare Einigung mit der EU-Kommission vorzuliegen. Der zuletzt angekündigte Zeitplan, nach welchem die Ausschreibungen im zweiten Quartal 2026 erfolgen sollten, scheint sich nun jedoch nach Medienberichten abermals weiter zu verzögern.

Dabei darf man nicht verschweigen: Dieser Schritt kommt ohnehin sehr spät. Die Diskussion um eine Kraftwerkstrategie begleitet die Branche seit Jahren und wurde nicht zuletzt durch den beschleunigten Ausstieg aus der Kohleverstromung, den Atomausstieg und den ambitionierten Ausbau der erneuerbaren Energien immer drängender. Umso größer war die Erwartungshaltung bei den betroffenen Marktteilnehmern, als die Bundesregierung die Kraftwerkstrategie als zentrales Element zur Absicherung der Stromversorgung ankündigte. Dass nun erst im Sommer 2026 die ersten Ausschreibungen starten sollen, zeigt, wie viel Zeit dieser Prozess in Anspruch genommen hat. Zeit, die angesichts wachsender Risiken in der Versorgungssicherheit eigentlich nicht vorhanden war.

Versorgungssicherheit als Voraussetzung für industrielle Wertschöpfung und Transformation

Für die energieintensive Industrie ist Versorgungssicherheit keine abstrakte Kategorie, sondern eine betriebliche Grundvoraussetzung. Aluminiumhütten, Chemieanlagen, Glas- oder Papierwerke lassen sich nicht beliebig an- und abschalten. Sehr viele Produktionsprozesse benötigen jederzeit verfügbare Leistung. Selbstverständlich auch dann, wenn volatile Erzeugung aus Wind und Sonne nicht ausreichend zur Verfügung stehen. Genau hier setzt die Kraftwerkstrategie an: Sie soll steuerbare Kapazitäten bereitstellen und zugleich den Übergang zu einem umfassenden, technologieoffenen Kapazitätsmarkt vorbereiten, welcher ab 2027 greifen soll.

Dass die Bundesregierung diesen Brückencharakter der Kraftwerkstrategie nun klarer definiert und mit der EU-Kommission abgestimmt hat, ist ausdrücklich zu begrüßen. Denn Planungssicherheit entsteht nicht allein durch politische Zielbilder, sondern durch konkrete, beihilferechtlich abgesicherte Instrumente. Die jetzt vereinbarten Eckpunkte schaffen hierfür erstmals eine belastbare Planungsgrundlage.

Kern der Einigung ist die Ausschreibung von insgesamt 12 Gigawatt steuerbarer Leistung im Jahr 2026. Davon sollen 10 Gigawatt auf neue, steuerbare Kapazitäten mit langfristiger Leistungserbringung entfallen; also vor allem auf moderne Gaskraftwerke. Weitere 2 Gigawatt werden in einem technologieoffenen Segment ohne Langfristkriterium ausgeschrieben. Alle geförderten Anlagen müssen „H₂-ready“ sein und auf das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 ausgerichtet werden.
Richtig ist aus Sicht der Industrie, dass in dem aktuellen Eckpunktepapier auf einen verpflichtenden, frühzeitigen Umstieg auf Wasserstoff verzichtet wird. Investoren erhalten damit die notwendige Flexibilität, sich an den tatsächlichen Markthochlauf von Wasserstoff anzupassen und ihre Anlagen dann umzurüsten, wenn Infrastruktur, Verfügbarkeit und Wirtschaftlichkeit gegeben sind. Das steigert die Realisierbarkeit der Projekte erheblich.

Gleichzeitig bleibt festzuhalten: Der Ausschreibungsumfang von 10 beziehungsweise 12 Gigawatt wird langfristig nicht ausreichen. Sowohl der europäische ERAA, die Berichte zur Versorgungssicherheit der Bundesnetzagentur als auch Studien der Übertragungsnetzbetreiber zeigen deutlich, dass der Bedarf an gesicherter Leistung in den kommenden Jahren weiter steigen wird. Der massive Zubau erneuerbarer Energien, die zunehmende Elektrifizierung von Industrie, Wärme und Verkehr sowie der parallele Rückbau konventioneller Erzeugungskapazitäten verschärfen diese Entwicklung zusätzlich.

Nach der Ausschreibung ist vor der Ausschreibung

Vor diesem Hintergrund ist entscheidend, dass die Kraftwerkstrategie nicht als einmalige Maßnahme verstanden wird. Die vorgesehenen zusätzlichen Ausschreibungen in den Jahren 2027 und 2029, die vollständig technologieoffen ausgestaltet sein sollen, sind ein wichtiger Schritt. Auch die Möglichkeit, bestehende Kapazitäten einzubeziehen und grenzüberschreitende Lösungen zuzulassen, könnte neuen Spielraum zulassen.
Dennoch braucht es schon heute die klare politische Botschaft, dass nach den ersten 12 Gigawatt zügig weitere Ausschreibungsrunden folgen werden, und zwar in bedarfsgerechter Größenordnung. Investitionsentscheidungen in der Energiewirtschaft haben lange Vorlaufzeiten. Wer heute Kraftwerkskapazitäten für die 2030er Jahre plant, muss diese Projekte frühzeitig planen, die Finanzierung sichern, Genehmigungen einholen, Komponenten bestellen, Bauzeiten berücksichtigen und letztendlich die Anlagen in Betrieb nehmen. Ein finaler, belastbarer Zeitplan wäre daher dringend erforderlich.

 

Kapazitätsmarkt: Jetzt konsequent weiterdenken

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Die Bundesregierung hat angekündigt, ab 2027 einen umfassenden, technologieoffenen Kapazitätsmarkt einzuführen. Ein solcher Markt kann, wenn er richtig ausgestaltet ist, die Versorgungssicherheit dauerhaft gewährleisten und zugleich Innovationen sowie Kosteneffizienz fördern. Wichtig ist jedoch, dass die Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern tatsächlich in die Ausgestaltung eines solchen Mechanismus einfließen. Halbherzige Lösungen oder Übergangsregime würden sonst Unsicherheit erzeugen.

Für die energieintensive Industrie gilt: Transformation braucht Planungs- und Investitionssicherheit. Klimaschutz, Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Die Kraftwerkstrategie ist ein notwendiger Baustein, aber sie kann nur dann ihre Wirkung entfalten, wenn sie Teil einer konsistenten, langfristig angelegten Gesamtstrategie ist.

Somit bleibt festzuhalten: Die Einigung zwischen Bundesregierung und EU-Kommission zur Kraftwerkstrategie ist ein erster Durchbruch. Sie schafft erstmals einen beihilferechtlich abgesicherten Rahmen für neue steuerbare Kapazitäten in Deutschland und sendet ein wichtiges Signal an Investoren. Gleichzeitig darf sie nicht als Abschluss, sondern muss als Auftakt verstanden werden. Die Zeit drängt, der Bedarf wächst, und der Industriestandort Deutschland ist auf eine verlässliche Stromversorgung angewiesen. Jetzt kommt es darauf an, die Kraftwerksstrategie zügig umzusetzen, entschlossen weiterzudenken und parallel die Details eines funktionierenden Kapazitätsmechanismus weiterzuentwickeln.

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Der VIK ist seit über 75 Jahren die Interessenvertretung industrieller und gewerblicher Energienutzer in Deutschland. Als branchenübergreifender Wirtschaftsverband mit Mitgliedsunternehmen aus den unterschiedlichsten energieintensiven Branchen wie Aluminium, Chemie, Glas, Papier, Stahl oder Zement, ist er die Stimme der Deutschen Industrie und steht für einen starken Industriestandort Deutschland ein.