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12.12.2017 15:48 Alter: 285 days

EU muss erneuerbare Kraftstoffe berücksichtigen

Die EU-Kommission hat Anfang November ihr zweites Mobilitätspaket mit verschärften CO2- Grenzwerten für Autos bis 2030 vorgestellt. Ziel ist die Senkung der CO2-Emissionen im Verkehr. Im EU-Entwurf werden regenerative Kraftstoffe ausgeklammert und es erfolgt eine einseitige Festlegung auf Elektromobilität.


Aus Sicht der Mineralölwirtschaft eine falsche Ausrichtung, meint Prof. Dr.-Ing. Christian Küchen, Hauptgeschäftsführer Mineralölwirtschaftsverband (MWV).

Foto: Pedro Becerra

Herr Prof. Küchen, wie bewertet die Mineralölwirtschaft das zweite Mobilitätspaket der EU-Kommission?

Den neuen Vorschlägen fehlt der Ansatz der Technologieoffenheit. Um die Klimaziele im Verkehr bis 2050 zu erreichen, werden erneuerbare flüssige Kraftstoffe bei Nutzfahrzeugen, Schiffen und Flugzeugen unverzichtbar sein. Deshalb wird es flüssige Kraftstoffe aus erneuerbaren Quellen geben müssen.

Im Entwurf der EU-Kommission wird beim Pkw-Verkehr dann allerdings der Elektromobilität einseitig der Vorzug gegeben. Die vorgeschlagene Regelung wirkt wie eine E-Auto-Quote. Die Emissionen des eingesetzten Stroms, selbst wenn er aus der Kohle kommt, werden mit Null bewertet, während sogar der Einsatz komplett treibhausgasneutraler synthetischer Kraftstoffe, sogenannte E-Fuels, behandelt wird wie fossiles Benzin oder fossiler Diesel.

Die Mineralölwirtschaft setzt seit langer Zeit Biokraftstoffe ein und macht sich für erneuerbare Kraftstoffe stark. Wäre dies nicht eine bessere Lösung?

Um CO2-Emissionen zu reduzieren, werden alle nachhaltigen Technologien ihren Teil beitragen müssen. Das ist ja gerade der Vorteil eines technologieoffenen Ansatzes. Heute sind das nachweislich nachhaltig hergestellte Biokraftstoffe der ersten Generation. Dazu kommen wachsendende Anteile fortschrittlicher Biokraftstoffe, die nicht mehr mit Nahrungsmitteln konkurrieren. Das wird aber vom Volumen nicht ausreichen. Daher brauchen wir E-Fuels, die vollkommen klimaneutral aus erneuerbarem Strom und CO2 herstellbar sind. Diese fortschrittlichen Kraftstoffe lassen sich problemlos in klassischen Antrieben verwenden. Autofahrer können somit ihr bisheriges Fahrzeug als auch die bestehende Tankstellen-Infrastruktur kostengünstig weiter nutzen.

Wie sehen Sie die Haltung der Politik?

Es hat den Anschein, dass aus Sicht der Politik zumindest bei den Pkw einseitig auf Elektromobilität gesetzt wird. Dabei schließen sich Klimaschutz und Verbrennungsmotoren keineswegs aus. Bezahlbar und praktikabel wird eine Lösung nur sein, die effiziente Verbrennungsmotoren – auch in hybriden Systemen - und E-Fuels einschließt.

Welche Rolle können Raffinerien dabei spielen?

Den deutschen Raffinerien kommt beim Erreichen der Klimaziele 2050 eine entscheidende Rolle zu. Wir werden langfristig Kohlenwasserstoffe benötigen, so z. B. vom Flugkraftstoff bis zum Chemierohstoff und Bitumen. Bei entsprechenden Rahmenbedingungen können in den Raffinerien eines Tages klimaneutrale Kraft- und Brennstoffe sowie Rohstoffe für die Chemie zu bezahlbaren Kosten produziert werden. Der Weg dahin führt
schrittweise über ein Ersetzen des Rohöls als Hauptrohstoff durch erneuerbare Kohlenwasserstoffe. Wesentliche Schritte sind die Nutzung von aus grünem Strom in Raffinerien hergestellten grünen Wasserstoffs und die Nutzung von CO2 als Rohstoff. Am Ende kann die gesamte vorhandene Infrastruktur von den Pipelines über die Raffinerien bis zu den Tankstellen weiter genutzt werden. Ein wichtiger, kurzfristig erforderlicher Schritt wäre es, die Treibhausgasminderung durch grünen Wasserstoff im Rahmen der aktuellen europäischen Erneuerbare- Energien-Richtlinie in praktikabler Weise anzuerkennen.

Sind die deutschen Raffinerien dafür gerüstet?

Eindeutig ja. In Sachen Effizienz haben sie einen technologischen einen technologischen Vorsprung von zehn Jahren vor ausländischen Mitbewerbern. Fast 90 Prozent unserer Raffinerien sind in Energieeffizienz-Netzwerken organisiert mit dem Ziel, durch Informationsaustausch und Vernetzung diese Spitzenposition zu behalten und auszubauen. Hinzu kommt die enge Verzahnung mit der chemischen Industrie. Trotz vergleichsweise hoher Energiekosten können unsere Raffinerien daher erfolgreich im internationalen Wettbewerb agieren. In Hamburg ist im November die größte flexible Elektrolyseanlage der Welt zur Erzeugung von grünen Wasserstoff in einer Raffinerie in Betrieb gegangen. Planungen an anderen Raffineriestandorten laufen. Das belegt, dass sich unsere Raffinerien fit machen für die Zukunft.

Welche Erwartungen hat die Mineralölwirtschaft an die Energie- und Klimapolitik einer neuen Bundesregierung?

Für das Gelingen der Energiewende und der Klimaschutzziele sind effiziente und sozialverträgliche Lösungen unabdingbar. Deshalb plädieren wir für echte Technologieoffenheit und Energieträgerneutralität, also zum Beispiel Gleichbehandlung von erneuerbaren Kraftstoffen mit Elektromobilität. Die neue Bundesregierung sollte sich dafür bei der CO2-Flottenregulierung und auch bei der ebenfalls in Bearbeitung befindlichen Erneuerbaren- Richtlinie einsetzen.

Darüber hinaus muss sich die Bundespolitik dafür stark machen, dass eine mögliche Verschärfung des EU-Emissionshandels nicht zu Nachteilen für die heimische Raffinerielandschaft führt. Im schlimmsten Fall wandern Investitionen und Produktion in weniger stark regulierte Räume außerhalb der EU ab.

Sie hatten die Energiekosten angesprochen. Wie steht es damit?

Bei den hohen Stromkosten können die energieintensiven Raffinerien bei Vorliegen entsprechender Voraussetzungen die besondere Ausgleichsregelung in Anspruch nehmen. Diese Möglichkeit muss im vollen Umfang erhalten bleiben, soll der Raffineriestandort Deutschland wettbewerbsfähig bleiben. Auch muss es weiterhin möglich sein, dass auf den in der Raffinerie selbst erzeugten Strom keine EEG-Umlage anfällt. Raffinerien und ihr Umfeld stehen für 240.000 Arbeitsplätze in Deutschland. Damit diese volkswirtschaftlich bedeutende Säule erhalten bleibt, fordern wir als Branche einen fairen Wettbewerb im deutschen wie auch im europäischen und globalen Rahmen.

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