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09.05.2017 18:55 Alter: 75 days

Energy Leaders - 2. Innovationsforum Energie

Die Management Circle AG hatte kürzlich Vorstände und Geschäftsführer der Energiewirtschaft nach Berlin eingeladen. Mit dem Angebot, im Innovationsforum Energie einmal unabhängig vom Tagesgeschäft in einem überschaubaren Teilnehmerkreis Meinungen über die Zukunft der Energiewirtschaft auszutauschen. Als Chairman leitete Michael G. Feist, bis Frühjahr 2016 Vorstandsvorsitzender der Stadtwerke Hannover AG, die Konferenz.


Michael Eweleit, Bereichsleiter bei Management Circle reflektiert ausgewählte Sequenzen der Diskussion zur -Neuen Landkarte der Energiewirtschaft- aus dem Innovationsforum „Energy Leaders“.

Foto: privat

Die Unternehmen des Energiesektors befinden sich im Umbruch, mit einer Dynamik, die tiefgreifende Veränderungen nicht nur ermöglicht, sondern unumgänglich macht. Etablierte, auf Langfristigkeit ausgelegte Strukturen der Energieversorger sind oft ein internes Hemmnis bei der Umsetzung von Anpassungsmaßnahmen und der Einführung von neuen Geschäftsmodellen. Hier haben neue Player den Vorteil ohne Altlasten arbeiten zu können. Was tun also in dieser Situation, die auf der einen Seite tiefgreifende Veränderungen der Geschäftsmodelle unumgänglich macht, auf der anderen Seite aber geprägt ist durch viele offene, unbeantwortete strategische Fragen? 

Im Leben gibt es immer mehr Fragen als Antworten. Experten empfehlen deshalb den Blick auf Fundamentalaspekte und die Prü­fung, welche grundlegenden Eckpunkte eine strategische Orientierung geben können. Beispielhaft seien hier einige Aspekte genannt: 

- Was wollen die Kunden wirklich und wie hoch ist ihre Akzeptanz für Mehrkosten wie z. B. EEG-Umlage oder den weiteren Bau von Windparks?

- Welche Triebkräfte und Prioritäten leiten die Politik bei der Weiterentwicklung des Ord­nungs­rahmens und welche Ziele verfolgt sie tatsächlich?

- Ist Energieversorgung ein Commodity Ge­schäft, in dem der Preis der wichtigste Aspekt ist oder können wir unsere Produkte „branden“ wie Konsumgüter und sie dadurch für Kunden attraktiv im Wettbewerb machen?

- Inwieweit und wie schnell können neue Geschäftsfelder zum wirtschaftlichen Ergeb­nis positiv beitragen?

- Welche Risiken sind für die Unternehmen tragfähig sowohl im „doing nothing case“ als auch bei Eintritt in neue Geschäftsfelder?

 

Vor dem Hintergrund von treibenden Faktoren wie z. B. Energiewende, Regulierung, Digita­li­sierung, Europäisierung, Wettbewerbs­zu­nahme, Kundenanforderungen und Kapital­marktanforderungen gibt es eine Menge Un­sicherheiten. Dies gilt auch für neue technologische Entwicklungen. Eine neue stra­te­gi­sche Landkarte mit abgeleiteten Hand­lungs­möglichkeiten für die Energiewirt­schaft auszuleuchten steht demzufolge aktuell auf der Tagesordnung. 

Wieviel Wettbewerb hat Energiewirtschaft?

Die Energy Leaders-Konferenz eröffnete der Präsident des Bundeskartellamtes, Andreas Mundt mit seinem Keynote-Beitrag zum Wett­bewerb auf den Energiemärkten: Quo Vadis? Er hob in seiner Bestandsaufnahme hervor, dass es relativ ruhig an der Verfah­rensfront sei. Wettbewerb wurde weitgehend durch Regulierung ersetzt. Mit der Folge eines riesigen Subventionsrucksacks, rd. 26 Mrd. allein für das EEG. Wenn die Strompreise an der Börse bei 3 Cent liegen, Verbraucher aber 27 Cent zahlen, ist etwas in Schief­lage. Die Richtung ist stimmig, aber der Wett­bewerb ist, gehemmt durch Regulierung, nicht tief und breit genug.

Zu Marktmacht und missbräuchlichem Ver­halten gab er eine klare Antwort. Kriterium ist die Zurückhaltung von Kapazi­täten, wenn z. B. Kraftwerke, die im Geld sind, nicht liefern. Das Bundeskartellamt baut gerade eine Markt­transparenzstelle Energie auf und wird einen Leitfaden für die kartellrechtliche Miss­brauchsaufsicht im Bereich der Stromerzeu­gung veröffentlichen. Zukünftig wird es regelmäßig zu Wett­bewerbsverhält­nissen in der Stromerzeugung berichten. Die gesetzliche Grundlage wurde im Strom­markt­gesetz geschaffen. So können Unter­nehmen künftig besser einschätzen, ob sie marktbeherrschend und damit Adressat des kartellrechtlichen Missbrauchs­verbots sind.

Neue Landkarte der Energiebranche

Laut Wirtschaftsminister Gabriel in der „Welt vom 15.12.2016“ ist die Energiewende weiter auf Zielkurs. Für den weiteren dynamischen Ausbau der Erneuerbaren seien die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen. Zugleich sagt aber die Expertenkommission der Bun­des­regierung, die zentralen Klimaschutzziele würden mit großer Sicherheit verfehlt und es zeichnen sich weitere Kostensteigerungen ab. 

Und AGORA sagt dann im Januar 2017: Die Energiewende liegt im Plan, doch die Klima­ziele bleiben unerreichbar. Vor dem Hinter­grund, dass der C02-Ausstoß im Jahr 2016 von 908 auf 916 Mio. Tonnen gestiegen ist. 

Was bestimmt den Blick der Branche auf die weitere Umsetzung der Energiewende? Ist es der Ausbau erneuerbarer Erzeu­gungs­­­­kapa­zi­täten mitsamt Netzausbau oder Redu­­­­­zierung der CO2-Emissionen? Wie ist die Sicht auf Digitalisierung? Zum Thema „Neue Land­karte der Energiebranche“ diskutierten Alf Henryk Wulf, Vorstandsvorsitzender von GE Power AG, Dr. Urban Keussen, Vorsitzender der Ge­­­­schäftsführung von Tennet TSO GmbH, Stefan Kapferer, Vorsitzender der Haupt­ge­schäfts­führung des BDEW und Andreas Kuhlmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deut­schen Energie Agentur GmbH.

GE Power AG hat eine klare Ausrichtung, wenn es um Digitalisierung der Energiewelt geht. Alf Henryk Wulf unterstrich, im Mittel­punkt der strategischen Ausrichtung steht das Streben nach Innovation und digitaler Effizienz. Aktuell entwickelt man bei GE eine Cloudplattform für das Industrial Internet mit dem Ziel, bis 2020 eines der TOP 10 Softwareunternehmen zu werden. Der Fokus wird hierbei auf die Nutzung maschinen­bezogener Daten zur Optimierung des Anla­gen­betriebes  gelegt.

Wir erleben einerseits Vernetzung zugleich aber eine disruptive Entwicklung, so Dr. Urban Keussen. Die Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB`s) unterstützen die Energiewende, was rd. 20 Mrd. Euro Investitionssumme be­legen. Aber es gilt auch, die weitere dezentrale Entwicklung, den Ausbau von Offshore-Kapazitäten und den europäischen Strom­markt im Blick zu haben. 

Für die ÜNB`s birgt Digitalisierung große Effizienzpotentiale. Mit einem Netzstresstest leistet TenneT einen Beitrag zur Sicherung höherer Netzauslastung. Gelingt es die Vor­hersage zu qualifizieren, ist weniger Re­ser­veleistung erforderlich. Was wiederum zu einer Reduzierung des Netzausbaus führt. Aber das Thema Netzausbau zeigt nachdrücklich, in einer komplexen Welt sollte man keine Verant­wortlichkeiten vermischen. 

Für Stefan Kapferer passiert in Richtung neue Landkarte zu wenig. Beim System der Sub­ventionierung wurde nur an Stellschrauben gedreht. Themen wie Kapazitätsmarkt und Versorgungssicherheit bleiben auf der Agen­da. An Politik geht der Hinweis, dass Dekar­bonisierung nicht allein Ausbau Erneuerbarer Energien bedeutet, sondern auch rationales Handeln in Bezug auf das Ziel eine wirtschaftlich effiziente CO2-Reduzierung zu erreichen. Wir sollten auch weiter intensiv über Marktdesign nachdenken und über einen realistischen Preis für KWh, so sein Appell.

Für die Energiewirtschaft sieht er eine Wachs­tumsperspektive und gibt den Opti­misten: Ab 2019 geht es aufwärts für die Energiebranche. So bestehen seit Jahren Effi­zienz­potentiale, die noch nicht gehoben sind. Beispiel sei hier die Sektorkopplung. Seine Forderung an Politik für die neue Legislatur­periode: Wirtschaft muss mehr zu sagen haben bei der Festlegung langfristiger Ziele für Energiepolitik und dem Weg zur CO2-Re­duzierung in einem technologieoffenen Um­feld bei dem CO2-Vermeidungskosten die wesentliche Steuerungsgrösse sind. Im Ver­hält­nis Politik vs. Branche sollte ein konsensuales Verständnis für die Energiewelt von morgen Gestalt annehmen.

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Wachstumsmärkte der Energiewirtschaft

Neue Player drängen in den Markt und auf Basis Ihres speziellen vorhandenen Know- how‘s (z. B. bei digitalen Prozessen) versuchen sie ihr Glück. Die etablierten Energieunter­neh­men suchen ebenfalls Wachstum zur Ver­teidigung von Marktanteilen oder zum Aus­gleich für den Ergebnisdruck im Stamm­geschäft. In allen Feldern ist prägend, dass neue Technologien eine große Rolle spielen und dass es den Unternehmen, etablierten wie neuen Playern, darum geht wirtschaftliches Wachstum zu erzielen. 

Zum Thema Wachstumsmärkte der Ener­gie­wirtschaft boten Dr. Ingo Luge, Vorsitzender der Geschäftsführung E.ON Deutschland, Boris Schucht, Vorsitzender der Geschäfts­führung 50Hertz Transmission GmbH, Carsten Heckmann, Sprecher der Geschäfts­führung enercity-netz und Helmut Herdt für den Verband Kommunaler Unternehmen (VKU) ihre Sicht auf das Thema. 

Für Dr. Luge kann Sektorkopplung eine zwei­te Phase der Energiewende sein. Technolo­­gien für eine umfassende Kopp­lung der Sek­toren Strom, Verkehr, Wär­me sind vorhanden und bereits im Kun­denangebot. Aber der An­teil der Erneuer­baren bei Wärme und Ver­­kehr liegt im Endenergie­ver­brauch bei nur rd. 15 %.  Wir sollten uns die Frage stellen: Warum sind die Sektoren nicht schon heute stärker verzahnt? 

Für ihn zählt es auch zur Wahrheit, dass Erdgas als umweltfreundlicher Energieträger auf Jahrzehnte wichtig bleibt, zumal im De­ka­denzeitraum keine anderen Langfrist­spei­cher erkennbar sind. Es gibt bereits eine intakte Infrastruktur und Gas ist in allen Sek­toren klimaschonend einsetzbar.

Bei den Herausforderungen an das Energie­system der Zukunft sieht Boris Schucht nicht nur Risiken, sondern auch Chancen und Wachstum. Denn Energiewende ist auch die disruptive Umwälzung eines Systems mit den Megatrends Dekarboni­sierung, Dezentra­li­sierung und Digitalisierung. Gerade Sek­tor­kopplung kann bei stärkerer Einbeziehung von Wärme und Mobilität den Prozess der Dekarbonisierung weiter unterstützen. Aus­schrei­bungen bei Windkraft zeigen ebenso wie die Direkt­vermarktung, dass Kosten gesenkt werden und gleichzeitig Dezentralität und Flexibili­sierung stärker aufeinander zu­gehen. Offen ist jedoch, ob die Digi­talisierung z. B. über den Smart Meter auch Nachfrage nach Flexibilität befördert.

Die ÜNB`s verstehen sich als Marktplatz, der Infrastruktur diskriminierungsfrei für Markt­teil­nehmer anbieten kann. Fatal wäre, die EU beim Energiemarkt aus der Betrachtung herauszunehmen. So spart z. B. der Netz­regel­verbund in der EU Kosten von 300 Mio. EUR/Jahr. Deshalb die Frage: inwieweit lohnt es sich aus volkswirtschaftlicher Gesamtsicht noch, dezentrale Systeme zu entwickeln? 

Pro und Contra

Zum Themenblock „Wie geht es mit der Ener­giewende nach der Bundestags­wahl weiter“ stellten sich Dr. Joachim Pfeiffer, wirtschafts-und energiepolitischer Sprecher der CDU/CSU Bundestagsfraktion und Simone Peter, Bun­desvorsitzende der Grünen dem Ge­spräch, um aus ihrer Sicht die Weiter­entwicklung der Energiebranche zu beleuchten. 

Für Dr. Pfeiffer stehen die großen Komplexe Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und die Co2-Vermeidungskosten im Vordergrund. Wenn Verbraucher beim Blick auf Ihre Strom­rechnung die Bezahlbarkeit im Auge haben, ist dies legitim. Haben wir die Kosten­treiber wirklich abgebremst? Auch sollte die Dis­kussion zum Thema Co2-Vermeidungs­kosten in Verbindung mit dem Emissionshandel wieder Fahrt aufnehmen. 

Die Gespräche um die Sektorkopplung zeigen die Richtung, wie bei der Energiewende die Einengung auf den Stromsektor überwunden werden kann. Allerdings ist hier unbedingt Technologieoffenheit zu sichern. Der Kohle­ausstieg sollte nach den Anforderungen der Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit gesteuert werden. Ein Problem bewegt ihn besonders, das Thema der Übersubventionitis!

Die Positionen der Grünen sind nach Simone Peter ambitionierter: Verkaufsstopp für Öl- und Gasheizungen ab 2030, Verbot von Ver­brennungsmotoren und Kohleausstieg sowie einen schnelleren Ausbau der Erneuer­baren. Die frühere Aussage, die Förderung der Erneuerbaren Energien würde einen durchschnittlichen Haushalt so viel kosten wie eine Kugel Eis, ist bei der grünen Farbenlehre aus den Geschichtsbüchern gestrichen.

Energiewende als kommunale Chance

Bietet die Energiewende wirklich eine kommu­nale Chance? Darüber sprach Michael Ebling als Oberbürgermeister der Landes­haupt­­stadt Mainz und Präsident des Verban­des Kommu­naler Unternehmen (VKU). Stadt­werke haben bisher gezeigt, dass sie Anforder­ungen der Energiewende meistern können. Es steht aber die Frage: wie unab­hängig sind Stadt­werke als Unternehmen, um ohne politischen Ein­fluss ihre wirtschaftliche Entwick­lung den Realitäten des Marktes anzupassen? 

Die Nähe der Städte, Gemeinden und Kreise zu den Bürgern bietet kommunalen Unter­nehmen strukturelle Vorteile, die sie noch stärker ausspielen sollten. So sind Stadt­werke u. a. verantwortlich für die zentralen Infra­strukturen, auf denen künftige Smart-City-Lösungen aufsetzen. Das Engagement für schnel­les Internet als moderne Daseins­vorsorge ist unbestritten, allein in 2016 haben kommunale Unternehmen eine halbe Milliarde Euro in den Breitbandausbau investiert. 

Die Politik ist gefragt, um den nötigen Hand­lungsspielraum für neue Geschäfts­modelle zu ermöglichen. Als Beispiel führte Ebling das Gemeindewirtschaftsrecht an, das in einigen Bundesländern noch nicht den Anforderungen an eine digitale Welt entspricht. 

Fazit

Eine Aussage der offenen und intensiven Gespräche kann vorangestellt werden: neue Anforderungen an die Energiewirtschaft bieten auch Entwicklungs- und Wachstums­chancen im Strom, Gas und Wärmesektor.Auch für Dienstleistungen und neue Ge­schäfts­­­felder, für etablierte Energieunter­­neh­men und auch für neue Marktteilnehmer. Integrierte traditionelle Wertschöpfungs­ketten werden zunehmend aufgebrochen und in Einzelelemente zerlegt, die wiederum eine horizontale Bündelung von Wertschöpfungs­stufen quer über den Industriesektor ermög­lichen. Damit können Skaleneffekte geschaffen und die Effizienz erhöht werden. 

Alle Antworten und strategischen Rück­schlüsse erfahren immer eine Bewertung individuell aus Sicht der Unternehmen als handelnde Akteure. In der weiteren gesellschaftspolitischen und fachlichen Diskussion sollte man sich auf den Ansatz verständigen, dass alle Antworten auf der Basis von „best effort“ erfolgen. Es gibt keine ertragsstarke, schnell wirkende Universalstrategie für die vor der Energiewirtschaft liegenden Heraus­forder­ungen. Es gibt auch keinen „Goldenen Schuss“ zur Lösung der anstehenden Aufgaben.