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17.07.2017 13:01 Alter: 65 days

Energienetze in der EU – Rollen und Aufgaben

Ein vollständig integrierter Energiebinnenmarkt muss einen europaweit ungehinderten Energiefluss durch adäquate Infrastruktur sowie die Beseitigung technischer und regulatorischer Hemmnisse ermöglichen. Nur dann kann sich ein effizienter Weg zu sicherer Energieversorgung zum besten Preis eröffnen. Gerade Deutschland belegt, die Diskussion zu Rolle und Aufgaben der Energienetze bleibt auf dem Weg zu einer „Neuen Energiewelt“ weiterhin auf der Tagesordnung.


Prof. Dr. Klaus-Dieter Borchardt, Direktor Energiebinnenmarkt, Generaldirektion Energie bei der Europäischen Kommission in Brüssel benennt im Gespräch mit unserer Redaktion Ansätze zur sachlichen Betrachtung von Rollen und Aufgaben der Energienetze.
Foto: Europäische Kommission

Herr Prof. Borchardt, in Deutschland wird nach wie vor zum Thema Energie­netze diskutiert. Sehen Sie eine solche Diskussion als nationale Besonderheit?

Sicher nicht, denn das europäische Energie­system befindet sich gegenwärtig in einem grundlegenden Umbruch. Größte Heraus­forderung dabei ist die Integration der stetig wachsenden erneuerbaren Energien in unseren Energiemarkt. Sehen wir allein den An­teil an der Energieerzeugung: heute  stehen wir bei 12 %. Bis 2030 sollen daraus 29 % werden. In der Stromerzeugung sind das zur Zeit 29 %. Für 2030 beträgt das Ziel 50 %.

Ein hoher Anteil der Erneuerbaren (Wind und Solar) geht direkt ins Verteilnetz, in Deutsch­land rund 90 %. Dies bedeutet einen enormen Druck auf die Verteilnetze, vor allem im Hin­blick auf den Betrieb der Netze und den Inves­titionsbedarf. Dieser Druck wird noch weiter verstärkt, wenn es kurz- oder mittelfristig zur Elektrifizierung des Verkehrs- und/oder Wär­me­sektors kommt.

Welche Orientierung bietet hier das sogenannte „Winterpaket“ der EU-Kommission?

Der Kommissionsvorschlag zum Marktdesign als Teil des Winterpakets „Saubere Energien für alle Europäer“ nimmt sich diesen Heraus­forderungen an und setzt Regeln für mehr Flexibilität, Kosteneffizienz und Verbraucher­rechte. Soweit es die Rolle der Verteilnetz­be­treiber betrifft, liegen die Schwerpunkte auf:

- Nutzung von Flexibilitätsdienstleistungen durch Verteilnetzbetreiber

- Neue Rolle der Verteilnetzbetreiber in spezifischen Aufgabenbereichen

- Einbindung der Verteilnetzbetreiber in das europäische Institutionengeflecht.

Nachfragemanagement, Speicher und Eigen­erzeugung sind wichtige Quellen für die notwendige Flexibilität in den Verteilnetzen. Die Verteilnetzbetreiber sind zunächst dafür verantwortlich, diese Ressourcen zu integrieren, aber sie können von der Flexibilität auch profitieren, um ihre Netze auf lokaler Ebene zu stabilisieren und zu optimieren.

Gibt es dafür bereits die entsprechende Rechtsgrundlage?

Der Kommissionsvorschlag sieht für das neue Marktdesign die Schaffung einer klaren Rechtsgrundlage für Verteilnetzbetreiber im Hinblick auf Zugang und Nutzung der Flexi­bilität durch marktkonforme Verfahren vor. Verteilnetzbetreiber sollen in die Lage versetzt werden, die Dienstleistungen für den Tages­betrieb ihrer Netze und für die Auflösung von Engpässen zu nutzen. 

Der nationale regulatorische Rahmen soll es den Verteilnetzbetreibern ermöglichen und zugleich Anrei­ze bieten, auf Flexibilitäts­dienst­leistungen zurückzugreifen anstatt in Hardware (Kabel, Transformatoren etc.) zu investieren. Verteil­netzbetreiber sollen mehr in OPEX und weniger in CAPEX investieren. Entscheidend dafür ist aber eine vernünftige Anreizregulierung, die offen ist für Inno­vationen und auch Fehlschläge zulässt und diese nicht einseitig den Verteilnetzbetreibern aufbürdet. 

Sehen Sie dabei auch die Tarifstruktur als einen Schwerpunkt?

Verteilnetztarife müssen den Prinzipien der fairen Kostenzuweisung, Transparenz und Nichtdiskriminierung genügen, vor allen im Hinblick auf Verbraucher, die in neue Tech­no­logien investieren und am Markt teilnehmen. Investiert z. B. ein Verbraucher in PV oder Speicher und nimmt über Aggregatoren am nationalen oder grenzüberschreitenden Handel teil, muss der Zugang zum Netz unter transparenten und die Kosten reflektierenden Tarifen erfolgen, die ein „level playing field“ garantieren.

Man kann also von einer neuen Rolle der Verteilnetzbetreiber sprechen?

Dies ist durchaus so zu sehen. Neue Rollen ergeben sich für die Verteilnetzbetreiber in Zukunft in den Bereichen Speicher, Elektro-Autos und Datenmanagement. Hierfür werden auch spezifische Rahmenbedingungen im Kommissionsvorschlag gesetzt.

Als einen Ausgangspunkt sehe ich hier das Verständnis der Verteilnetzbetreiber als neutrale Marktorganisatoren. Deshalb sollten die Aktivitäten in den Bereichen Speicher und Ladestationen für Elektro-Autos auch dem Markt und dem dortigen Wettbewerb überlassen bleiben. Verteilnetzbetreiber sollten nur dann und insoweit eigenständige Aktivitäten in diesen Bereichen ausüben, als es für die Sicherheit des Netzbetriebs oder die Unter­stützung der Marktentwicklung unbedingt erforderlich ist. 

Verteilnetzbetreiber sollten auch grundsätzlich nicht Eigentümer von Speichern und La­de­stationen sein, sondern sich diese Leistun­gen, soweit nötig, über den Markt besorgen. Die nationalen Regulierungsbehörden können hiervon eine Ausnahme im Interesse von Sys­temsicherheit zulassen, wenn eine Markt­ab­frage das Fehlen von jeglichem Angebot oder Interesse von Marktteilnehmern ergibt. Die Marktabfrage muss alle fünf Jahre wiederholt wer­den und falls Marktinteresse vorhanden ist, sind die Ausnahmen unter Wahrung des Investitionsschutzes zu beenden. 

Von dieser Regelung bleibt natürlich die Mög­lichkeit der Verteilnetzbetreiber unberührt, durch eigene, aber getrennt vom Ver­teilnetz­betrieb eingerichtete Unternehmen am Markt teilzunehmen. Und das Daten­manage­ment durch die Verteilnetzbetreiber muss transparent und nicht diskriminierend sein; dazu sind nach unserer Auffassung eine Zertifizierung und Compliancekontrollen notwendig.

Wie bewerten Sie den Stand der Einbindung der Verteilnetzbetreiber in das europäische Institutionengeflecht?

Hier hat die Kommission auf Defizite reagiert und schlägt die Schaffung einer neuen EU-Verteilnetzbetreiber-Einheit vor. Denn wir brauchen die Verteilnetzbetreiber-Expertise für die Fortentwicklung des regulatorischen Rahmens auf EU-Ebene. Zugleich benötigen Verteilnetzbetreiber eine starke Stimme in Europa in den Bereichen, die ihre Netze und die Integration der Erneuerbaren betreffen. 

Deshalb wurden Aufgabenbereiche formuliert, welche die Koordinierung der Planung und des Betriebs der Verteil- und Über­tra­gungsnetze sowie die Kooperation zwischen Verteilnetz- und Übertragungsnetzbetreiber umfassen. Dazu zählen u.a.

- Integration der Selbsterzeuger

- Nachfragemanagement

- Digitalisierung und Smart Grids

- Datenmanagement, Datenschutz, Cybersecurity

- Entwicklung von Network Codes

und Guidelines.

Problematisch bleibt aber gegenwärtig noch die Repräsentanz. Die Kommission hat allen entflochtenen Verteilnetzbetreibern den Zu­gang eingeräumt; dies sind aber nur 11 % aller Ver­teil­netzbetreiber in der EU, die allerdings 80 % aller Verbraucher erfassen. Gleichwohl braucht es für eine akzeptable Repräsentanz noch eines Korrektivs, das den Mindest­zugang vor allem kleinerer Verteilnetz­betreiber ermöglicht.

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