Nachricht

< Wohin entwickelt sich die Europäische Energiepolitik?
29.07.2013 11:43 Alter: 4 yrs
Kategorie: Fokus Energiemarkt 2.0

Drei Punkte für eine kosteneffiziente Energiewende

Die Energiewende in Deutschland befindet sich an einem kritischen Punkt. Kurskorrekturen sind notwendig, sagt Peter Löscher, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, in einem Plenumsbeitrag auf dem ZVEI-Kongress Anfang Juni in Berlin. Aus seiner Sicht wird die Energiewende nur dann ein Erfolg, wenn sie wirtschaftlich ist. An die Politik gerichtet, unterbreitete der Siemens-Chef einen Drei-Punkte-Plan für eine kosteneffiziente Energiewende. Die Kernaussagen dieses Redebeitrages haben wir mit freundlicher Genehmigung der Siemens AG in einer redaktionellen Bearbeitung übernommen.


Im Mai 2011 hat Siemens einen neuen Weltrekord beim Wirkungsgrad eines GuD-Kraftwerks mit seiner neuen Gasturbine im E.ON Kraftwerk in Irsching erreicht. Mit einer Leistung von 578 MW und einem Wirkungsgrad von 60,75 Prozent hat Siemens den für Kraftwerksbauer magischen Wirkungsgrad von 60 Prozent deutlich übertroffen. Foto Siemens AG

Deutschland im Jahr 2 der Energiewende – Zeit um Bilanz zu ziehen! Siemens steht voll hinter der Energiewende. Wir sind von ihrer Machbarkeit überzeugt und sehen sie auch weiterhin als Chance!Deshalb arbeiten wir mit Hochdruck an den Lösungen für das Energiesystem der Zukunft. Im Jahr 2 der Energiewende befindet sich Deutschland an einem kritischem Punkt und ist ein Land kostspieliger Widersprüche: Die Umlagen für die Erneuerbaren Energien über das EEG werden 2013 mit rund 16 Milliarden Euro einen neuen Höchststand erreichen. Die Strompreise entwickeln sich unkontrolliert nach oben, private Konsumenten und Industriekunden bezahlen heute doppelt so viel pro Kilowattstunde wie im Jahr 2000. Der Strom in Deutschland ist heute fast dreimal so teuer wie in den USA. Wir fördern die Erneuerbaren Energien und insbesondere die Photovoltaik ohne Wenn und Aber.Damit legen wir riesige Parallelkapazitäten zu den weiter zwingend erforderlichen konventionellen Kraftwerken an und treiben so die Strompreise hoch. Dem Ziel einer Verringerung der CO2-Emissionen kommen wir nicht näher. Kohlekraftwerke müssen die Schwankungen der Erneuerbaren ausgleichen und haben so im Energiemix negative Auswirkung auf die CO 2 -Bilanz. Dass es auch anders geht, zeigen die USA: Seit das Land von Kohle- auf Gaskraftwerke umstellt, sinken die amerikanischen CO2-Emissionen. Und Amerika verschafft sich durch günstige Energiepreise einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Deutschland: Selbst energieintensive Unternehmen investieren wieder im Land. Derzeit sind in den USA rund 100 Industrieprojekte mit einem Gesamtvolumen von 100 Milliarden Dollar geplant.

150 Milliarden Euro Einsparungen

Die deutsche Energiewende darf nicht zu Lasten des Standorts gehen, weder wirtschaftlich noch versorgungstechnisch. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien per se taugt nicht als Ziel der Energiewende. Notwendig ist ein wirtschafts- und klimapolitisch sinnvolles Gesamtkonzept. Und das heißt: Wir müssen umsteuern!  Viele deutsche Unternehmen teilen diese Ansicht. Wir haben 250 unserer TopKunden zur Energiewende befragt. Mehr als 90 Prozent nennen „Bezahlbarkeit“ und „Versorgungssicherheit“ als wichtigste Herausforderungen. Weniger wichtig ist unseren Kunden dagegen der Ausbau der Erneuerbaren Energien. 

Deshalb schlagen wir vor, bei der Energiewende künftig das CO2 -Ziel in den Mittelpunkt zu stellen. Wir sollten mehr auf hocheffiziente Gas-und-Dampf-Kraftwerke setzen, weil sie Strom kostengünstig, flexibel und mit geringem CO2 -Ausstoß erzeugen können. Und bei den Erneuerbaren Energieträgern sollten wir vor allem auf Windenergie setzen. Deutschland hat im Norden hervorragende Windverhältnisse. Windenergie kann dort schon heute fast mit konventionellen Energieträgern konkurrieren. Und weil der Wind auf dem Meer stetiger weht, produzieren Offshore-Anlagen zuverlässiger Strom. 

Damit wir uns in diese Richtung bewegen und die Widersprüche in den Griff bekommen, schlagen wir einen Drei-Punkte-Plan vor. Als einen Vorschlag, wie wir die Energiewende zu einem deutlich niedrigeren Preis bekommen und bis 2030 rund 150 Milliarden Euro einsparen könnten.

Umbau des Strommarktes

Der Umbau des Strommarktes sorgt durch fünf Maßnahmen für mehr Investitionssicherheit und Markttransparenz. Die ersten beiden Maßnahmen zielen auf eine Generalrevision des EEG ab. Erneuerbare Energien brauchen keine unbedingte und unbeschränkte Förderung mehr. Bei entsprechender Marktreife müssen sie ohne Subventionen im Strommarkt bestehen. Regelungen für Anlagen, die bereits im Betrieb sind, bleiben unverändert. Denn Investitions- und Rechtssicherheit sind hohe Güter. Aber künftig sollten neue Regeln im Markt gelten.

Das Ausstellungszelt des Siemens Energiewende-Dialogs in Berlin: Anhand zahlreicher Exponate und Referenzbeispiele von Siemens kann der Besucher

Maßnahme eins

heißt für uns: An Stelle des Einspeisevorrangs tritt Einspeiseverantwortung. Anbieter von Strom aus Erneuerbaren Energien müssen diesen künftig genauso zuverlässig vermarkten wie jeder andere Stromanbieter auch. Um ihre Lieferversprechen einzuhalten, müssen sie sich wenn nötig mit flexiblen Kraftwerken oder in Zukunft auch mit Speichern absichern.

Maßnahme zwei

zielt auf die Förderung Erneuerbarer Technologien nach Regeln des Wettbewerbs, so durch eine gezieltere Vergabe von Erneuerbaren Energien. Zum Beispiel durch Auktionen: Den Zuschlag für den Bau eines neuen Windparks erhält jener Investor, der die geringste Einspeisevergütung verlangt. Länder wie Dänemark und die Niederlande machen es uns vor. Technologien wie die Photovoltaik können aus unserer Sicht bereits ganz ohne Förderung auskommen.


 »Erstens: Wir sollten den Strommarkt umbauen.  Zweitens: Wir sollten auf Energieeffizienz setzen.  Drittens: Wir brauchen eine Energiewende mit europäischem Horizont.«  Peter Löscher, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG

Maßnahme drei

Wir brauchen eine europäische Regelung für die Reduzierung von CO 2-Emissionen und müssen den europäischen CO2 -Zertifikatehandel wieder stärken. Eine Flottenregelung für Kraftwerkparks nach Vorbild der Autoindustrie wäre ein denkbares Mittel. Energieversorger mit einer Flotte aus veralteten Kraftwerken wären dann gezwungen, ihre CO2 -Bilanz Schritt für Schritt zu verbessern.

Maßnahme vier

betrifft die Fixkosten-Umlage. Verbraucher sollten entsprechend ihrer Anschlussleistung am öffentlichen Netz einen Fixbetrag bezahlen – unabhängig von der tatsächlich bezogenen Strommenge. Damit werden die Kosten des Stromsystems gerechter verteilt. Wer selbst keine Anlage für die Stromerzeugung aus Erneuerbaren Quellen besitzt, war bisher nämlich benachteiligt. Denn er bezahlte einen großen Teil der Infrastrukturkosten für kleine Öko-Strom-Erzeuger mit.

Maßnahme fünf

zielt auf die Beibehaltung der Winterreserve. Jahr für Jahr legen Bundesnetzagentur und Netzbetreiber eine bestimmte Menge fest, die als eiserne Reserve für Spitzenlasten vorgehalten wird. Wir verringern damit die Gefahr eines großen Blackouts. Stromlieferungen aus diesem Notfall-Puffer werden dann mit hohen Preisen vergütet - damit sich die Kraftwerke für die Betreiber auch rechnen. Allerdings ist mittelfristig die politische Entscheidung zu treffen, ob Deutschland einen Kapazitätsmechanismus einführt, um die Vorhaltung von Kraftwerken zu vergüten.

Steigerung der Energieeffizienz

Zum Gelingen der Energiewende gehört ganz wesentlich das Stromsparen. Wir fordern deshalb eine rasche Umsetzung der europäischen Energieeffizienz-Richtlinie in Deutschland. Investitionen in die Energieeffizienz klingen zunächst nach Extrakosten. Aber mit cleveren Finanzierungsmodellen lässt sich viel voranbringen. Bei Siemens haben wir das sogenannte Energiespar-Contracting entwickelt. In Berlin, einer Stadt, die sich selbst gern als „arm aber sexy“ bezeichnet, sanieren wir nach diesem Modell rund 200 öffentliche Gebäude energetisch. Siemens schießt jeweils die Investitionen vor; die Stadt refinanziert sie über ihre Energieeinsparungen.  Als Ergänzung zu Energieeffizienz-Maßnahmen empfehlen wir Systeme zur Verbrauchssteuerung. Das heißt: Verbraucher schalten freiwillig ab, wenn die Netze an ihre Grenzen kommen – und werden dafür entlohnt. Kühlhäuser können beispielsweise ihre Aggregate zu Spitzenlast-Zeiten ohne Probleme einige Minuten ausschalten. In den USA sind solche Systeme erfolgreich im Einsatz. Von den Erfahrungen anderer Länder können wir bei der Energiewende profitieren. Eine McKinsey - Studie stellt 20 Lösungen in anderen Ländern vor, die sich für Deutschland mit wenig Aufwand adaptieren lassen.

Europäische Koordination der Energiewende

Wir brauchen eine europäische Energiewende. Ein Beispiel: In Rotterdam hat Siemens vor zwei Jahren ein Gas- und Dampfkraftwerk fertiggestellt. Letztes Jahr lief es lediglich 690 Stunden. Warum? Der Überhang an deutschem Ökostrom sorgt nicht selten auch bei unseren Nachbarn für ein Überangebot an Strom. Der Betreiber war gezwungen, das hochmoderne Kraftwerk stillzulegen. Hier zeigt sich: Regionale und nationale Alleingänge bei der Energiewende sind teuer! Und sie gefährden die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und Europas. Wir brauchen keine ausschließlich deutsche Energiewende – sondern eine gesamteuropäische. Im Moment strebt Europa energiepolitisch auseinander. So erwägt der polnische Netzbetreiber PSE ernsthaft, sich vor Ökostrom-Überschüssen aus Deutschland mit Hilfe von Phasenschiebern abzuschotten. Wir müssen die umgekehrte Richtung einschlagen und die Energiewende europäisch vernetzen. Im wörtlichen Sinne durch Leitungen, die die Zentren der Stromerzeugung mit den Zentren des Stromverbrauchs verbinden. Und im übertragenen Sinne – durch enge politische Absprachen mit unseren Nachbarn.

Anpassung der Energiewendepolitik erforderlich

Wir stehen mit der Energiewende heute vor ähnlich großen Herausforderungen wie vor 10 Jahren bei den Arbeitsmarktreformen. Unser Ziel: ein nachhaltiges Energiesystem mit verlässlicher Versorgung und erschwinglichen Strompreisen. Eine verfehlte Energiewendepolitik wird vielleicht nicht gleich zu einem Massenexodus der deutschen Industrie führen. Aber doch zu einem schleichenden Verlust wirtschaftlicher Stärke. Und der kann Arbeitsplätze kosten.  Die erste Ausrichtung der Energiewende vor knapp zwei Jahren bedarf der Überprüfung und Revision. Völlig unabhängig vom Ausgang der Bundestagswahl muss das eine Priorität auf der Agenda der nächsten Bundesregierung sein. Nicht zuletzt gilt: Nur eine wirtschaftliche erfolgreiche Energiewende kann ein Vorbild für andere Länder und ein Exportschlager werden.