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23.11.2017 12:19 Alter: 236 days

Aktiv werden: Zukunftsfragen an Städte

Onlinehandel führt zu Verkehrsflut / Ein Drittel der Verbraucher unzufrieden mit der Paketzustellung / Bürger fordern E-Mobilität auf der „letzten Meile“: Doch bislang fehlen Städten und Logistikern ganzheitliche Konzepte, um die veraltete und ineffiziente städtische Logistik fit für die Zukunft zu machen. Zu diesen Ergebnissen gelangt die Studie „Aufbruch auf der letzten Meile – Neue Wege für die städtische Logistik“ von PricewaterhouseCoopers GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft (PwC).


Dietmar Prümm, Leiter Transport & Logistik bei PwC in Deutschland informiert über Kernaussagen der Studie und stellt zugleich Lösungsansätze für Logistiker und Städte vor.

Foto und Grafik: PwC

Die Verkehrssysteme deutscher Städte stehen vor einer großen Belastungsprobe: Der boomende Onlinehandel sorgt für eine Verkehrsflut, zugleich fehlt innerstädtischer Raum für den Warenumschlag. Staus und unpünktliche Lieferungen sind die Folge. Ein Drittel aller Konsumenten ist unzufrieden mit dem Service der Paketdienste. Die steigenden Lärm- und Schadstoffbelastungen verschärfen die Problematik.

Neue Wege für die städtische Logistik

Der wichtigste Einflussfaktor für Logistikdienstleister und Städte ist das Einkaufsverhalten der Endverbraucher. Deshalb befragte PwC für die Studie mehr als 1.000 Konsumenten umfassend nach ihrem Einkaufsverhalten, ihren Präferenzen bei der Paketbelieferung und ihrer Akzeptanz verschiedener Distributionskonzepte für die letzte Meile.

Unsere Experten sind der Frage nachgegangen, welche logistischen Herausforderungen sich durch den zunehmenden Onlinehandel für die Städte und letztendlich auch für die Logistikdienstleister ergeben. Beleuchtet werden die Bedürfnisse der Kunden hinsichtlich der Bestellprozesse und der Lieferung der Ware und daraus abgeleitet auch Treiber, Herausforderungen und mögliche Zukunftskonzepte.

Immer mehr Pakete

Die repräsentative Umfrage ergab: Rund ein Drittel der Befragten ist mit der Paketzustellung unzufrieden. 20 Prozent bemängelten eine unpünktliche Lieferung; 18 Prozent gaben an, beschädigte Sendungen erhalten zu haben. Die Verbraucher legen Wert auf pünktliche, umweltfreundliche Lieferungen an die Privatadresse, in selbst bestimmten Zeitfenstern und mit ständiger Statusüberwachung (Tracking). Gleichzeitig wollen 91 Prozent der Befragten eine Paketzustellung zum Nulltarif. Diese Ambivalenz setzt die Logistikdienstleister unter Druck. Mit den Konsumentenanforderungen steigen die Logistikkosten, gleichzeitig fehlt aber die Wertschätzung für ihre Dienstleistung. Hier sollte in der Bevölkerung ein Umdenken stattfinden.

Baldige Besserung ist nicht in Sicht. Der Anteil des Onlinehandels am Einzelhandel lag 2016 in Deutschland bei knapp 10 Prozent, Tendenz steigend. In Zukunft wird nicht nur das Sendungsvolumen stark zunehmen, sondern auch die Komplexität der Belieferung. Neue Produktgruppen wie gekühlte Lebensmittel stellen hohe Anforderungen an die Logistik. Es wird noch enger und zeitkritischer auf der letzten Meile.

Konsumenten fordern Elektromobilität

Um das steigende Sendungsvolumen zu bewältigen sowie Kosten zu senken, müssen Logistikdienstleister an technischen Innovationen für die letzte Meile arbeiten. Hier erleben sie ein weiteres Dilemma: Konsumenten sehen Drohnen, Zustellroboter und Kofferraumbelieferung mehrheitlich kritisch.

Viel beliebter ist Elektromobilität als umweltfreundliche und geräuscharme Alternative: Für 61 Prozent der Befragten ist die Auslieferung durch E-Autos oder Lastenfahrräder ein wichtiges Kriterium bei der Wahl ihres Onlinehändlers. Seit Jahren werden in vielen deutschen Städten die Lärm- und Feinstaubgrenzwerte überschritten. Jetzt zwingen die Dieselproblematik, die Ausweitung von Umweltzonen und auch der Klimaschutz zum Handeln.

77 Prozent der befragten Bürger wünschen sich mehr Anreize für Elektrofahrzeuge bei der Paketauslieferung. Deshalb sollten Städte schnell Anreize etablieren, wie zum Beispiel die Aufhebung lokaler oder zeitbezogener Zufahrtsbeschränkungen. Sie müssen jetzt aktiv werden, damit ihre Attraktivität als Standort bei Händlern, Logistikern und vor allem den Bürgern erhalten bleibt.

Städte ringen um Raum

Die Innenstädte stehen bereits heute vor einem Platzproblem: „Knappe Lagerflächen, mangelnde Be- und Entlademöglichkeiten, strikte Zufahrtsregelungen und enge Zeitfenster für Fußgängerzonen lassen Logistikern kaum Raum und Zeit zum Warenaustausch. Das Platzproblem wird sich bereits in naher Zukunft weiter verschärfen: Nicht nur in den Innenstädten wird es eng, sondern im gesamten Stadtgebiet. Jeder einzelne Haushalt wird zum potenziellen Warenempfänger. Der Versuch einiger Städte, Verkehr zu vermeiden oder zu verlagern, um den städtischen Raum attraktiver zu machen, offenbart sich als ein weiterer Zielkonflikt, denn die städtische Infrastruktur bleibt überlastet. Fazit: Städte können durch Regulierung, Incentivierung und Infrastrukturmaßnahmen zur Problemlösung beitragen. Es ist erfolgsentscheidend, dass Kooperationen vorangetrieben und verschiedene Ansätze vereint werden, um die Rentabilität des Projekts sicher zu stellen und alle Interessen zu vereinen. Aber: Die logistischen Anforderungen und die finanziellen und organisatorischen Kapazitäten der Städte sind sehr unterschiedlich, daher muss jede Stadt ihr individuelles Projekt entwickeln.

Lösungen für die städtische Logistik von morgen

Wir empfehlen einen Maßnahmenmix für die städtische Logistik von morgen. Bei den befragten Bürgern kamen die Nachtbelieferung des Einzelhandels (75 Prozent) sowie Maßnahmen zur optimierten Flächennutzung besonders gut an (68 Prozent). Sharing-Modelle versprechen Effizienzgewinne, beispielsweise die gemeinschaftliche Nutzung von Logistikzentren (Multi-Hubs) oder Distributionsstrukturen mit kleineren, teils mobilen Depots (Micro-Hubs) im Stadtgebiet, aber auch eine zeitweilige Nutzung von Parkplätzen als Beund Entladeflächen.

Digitale Lösungsansätze liegen in der besseren Nutzung von Verkehrsdaten für die Verkehrsplanung und -steuerung durch Datenplattformen, sowie im Einsatz von Apps zur Information und Kommunikation zwischen den Beteiligten.

Aufbruch auf der letzten Meile

Die Notwendigkeit zum Handeln ist offensichtlich. Die städtische Logistik muss effizienter, sauberer und leiser werden; und sie muss dem Einkaufs- und Konsumverhalten der Bürger gerecht werden. Um das steigende Sendungsvolumen zu bewältigen und Kosten zu senken, arbeiten Logistikdienstleister bereits an technischen Innovationen für die letzte Meile. Es bedarf aber nicht nur technischer Innovationen. Damit Logistikdienstleister weiterhin ihren Auftraggebern, den Händlern, aber auch den Endverbrauchern hohen Service bieten können, müssen sie enger mit allen Beteiligten der städtischen Logistik zusammenarbeiten – teilweise auch mit den eigenen Wettbewerbern. So können sie Redundanzen abbauen und ihre Dienstleistungen optimieren.

Neue Wege gehen

Vor allem der öffentliche Sektor ist unter Zugzwang. Er muss die infrastrukturellen und regulatorischen Rahmenbedingungen schaffen für eine zukunftsfähige städtische Logistik. Nur wenn Städte vorangehen, Kooperationen initiieren und fördern, können sie Probleme frühzeitig erkennen und lösen. Wenn sie passiv bleiben, werden sie unter zunehmend schwierigen Verkehrsverhältnissen leiden.

Darum gilt es jetzt, eine Bestandsaufnahme der städtischen Logistik vorzunehmen und vielfältige Maßnahmen einzuleiten. Die Stadt muss diesen Prozess vorantreiben und moderieren. Und beide Seiten, die Städte und auch die in der städtischen Logistik tätigen Logistikdienstleister, müssen Antwort auf zentrale Fragen zur Zukunft der urbanen Stadtentwicklung finden. Die Innovationskraft der Logistikdienstleister, die Bedürfnisse der Online- Kunden und die Maßnahmen der Kommunen ihre Städte „lebenswert“ zu gestalten sind nun in Einklang mit einer nachhaltigen Strategie zu bringen. Es ist an der Zeit, in der städtischen Logistik neue Wege zu gehen – für lebenswerte Städte von morgen.

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