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< Dezentral und technologieoffen – die Energiewende effizient gestalten
11.09.2017 16:51 Alter: 11 days

Letzte Ausfahrt Dekarbonisierung

Nicht kleckern, sondern klotzen: Die 25. BBH-Energiekonferenz nimmt sich den großen Themen der Infrastrukturwirtschaft an. Verkehrswende, Sektorkopplung, Dekarbonisierung - geht´s noch eine Nummer größer?   Unsere Gastautoren Manuel Schrepfer (li.) und Dr. Christian Dessau zeigen ihre Impressionen von der wieder hochkarätig besetzten Tagung.   Fotos: Nanna Heitmann


Tatsächlich haben es sich Becker Büttner Held (BBH) mit ihrer 25. Energiekonferenz am 27. Juni nicht leicht gemacht und die großen Post- Energiewende-Prozesse zugleich auf ihre Agenda gesetzt. Und da der Verkehrsbereich eine gleichermaßen komplexe Parallelwelt zur Energiewirtschaft darstellt, begann die Diskussion bereits am Vortag der Energiekonferenz mit einem Verkehrs-Symposium.

Ist der Verkehrssektor „veränderungsbehäbig“?

„Kein Sektor ist so veränderungsbehäbig wie der Verkehrssektor, das Auto hat den Verkehrssektor geprägt“, ist die Meinung von Umwelt-Staatssekretär Jochen Flasbarth. Die Automobilindustrie sei nach wie vor die Schlüsselindustrie im Verkehrsbereich - Kursänderungen durch die Politik seien daher nur schwierig durchzusetzen. Und doch ist Flasbarth überzeugt: „Haupttreiber der Veränderung wird der Klimaschutz sein.“ Am Ende werde das Auto batterieelektrisch betrieben, ÖPNV und Carsharing seien weitere Verkehrsträger, die dazu beitragen, neue Perspektiven für Infrastrukturen zu eröffnen. Verkehrswende bedeutet mehr als die Energiewende im Verkehrssektor. Schon früh in der Diskussion kristallisierte sich heraus, dass weitere Faktoren eine Rolle spielen: Es geht um einen Mentalitätswechsel in der Mobilitätskultur, um stadtplanerische Aspekte und die Frage, wie der öffentliche Raum aufgeteilt werden soll. Immer wieder kreiste die Diskussion dabei um den öffentlichen Personennahverkehr und die Notwendigkeit einer sinnvollen Nahverkehrsplanung. Welchen Beitrag kann die kommunale Verkehrswirtschaft nun für die Verkehrswende leisten? „Die Zuständigkeiten zur Verwirklichung der Verkehrswende liegen hauptsächlich bei den Ländern. Ein integriertes, intermodales Verkehrsangebot ist daher am besten bei dem jeweiligen kommunalen Verkehrsunternehmen verortet“, meint Rechtsanwalt und BBH-Partner Dr. Christian Jung. Bei derzeit 45 Millionen zugelassenen PKW in Deutschland ist klar, dass eine Verkehrs- oder Mobilitätswende nicht allein durch die Umstellung auf Elektroautos erfolgen kann. Das würde zwar die CO2-Emissionen im Verkehrssektor eindämmen, an der Höhe des Verkehrsaufkommens aber nichts ändern. Auf eine Stadt der kurzen Wege setzt Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter vom Bundesministerium für Umwelt und verweist auf die Leipzig-Charta für eine nachhaltige Stadtplanung, die bereits vor zehn Jahren entwickelt worden war, um die Grundlagen für eine neue europäische Stadtpolitik zu schaffen. Eine nachhaltige Verkehrspolitik richte sich aber nicht unbedingt gegen Autofahrer, so Schwarzelühr-Sutter. Vielmehr gehe es um eine sinnvolle Verknüpfung von ÖPNV und Individualverkehr unter der Prämisse der Sauberkeit.

Kommt die Dekarbonisierung?

Er kam, sah und redete: Über eine spontane keynote speech von Umweltminister a. D. Jürgen Trittin durften sich die Konferenzteilnehmer im Anschluss freuen, wodurch das unverschuldet verspätete Eintreffen von Staatssekretär Rainer Baake kompetent überbrückt werden konnte. „Ohne den geordneten, sozialverträglichen Ausstieg aus der Kohle kommt es zum Strukturbruch“, sagte Trittin. Für Deutschland sei es einigermaßen peinlich, zu sagen, Trump habe wegen seines Ausstiegs aus dem Pariser Klimaabkommen den Schuss nicht gehört - angesichts der Tatsache, dass in den USA der CO2-Ausstoß sinkt. Anders als in Deutschland. Seiner Farben-Agenda blieb sich Trittin treu mit seiner Forderung, die 20 ältesten Kohlekraftwerke umgehend abzuschalten. Auch zum Thema Verkehr wollte Trittin einiges sagen. Die deutsche Automobilindustrie habe einen Rückstand von 10 bis 15 Jahren. Diesen Zustand könne man nur überwinden, wenn man Rahmenbedingungen schaffe, die klimaschädliches Verhalten nicht auch noch belohnen.

Stellenwert der Sektorkopplung wird zunehmend erkannt

Den Faden der Dekarbonisierung nahm Staatssekretär Rainer Baake wieder auf. „Dekarbonisierung heißt nicht Deindustrialisierung, sondern Modernisierung“, so sein Credo. Gleichzeitig gab er zu: „Die Energiewende ist bislang vor allem eine Stromwende. Wenn wir unsere ambitionierten Klimaschutzziele erreichen wollen, müssen wir jedoch auch die anderen Sektoren, vor allem Wärme und Verkehr, dekarbonisieren. Dabei wird die sogenannte Sektorkopplung eine zentrale Rolle spielen. Damit zum Beispiel im Verkehrssektor mehr E-Autos auf die Straße kommen und im Wärmesektor moderne Wärmepumpen alte ineffiziente Ölbrenner ersetzen, müssen wir in der nächsten Legislaturperiode insbesondere die Systematik aus Abgaben, Steuern, Umlagen und Entgelten so reformieren, dass sie einer funktionierenden Sektorkopplung nicht mehr im Weg steht.“ Diese Aussage bedeutet im Klartext: Der Strombereich soll kostenseitig entlastet werden. Nach den drei beeindruckenden keynote speeches setzten die BBH-Partner Dr. Ines Zenke und Prof. Christian Held als Moderatoren der Energiekonferenz den Fokus verstärkt auf die Diskussion mit den Teilnehmern. In den anschließenden drei Panels standen die Themenbereiche Infrastruktur, Technologien und Zukunftsmodelle im Fokus.

Dezentrale Infrastruktur versus Sektorkopplung

Wie schaffen wir es, eine dezentrale Infrastruktur zu realisieren, die dem Anspruch der Sektorkopplung gerecht wird? Das war eine der zentralen Fragen des ersten Panels mit Staatssekretär Rainer Baake, MdB Arno Klare (SPD), Dr. Dieter Steinkamp (CEO, Rheinenergie AG) und Jürgen Flenske (Präsident, Verband Deutscher Verkehrsunternehmen). Investitionen seien u. a. im Bereich der Ladeinfrastruktur notwendig, sowohl im öffentlichen Raum als auch bei Hausanschlüssen. Die Energiewende war schließlich auch deshalb so erfolgreich, weil Milliarden darin investiert wurden. Für eine Verkehrswende wird man ähnlich viel aufwenden müssen. Im zweiten Panel diskutierten Jens-Holger Kirchner (Staatssekretär für Verkehr, Berlin), Dr. Thomas Schwarz (Leiter Politik Berlin, Audi AG), Ralf Nagel (Hauptgeschäftsführer, Verband Deutscher Reeder) und Prof. Dr. Christian Küchen (Hauptgeschäftsführer, Mineralölwirtschaftsverband) zusammen mit BBH-Partner Dr. Martin Altrock über Energiequellen und Technikvisionen. Brauchen wir einen politischen Koordinator für die Sektorkopplung und für alternative Kraftstoffe? Die Meinungen gingen hier weit auseinander.

Kommunen und digitaler Wandel

Für die Diskussion um neue Zukunftsmodelle hatte man Christian Hochfeld (Geschäftsführer, AGORA Verkehrswende), Prof. Dr.- Ing. Gerd-Axel Ahrens (Technische Universität, Dresden), Willi Loose (Geschäftsführer, Bundesverband Car Sharing) und BBHPartner Dr. Roman Ringwald als Experten auf das Plenum geladen. Es wurde erneut die Rolle der Kommunen betont, wenn es um Zukunftsmodelle im digitalen Wandel geht. Über bundesweite Ausschreibungen für innovative Verkehrsprojekte als ein international gängiges Konzept wurde ebenso diskutiert wie über eine Roadmap bzw. ein Bündnis für die Verkehrswende, analog zur Energie-Ethik- Kommission. Bekommen wir die Sektorkopplung hin? Nachdem man auf dieser 25. BBH-Energiekonferenz über die komplexen Verdrahtungen zwischen Energie- und Verkehrswende, aber auch über die großen Herausforderungen, die bei der Dekarbonisierung noch kommen mögen, diskutiert hatte, hätte man auf diese Frage womöglich nicht unbedingt eine positive Antwort erwartet. Doch die Konferenzteilnehmer ließen sich den Optimismus nicht nehmen: 25 % antworteten mit einem eindeutigen „Ganz bestimmt!“ und 43 % immerhin mit einem „Ich hoffe es.“ Zu diesem hoffnungsvollen Ausklang der Konferenz passte auch der Schlussvortrag von Prof. Dr. Klaus Töpfer (AGORA Energiewende). Er forderte die Teilnehmer der Konferenz dazu auf, die Diskussion nicht zu kopflastig zu führen, sondern Erkenntnisse in konkretes Handeln zu überführen. In diesem Sinne!

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