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11.12.2015 11:20 Alter: 2 yrs
Kategorie: Wirtschaftsfaktor Energie

Die lernende Regulierung hat sich bewährt

Die Anreizregulierung gehört für die Fernleitungsnetzbetreiber mittlerweile zu ihrem Geschäft wie der Bau und der Betrieb der Pipeline-Infrastruktur selbst. Über die Weiterentwicklung des Regulierungssystems und die Rolle des Netzbetreibers bei der Versorgungssicherheit sprachen wir mit Dr. Christoph von dem Bussche, Geschäftsführer der GASCADE Gastransport GmbH.


Fotos: Heiko Meyer

Herr Dr. von dem Bussche, Ihr Unternehmen betreibt eines der größten Fernleitungsnetze in Deutschland und gilt als Drehscheibe im europäischen Erdgastransport. Sie haben das System der Anreizregulierung von Beginn an als GASCADE-Geschäftsführer begleitet.

Wie ist Ihr bisheriges Fazit?

Das Regulierungssystem hat sich bewährt. Anfängliche Unstimmigkeiten konnten im konstruktiven Dialog beseitigt und der regulatorische Rahmen weiterentwickelt werden. Die Spielregeln sind nun akzeptiert und werden umgesetzt. Auch die Investoren wissen, worauf sie sich einlassen. Da hier die Investitionen im Allgemeinen sicher sind, agieren sie gerne im Energietransportbereich.

 

Nun gibt es Stimmen, die gravierende Änderungen am Regulierungssystem fordern. Sind Sie auch dieser Meinung?

Unsere Aufgabe als Fernleitungsnetzbetreiber ist die Gewährleistung einer sicheren Erdgasversorgung. Das Regulierungssystem hat die dazu notwendigen Investitionen in die Netze ermöglicht. Gravierende Umgestaltungen der Rahmenbedingungen werden nach meiner Einschätzung weder vom Verordnungsgeber, noch von Marktteilnehmern oder den Fernleitungsnetzbetreibern selbst gefordert.

Als Fernleitungsnetzbetreiber kann ich nur die Notwendigkeit betonen, das Vertrauen der Kapitalanleger in die Verlässlichkeit des deutschen Regulierungssystems zu erhalten und zu stärken.

Grundlegende Änderungen wie sie teils in der Debatte laut werden, wären schädlich. Sie würden das über Jahre gewachsene Vertrauen in die Spielregeln des regulierten Marktes zerstören. Deswegen begrüße ich ausdrücklich, dass die Bundesnetzagentur einem jährlichen Kapitalkostenabgleich eine klare Absage erteilt hat. Dennoch kenne ich die Sorgen der Verteilnetzbetreiber. Um die Investitionsfähigkeit in die Verteilnetze zu gewährleisten, muss da sicher noch nachgebessert werden.

Das Regulierungssystem ist mittlerweile im Schulalter. Wären nicht zumindest kleine Änderungen angebracht?

Es ist bereits gelebte Praxis, dass es regelmäßig Anpassungen im Rahmen einer lernenden Regulierung gibt. Nur so kann der Ausbau und auch die Umstrukturierung der Netzinfrastruktur hin zu einem energiewendetauglichen, effizienten Leitungssystem forciert werden. Auch wir stehen Vorschlägen zur Weiterentwicklung grundsätzlich positiv gegenüber. Sie müssen allerdings einer umfassenden Prüfung standhalten können.

Zur Verbesserung der Gasversorgungssicherheit Deutschlands und der Krisenvorsorge wird der Aufbau einer nationalen Erdgasreserve kontrovers diskutiert…

Heute schultern vor allem die Fernleitungsnetzbetreiber einen Großteil der Verantwortung. Sie sind jene Instanz, die das Gas über ihre Transportleitungen bewegt und auf den Bedarf in den verschiedenen Regionen reagieren muss. Zudem müssen sie genau darauf achten, dass die Drücke im Leitungssystem aufrechterhalten bleiben, damit das Gas in ausreichender Menge zu den Verbrauchern strömen kann. Mit Gas handeln dürfen sie hingegen nicht. Deswegen ist eine Debatte über die Versorgungssicherheit zunächst einmal begrüßenswert. Ich denke allerdings, die Einrichtung einer nationalen Erdgasreserve wird dem Praxistest nicht standhalten.

Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Es sollte jedem klar sein, dass eine nationale Erdgasreserve Kosten im Milliardenbereich verursacht, die der Endverbraucher zu tragen hat. Mit Blick in die Vergangenheit ist eine Gasmangellage in Deutschland noch nie aufgetreten, auch nicht bei der Ukraine-Transportkrise 2009. Somit fehlt jeglicher empirischer Beweis für die Notwendigkeit einer solchen Reserve. Das bestätigt übrigens die vom Wirtschaftsministerium in Auftrag gegebene Studie zur Erdgasversorgungssicherheit.

Welche Lösung favorisieren Sie?

Schauen wir den Tatsachen ins Gesicht: Vor der Entflechtung stellten die integrierten Gasversorgungsunternehmen die Versorgung auch unter außergewöhnlichen Bedingungen sicher. Obwohl die Versorgungssicherheit noch immer als übergeordnete Gesamtaufgabe besteht, ist es heute leider nicht mehr so einfach. Es gibt nicht mehr die Gasversorgungsunternehmen, sondern verschiedene entflochtene Unternehmen mit unterschiedlichen Marktrollen. Im Markt bestehen aber durchaus Anreize, sich zu Lasten anderer Marktrollen zu optimieren. Gerade wenn es um die physische Bereitstellung von Gas geht, kann dies nur begrenzt gut gehen.

 

Warum?

Wir als Netzbetreiber stellen zwar den Transport des Erdgases zu den Verbrauchern sicher, sind dabei aber auf die Bereitstellung von Erdgas durch unsere Kunden angewiesen - selbst in Zeiten möglicher Marktverwerfungen. Um dies auf starke Füße zu stellen, müssen Lieferanten nachhaltig Bereitstellung und Verbrauch von Gas ausgeglichen halten.

Teil eines solchen Lösungsansatzes könnte allerdings sein, dass der Fernleitungs netz betreiber eine kleine Stabilitätsreserve in seinem Netz vorhält, um kurzfristig auf Marktverwerfungen reagieren zu können - bis sich der Markt auf die neue Situation eingestellt hat. Dies muss allerdings in einem angemessenen Kosten-Nutzen-Verhältnis stehen und darf nicht dazu führen, dass die übrigen Marktteilnehmer aus ihrer Verantwortung entlassen werden.

www.gascade.de