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< EWE ist starker regionaler Wirtschaftsfaktor
15.05.2014 07:15 Alter: 4 yrs

Die Energiewende – Herausforderung für Politik und Unternehmen

Um das Stimmungsbild der Unternehmen, die unmittelbar von den mit der Energiewende einhergehenden Strukturveränderungen betroffen sind, wiederzugeben, hat das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI) im Rahmen der 21. Handelsblatt Jahrestagung Energiewirtschaft 2014 in Berlin gemeinsam mit EUROFORUM eine Kurzbefragung unter den Teilnehmern durchgeführt. Die Ergebnisse liegen nun in einer Kurzstudie des EWI vor. (Autoren Dr. Christian Growitsch, Dr. Heike Wetzel und Lisa Schauop)


ThemenMagazin befragte PD Dr. Christian Growitsch, Direktor für Anwendungsforschung und Mitglied der Geschäftsleitung am EWI, zu wesentlichen Aussagen der Studie.

Herr Dr. Growitsch, welche übergreifende Erkenntnis vermitteln die Aussagen der Studienteilnehmer?

Die Ergebnisse unserer Umfrage zeigen, dass die Energiewende und der damit verbundene Systemwandel eine große Unsicherheit bezüglich der zukünftigen Entwicklung des Marktumfelds induziert. Die politisch bestimmte Umstellung des Energiesystems im Rahmen der Energiewende erleben alle energiewirtschaftlichen Akteure, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung. Regulierung und Gesetzesvorgaben bedingen teilweise neue Strukturen, die auf das Gesamtsystem wirken. Daraus leitet sich für die Unternehmen ein struktureller Anpassungsbedarf ab. Aufgrund der neuen, vor allem auch dezentralen Strukturen werden auf der einen Seite Erlösmöglichkeiten in einigen klassischen Geschäftsfeldern reduziert, an anderer Stelle entstehen neue Wachstumspotenziale in anderen Geschäftsfeldern. Unsere Analysen machen deutlich, dass auf Unternehmensebene politische Unsicherheit die größte Herausforderung darstellt. Die Unternehmen der Energiewirtschaft versuchen eine Strategieanpassung um den aktuellen Herausforderungen zu begegnen. Vorn auf der Agenda steht Diversifizierung mit der Ausweitung des Unternehmens angebots, gefolgt von Kooperationen.

Wie wird das Thema ErneuerbareEnergie-Gesetz (EEG) gesehen?

Es gibt deutliche Erwartungen, dass in vielen Bereichen teils umfangreiche Anpassungen der aktuellen Rahmenbedingungen vorgenommen werden. 46 % der Studienteilnehmer sehen die Novellierung des EEG als aktuell größte Herausforderung der deutschen Energiepolitik, gefolgt von dem Erhalt der industriellen Wettbewerbsfähigkeit, was 22 % der Befragten angeben. Dagegen betrachten lediglich 13 % die Sicherstellung der Ver sorgungssicherheit als oberste Priorität, der Netzausbau und die Erreichung der gesetzlichen Emissionsvermeidungsziele folgen mit 6 % bzw. 2 %. Die Betrachtung differenziert nach Branchen zeigt ein unterschiedliches Bild. Stadtwerke und Regionalversorger sehen zwar auch die Novellierung des EEG als größte Heraus forderung der deutschen Energiepolitik an (49 %), weisen aber der Sicherstellung von Versorgungssicherheit (22 %) gegenüber dem Erhalt der industriellen Wettbewerbsfähigkeit (17 %) eine höhere Bedeutung zu. Unterbelichtet werden dagegen der Ausbau von Über tra gungs- und Verteilnetzen sowie die Er rei chung gesetzter Emissions vermeidungsziele als wesentliche Herausforderung der Energie politik.

Welche Herausforderungen stellen sich für Stadtwerke?

Immerhin 34 % aller Antworten (Mehrfachnennungen waren möglich) belegen politische Unsicherheit als die größte Herausforderung für alle befragten Unter nehmen. Weil eine damit einhergehende Ungewissheit über die Entwicklung zukünftiger Rahmenbedingungen Investitions hemmnisse impliziert. Da für Investoren und Unternehmen eine langfristige Planungssicherheit essentiell ist, kann so politische Unsicherheit zu verzögerten oder sogar ausgesetzten Investitionen führen. Die angespannte Erlössituation in der Erzeugung empfinden die Teilnehmer der Studie als weitere große Herausforderung (22% aller Befragten). Für konventionelle Erzeuger sinken die durchschnittliche Einsatzdauer und potenzielle Erlöse zum Teil drastisch. Eine detaillierte Analyse unserer Umfrage ergebnis se für einzelne Unternehmenszweige zeigt insbesondere bei Stadtwerken, Regional versorgern und anderen Energieversorgern, dass diese Unternehmen zunehmend von einer angespannten Erlössituation in der Erzeugung betroffen sind und dies sogar als ihre größte Herausforderung benennen (30 %).

Wie steht es um Strategieanpassungen von Unternehmen?

Viele Unternehmen sehen die Notwendigkeit umfangreicher Strategieanpassungen, um in dem „neuen“ Marktumfeld wettbewerbsfähig zu bleiben. Sie orientieren sich auf die Ausweitung des bisherigen Unternehmens an gebots in Form von Diversifizierung mit neuen Geschäftstätigkeiten oder Produkten, die Fokussierung auf bestimmte Bereiche (beispielsweise durch Spezialisierung) sowie Kooperationen mit anderen Unternehmen. Auf die Frage nach der Art der Strategie anpassung für ihr Unternehmen gaben 43 % aller Teilnehmer Diversifizierung an. Die Streuung von Risiken sowie die Reduzierung der Abhängigkeit von Entwick lungen einzelner Geschäftsfelder scheint die attraktivste Strategie anpassung zu sein. Innerhalb der Diversifizierung stellt die Erschließung neuer Geschäftsfelder die häufigste Art der Strategieanpassung dar (45 %), gefolgt von der Ausweitung des Dienstleistungsangebots (31 %). Die Verlagerung von Geschäftsfeldern ins Ausland oder der Aufbau bzw. die Erweiterung überregionaler Aktivitäten im Inland sind dagegen mit 13 bzw. 11 % seltener genutzte Diversifizierungsstrategien. Die Nutzung verschiedener Kooperations strategien gaben 32 % der Be fragten an. Projektbezogene und damit relativ kurzfristige Kooperationen zeigten sich mit 44 % der Nennungen als beliebteste Kooperationsform. Beteiligungen und Ver bundbildungen sind mit 27 % bzw. 21 % ebenfalls häufig genannt. Ein Großteil der von uns befragten Unternehmen will zukünftig als Energiedienstleister agieren (52 %, Mehrfachnennungen waren möglich), gefolgt von regionalen Quer verbundunternehmen (21 % aller Antworten).

Wie wurde der Megatrend Big Data reflektiert?

Erkannt wird, dass dieser sogenannte Megatrend Big Data für Unternehmen sowohl neue Chancen als auch Risiken bietet. Auf die Frage, welche Entwicklungen sie im Hinblick auf den Megatrend Big Data sehen, gaben die Befragten die Entstehung neuer Geschäftsfelder (29 % aller Antworten) und die Entwicklung neuer Geschäftsprozesse (24 % aller Antworten) an. Sind die betreffenden Unternehmen noch nicht in diesen Bereichen aktiv, ergeben sich dadurch weitere Diversi fizierungspotenziale. Durch diese Veränderungen ergeben sich neue Herausforderungen für Unter neh men. Nach Einschätzung der Studien teil nehmer werden zukünftig verbessertes Kunden management und -betreuung (21 % aller Ant worten) von gesteigerter Bedeutung sein. Darüber hinaus erlangen Aspekte rund um das Thema Daten schutz erhöhte Auf merksamkeit (14 % aller Antworten), welche von den Unternehmen adressiert werden müssen. Ebenso wird befürchtet, dass durch die Strukturveränderungen neue Wett be wer ber in den Markt drängen (13 % aller Antwor ten), welche wiederum das Unter nehmens umfeld von bereits etablierten Unternehmen verändern und beeinflussen.

Welches Fazit zieht die Studie aus den abgebildeten Meinungsäußerungen?

Im Ergebnis von Befragung und Analyse der Ergebnisse zeigt sich das aktuelle Stimmungsbild der Branche und benennt die für Politik und Unternehmen durch die Energiewende entstehenden Herausforderungen. Dabei wird die Novellierung des EEG als größte Herausforderung für die Politik bewertet. Um ein für Unternehmen sicheres Investitions umfeld zu schaffen, muss Politik die langfristige Auf rechterhaltung aktueller Rahmen beding ungen glaubhaft versichern. Durch den drastischen Politikwechsel beim Ausstieg Deutschlands aus der Kernkraft wurde die Glaubhaftigkeit langfristiger politischer Entscheidungen stark beschädigt. Das hohe Ausmaß regulatorischer Eingriffe im Energiemarkt kann sowohl lang-, als auch kurzfristig zu gravierenden Fehlentwicklungen führen. Wenn auch die Energiewende ein politisches Ziel ist, kann diese nur mit Hilfe klarer und langfristig gesicherter ordnungspolitischer Rah menbedingungen gelingen.

Download Studie „Die Energiewende – Herausforderung für Politik und Unternehmen“ unter www.ewi.uni-koeln.de