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< Systemstabilität verlangt kooperative Zusammenarbeit
17.07.2017 10:54 Alter: 131 days

Die Energiewende findet im Verteilnetz statt

Die Verteilnetzbetreiber haben im Zuge der Energiewende enorm an Bedeutung gewonnen. Sie leisten einen wesentlichen Beitrag zur Systemstabilität der Stromnetze und der Kopplung des Stromsektors mit dem Wärme- und Verkehrssektor.


Wir sprachen mit Tim Hartmann, Vorstandsvorsitzender der envia Mitteldeutsche Energie AG (enviaM), über die neue Rolle der Verteilnetzbetreiber und die aus seiner Sicht zwingend notwendigen Änderungen der ordnungspolitischen und regulatorischen Rahmenbedingungen.
Foto: Guido Werner

Herr Hartmann, welche Rolle spielen die Verteilnetzbetreiber für die Energiewende?

Die Energiewende findet im Verteilnetz statt. Der Wandel von der zentralen zur dezentralen Energieversorgung hat zu einer deutlichen Aufwertung der Verteilnetzbetreiber geführt. 98 Prozent der Anlagen zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien sind an die Ver­teilnetze angeschlossen. Allein in unserem Netz­gebiet sind es mittlerweile über 40.000. Sie decken hier rein rechnerisch inzwischen mehr als 85 Prozent des Stromverbrauchs ab. Im Bundesdurchschnitt sind es lediglich gut 30 Prozent. Damit haben wir schon heute die Ziele der Bundesregierung für das Jahr 2050 überschritten. Pro Jahr geben wir mittlerwei­le rund 300 Millionen Euro für die Instand­hal­tung und den Ausbau unserer Stromnetze aus. Trotzdem kommt es regelmäßig zu Eng­pässen. Wir managen diese rund um die Uhr und sorgen so für eine sichere und zuverlässige Stromversorgung.

Was haben die Verteilnetzbetreiber denn mit System- und Versorgungs­sicherheit zu tun? Das machen doch die Übertragungsnetzbetreiber …

… Das ist falsch! Die rund 800 Verteil­netzbetreiber in Deutschland decken rund 95 Prozent des Stromnetzes ab. Ihre Bedeutung für die Systemstabilität, die vor der Energie­wende so gut wie ausschließlich Aufgabe der Übertragungsnetzbetreiber war, wächst rasant. Sei es Spannungshaltung, Versorgungs­wieder­­aufbau, Engpassmanagement oder die Erbringung von Regelleistung – die Verteil­netzbetreiber leisten hier schon heute einen wichtigen Beitrag. Er wird künftig deutlich weiter zunehmen.

Ich möchte dazu ein Beispiel anführen. In unserem Netzgebiet stehen rund 8 Gigawatt installierter Leistung bei erneuerbaren Energien lediglich gut 3 Gigawatt Bedarf gegenüber. Wenn die Sonne scheint und der Wind weht, müssen wir einen enormen Stromüberschuss „entsorgen“. Diese anspruchsvolle Situation für die Netz­steuerung meistern wir jeden Tag souverän.

Wir erleben gerade eine neue Phase, wo aus der Stromwende durch Sektorkopplung eine echte Energiewende werden kann. Sind die Verteilnetz­betreiber dieser Herausforderung gewachsen?

Auf jeden Fall. Um die Klimaschutzziele zu erreichen, müssen wir die Energiewende von einer Stromwende zu einer Wärme- und Ver­kehrswende weiter entwickeln. Zwei Drittel unseres Energieverbrauchs und unserer CO2-Emissionen entfallen auf den Wärme- und Verkehrsbereich. Hier gilt es anzusetzen. Wir werden künftig verstärkt mit Strom aus erneuerbaren Energien heizen und fahren. Auch hier spielen die Verteil­netz­betreiber eine Schlüsselrolle. Denn an ihre Netze werden die neuen Heizungsanlagen und E-Ladesäulen angeschlossen. Es sind folglich die Verteil­netzbetreiber, die den Stromsektor intelligent und effizient mit dem Wärme- und Verkehrs­sektor koppeln und dafür sorgen, dass der regional erzeugte Strom aus erneuerbaren Energien auch regional genutzt wird. Dabei spielt die Digitalisierung eine wichtige Rolle. Sie liefert die notwendigen Daten. Diese sind den Verteilnetzbetreibern uneingeschränkt zur Verfügung zu stellen. Das in dieser Legis­laturperiode verabschiedete Gesetz zur Digi­talisierung der Energiewende lässt hier leider zu wünschen übrig. Es hat das Daten­manage­ment für die intelligenten Mess­systeme in die Hände der Übertragungs­netzbetreiber gelegt. Dies ist aus Sicht der Verteilnetzbetreiber nicht nachvollziehbar.

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Die wachsende Bedeutung der Verteilnetz­betreiber für die Energiewende kommt in der Politik leider nur sehr langsam an. Das Ener­giewirtschaftsgesetz (EnWG) fußt in weiten Teilen noch immer auf einer zentralen und analogen Stromversorgung, die der Ver­gangen­heit angehört. Dies muss sich ändern. Wir brauchen gesetzliche Neuregelungen, die die Schlüsselrolle der Verteilnetzbetreiber für die Umsetzung der Energiewende angemessen berücksichtigen.

Die neue Bundes­re­gierung sollte hier nach der Bundestagswahl entsprechende Akzente setzen. Dabei ist auch die Zusammenarbeit zwischen den Verteil­netzbetreibern und den Übertragungs­netz­betreibern zu berücksichtigen. Rollen, Verant­wortlichkeiten und der Datenaustausch sind schnellstmöglich an die neuen Rahmen­bedin­gungen anzupassen. Auch bei der Regulierung benötigen wir ein anderes Denken. Sie muss künftig sehr viel stärkere Anreize bieten, intelligente Techno­logien zu nutzen, um so die Kosten für den klassischen Netzausbau zu senken.

Die Verteilnetzbetreiber sind kleinteilig und vielstimmig. Ist das Ihr Problem?

Es ist so, dass es den Verteilnetzbetreibern schwerer fällt, politisch wahrgenommen zu werden als den Übertragungsnetzbetreibern. Es ist allerdings nur noch eine Frage der Zeit, wann sich dies ändern wird. Die Verteil­netz­betreiber arbeiten in der politischen Kom­mu­nikation bundesweit immer enger zusammen. Dies wird von Bund und Ländern aufmerksam beobachtet. Ob gemeinsame Ar­beits­gemein­schaften, Studien, Positions­papiere oder Presse­gespräche – wir sind auf einem guten Weg.

Sie sprachen davon, dass die Zusam­men­arbeit zwischen Verteilnetz­betrei­bern und Übertragungsnetz­betreibern neu geregelt werden muss. Beim Eng­passmanagement funktioniert die Koor­dination momentan über die so­genannte Kaskade. Ist diese überholt?

Die Zusammenarbeit über die Kaskade beim Engpassmanagement hat sich bewährt. Das Modell ist ein Erfolg und muss fortgesetzt und erweitert werden. Jeder Netzbetreiber ist für die Sicherheit in seinem Netz verant­­wort­lich. Die Zuständigkeit der Übertragungs­­netz­betreiber endet daher bei den Ver­knüp­fungs­­punkten zum Verteilnetz. Was aber hinter diesen passiert, sollte die Über­tragungs­netzbetreiber künftig auch bei der Erbringung von anderen Systemdienst­leistungen wie Spannungshaltung, Versor­gungs­wieder­auf­bau oder Regelleistung nichts mehr angehen. Die anderen Systemdienst­leistungen sind in die Kaskade einzubeziehen. Nur so ist die Haftung klar abgegrenzt.

Die Ausweitung ist im Energiewirtschafts­gesetz neu zu regeln. Auf diese Weise werden wir dem Wandel von der zentralen zur dezentralen Energieversorgung im Zuge der Ener­gie­wende gerecht.

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