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< Energiemarkt 2025 – Trends, Perspektiven, Strukturbrüche
02.03.2017 14:53 Alter: 2 yrs

Das Stadtwerk der Zukunft – intelligent vernetzt

Auch die Stadtwerke sehen sich herausfordernden Zeiten gegenüber. Gesellschaftliche Megatrends wie Demografischer Wandel, Klimaschutz sowie Digitalisierung stellen die Frage nach Infrastrukturerhalt- und Finanzierung wie auch nach neuen Geschäftsmodellen und Kundenbeziehungen. Stadtwerke stellen sich den Herausforderungen, die sich insbesondere aus der Digitalisierung ableiten.   Ein Gastbeitrag von Andreas Feicht, Vorstandsvorsitzender der WSW Wuppertaler Wasser & Energie AG und Vizepräsident VKU Verband Kommunaler Unternehmen e.V..


Foto: VKU

Wir leben in einer Zeit rasanter gesellschaftlicher Umbrüche. Die Energiewende ist der Ausdruck zweier sich überschneidender Megatrends, der Neo-Ökologie und der Individualisierung. Ihre Ausprägung erreicht die Energiewende durch die technologischen Möglichkeiten, die ihr die Digitalisierung schafft.

Die Digitalisierung erfasst sämtliche Lebensbereiche: Wir bestellen Bücher, Essen und Kleidung per Smartphone. Wir streamen Musik aus riesigen Katalogen, teilen unseren Standort über Facebook oder speichern unsere Urlaubsfotos und -videos in der Cloud. Die Geschwindigkeit, mit der die digitale Transformation vonstatten geht, ist dabei enorm. Viele Wirtschaftssektoren, wie z. B. die Musikindustrie und das Verlagswesen sowie jüngst auch die Banken, haben sich schon mit disruptiven neuen Wettbewerbern auseinandersetzen müssen.

Bisher ist die Energiewirtschaft weitestgehend verschont geblieben. Das ist aber keine Position auf der sich ausgeruht werden kann. Viele Start-Ups probieren heute schon die in anderen Branchen erprobten neuen Technologien im Energieumfeld aus. Und diese neuen Anbieter treffen auf Kunden, die es gewohnt sind sich in der digitalen Welt zu bewegen. Diese Kunden erwarten auch von ihrem Stadtwerk Antworten auf die Herausforderungen der neuen Zeit.

Wo kann aber die Position eines Stadtwerks in der „Neuen Welt“ sein?

Zum einen braucht ein Stadtwerk seine Herkunft nicht verleugnen. Als traditioneller Anbieter, Betreiber und Besitzer kommunaler Infrastruktur haben Stadtwerke jahrzehntelange Erfahrung in der Bereitstellung kommunaler Infrastruktur.

Diese besteht nicht nur in den Gas-, Strom- und Fernwärmenetzen vor Ort sondern häufig darüber hinaus in den Wasserversorgungs- und Abwasserentsorgungsnetzen – zumindest innerhalb der kommunalen Familie.

Diese Infrastruktur muss 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr funktionieren - und das zuverlässig. Die rasante gesellschaftliche Entwicklung hin zur Digitalisierung verbunden mit den technologischen Möglichkeiten und den sich ändernden Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger führen zu der Frage, ob diese traditionelle Bereitstellung von Infrastruktur zukünftig noch ausreichend ist.

Gleichzeitig ergeben sich aus diesen Entwicklungen aber auch riesige Chancen. So erfordert die Energiewende zukünftig eine Vernetzung der unterschiedlichen Energieträger miteinander, um gelingen zu können.

Dies ist nur durch eine intelligente Verbindung von Netzen sowie Erzeugungs- und Verbrauchseinrichtungen möglich. Aber auch die Weiterentwicklung der städtischen Infrastruktur hin zur Smart City kann ein Aufgabengebiet für Stadtwerke sein. Die Grundlage muss hier in der Errichtung oder Nutzung einer Kommunikationsinfrastruktur liegen, die zum Beispiel durch die Verlegung von Glasfaserkabeln für eine flächendeckende Breitbandinfrastruktur ermöglicht wird.

Konzeptionelle Möglichkeiten nutzen

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Nutzung der konzeptionellen Möglichkeiten, die die Digitalisierung schafft. Die neue Energiewelt ist dezentral. Schon heute sind 97 Prozent der erneuerbaren Energien an die Ebene der Verteilnetze angeschlossen und immer mehr Energieverbraucher werden zu sogenannten Prosumern.

Ein „zentraler“ Kraftwerkspark mit wenigen Akteuren weicht einer „dezentralen“ kleinteiligen Energielandschaft: Gemäß Angaben von Trend Research besaßen bereits 2013 Privatpersonen und Landwirte die Hälfte der Erzeugungskapazität an erneuerbaren Energien. Fast die Hälfte der installierten Solar- und Bioenergie und mehr als die Hälfte der Windenergie gehen auf das Konto der Bürger. Inzwischen dürfte diese Zahl weiter gestiegen sein. Die Bundesnetzagentur rechnet in ihrem Szenariorahmen bis 2030 mit dem Zubau von 135 Gigawatt erneuerbarer Energien, die auf der Verteilnetzebene zugebaut werden. Das ist das Achtfache dessen, was auf der Ebene der Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) zugebaut wird.

Stadtwerke als Manager der Energiewende vor Ort

Gerade in einer solchen Welt sind Stadtwerke als Manager der Energiewende vor Ort notwendig. Ihnen obliegt die Steuerung der Verteilnetze. Sie erfahren die Netzzustände unmittelbar und können Optimierungen vornehmen. Besonders spannend ist jedoch die „Neue Energiewelt“ für den marktlichen Bereich der Stadtwerke. Es zeichnet sich der Trend ab, dass zumindest mittelfristig nur noch wenig Geld mit dem reinen Commodity-Vertrieb verdient werden kann. Deswegen setzen viele Stadtwerke auf Energiedienstleistungen, die weit gefasst sein können.

Insbesondere die Generierung und Hebung von Flexibilitäten wird dabei zukünftig eine Rolle spielen. Auch hierfür ist eine optimale Vernetzung von Datenflüssen die Voraussetzung. Viele engagieren sich schon in diesen Bereichen. Der Aufbau von Flexibilitätspools auf Erzeugungsseite für die Regelenergievermarktung ist schon fast state of the art. Im nächsten Schritt werden Lastflexibilitäten und die Ausweitung der Segmente für die Vermarktung angegangen.

Das Ziel eines zukünftigen Vertriebsangebots muss die Konzeption eines holistischen Energiekonzeptes mit Lastverschiebung, Eigenerzeugungsanlagen, Speichern sowie einer Datenübertragungsstrategie als Kundenlösung sein. Und auch an dieser Stelle sind Stadtwerke prädestiniert für diese Aufgabe, da diese holistischen Konzepte hoch individuell, wenn nicht für einzelne Häuser, so doch wenigstens für einzelne Quartiere zu entwickeln sind.

Echte digitale Angebote entwickeln

Spannend wird weiterhin sein, wie sich die Stadtwerke zukünftig bei den echten digitalen Angeboten aufstellen werden. Nicht zuletzt geht es hierbei auch um die Darreichungsform der Produkte an den Kunden. Einer Welt, in der über Social Media kommuniziert und ECommerce-Plattformen zum Einkaufen genutzt werden, können sich auch Stadtwerke nicht entziehen. Viele haben den Trend schon erkannt und bieten ihre Produkte, manchmal schon mit Optimierungsmöglichkeiten für den Kunden, mit erweitertem Dienstleistungsspektrum online an. Darüber hinaus sind auch die meisten Stadtwerke schon in den sozialen Medien aktiv.

Als Fazit kann festgehalten werden, dass sich der Energiemarkt im Augenblick so schnell wandelt, wie es bisher in der Geschichte nicht vorgekommen ist. Auslöser sind zum einen neue gesellschaftliche Erwartungen, die in dem Maßnahmenpaket der Energiewende münden, zum anderen aber auch die neuen technologischen Möglichkeiten, die durch die Digitalisierung nutzbar gemacht werden.

Stadtwerke müssen diese Trends aufgreifen und die sich bietenden Möglichkeiten ergreifen. Verbunden mit dem traditionell guten Verhältnis zu den Endkunden, besteht die Chance auf weitere Prosperität in der Zukunft.

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